Kritik
Rosemary Manning: »Der Mann auf dem Turm«. Die englische Erzählerin benutzt nach neuerer Mode abwechselnd die Ich- und Er-Form, unterbricht sich hin und wieder, um den Leser einzuweihen oder anzupöbeln, zitiert Rilke, Thomas Mann, Gide und Cocteau -- und hat doch etwas höchst Spezielles zu Papier gebracht: einen melancholisch frommen und ins Übersinnliche ausgreifenden, dabei sexbefrachteten und nicht ganz witzlosen Roman -- mit einem Teufel, der als großzügiger und umgänglicher, aber auch nicht wenig herrschsüchtiger Pfandleiher dem Helden, einem unverheirateten Maler, seine Persönlichkeit abnimmt. (Winkler; 220 Seiten; 19,80 Mark.)
Vasco Pratolini: »Geheimes Tagebuch«. Hinter dem lüstern-lockenden Titel verbirgt sich ein Stück durchaus keuscher Prosa: die »cronica familiare« des florentinischen Erzählers. Pratolinis autobiographische Aufzeichnungen sind ein Epitaph für den jung gestorbenen Bruder, der nach dem frühen Tod der Mutter als Leihkind in herrschaftlicher Villa heranwuchs und dann hilf- und mittellos verkam. An ihn richtet der Ältere erinnernd sein Du-Wort und laßt ihn so auferstehen: den brüderlichen Fremden, den späteren Freund, den dennoch Einsamen. Pratolinis Totenbeschwörung macht Subtiles auch durch Verschweigen spürbar. (Benziger; 172 Seiten; 16,80 Mark.)
Aidan Higgins: »Ein später Sommer«. In einem verluderten Landhaus bei Dublin altern mannlos drei schwierige Schwestern. Einst aber -- und vorwiegend vor sommerlichen Prospekten -- liebte Imogen, die jüngste, einen promovierenden Waldschrat namens Otto Beck. »Geboren in Bayern als Sohn gutsituierter Eltern, hatte Otto als Kind nichts entbehrt«, übersetzt Urs Jenny. Der gebildete Teutone lehrt, schön brutal, die Aristokratin lieben und trögt außerdem Details irischer Historie bei. Doch Otto zieht ersatzlos weiter, und der Erstroman endet, wie er begann: mit einem Tiefausläufer und vollmundiger Nacht- und Grabespoesie. (Hanser; 376 Seiten; 26,80 Mark.)