KRITIK
Jossif Brodskij: »Ausgewählte Gedichte«. Die Arbeiten des 1964 als Nichtsnutz verurteilten sowjetischen Jung-Lyrikers und Übersetzers -- er wurde inzwischen rehabilitiert -- erweisen, daß er kein Nichtsnutz ist, sondern ein ernsthafter Versemacher auf dem Wege zum eigenen Stil. Seine Grundtöne: Melancholie und Trauer; seine Hauptthemen: Freundschaft und Tod. Keines der 20 teils langen Poeme ist durchweg« eigenständig, viele aber haben einen eigenen Vers, und alle liegen weitab vom offiziellen sowjetischen Kunstkurs. Übersetzer Kaempfe half dem Autor mit einem Nachwort. (Bechtle; 60 Seiten; 16,80 Mark.) Christine Brückner: »Der Kokon«. Mit freundlicher Gelassenheit und scharfem Blick für Zeitumstände prüft die deutsche Romanautorin die Erinnerungen einer sterbenskranken Professorenwitwe. Die Durchschnittsexistenz der bis ins Kleinste angepaßten Ehefrau hat drei Jahrzehnte gewährt, nach dem Tod des Mannes folgt -- wie für Brechts »Unwürdige Greisin«, aber ohne deren Hang zu Marx- die Zeit bescheidener Selbstverwirklichung. Eine Art Lehrmeinung, gegen die hauptberuflichen Witwen gewandt, treibt auch, bei aller Sorgfalt im Persönlichen, Frau Brückners erzählende Erfindungen an. (Ullstein; 220 Seiten; 16,80 Mark.)