KRITIK
Studs Terkel: »Bericht aus einer amerikanischen Stadt: Chicago«. Die 72 Selbst-Porträts, die Amerikaner aus allen Schichten Chicagos dem Funkreporter Terkel auf Band sprachen -- sie wurden in den USA ein Bestseller -, fördern anstrengungslos zutage, was die Soziologie mühsam auf den Begriff und der literarische Neo-Realismus unsicher imitierend ins Bild zu bringen suchen; die Verstümmelung des Bewußtseins durch die arbeitsteilige Industriegesellschaft, seine Verwüstung durch die Fetisch-Begriffe Geld und Rasse und das trostlose Einverständnis der Beschädigten. Zwar ist da wenig Haß, immer aber Angst. (Nymphenburger; 356 Seiten; 24,80 Mark.)
Friedrich Torberg: »Das fünfte Rad am Thespiskarren«. Er baue weniger auf die eigene Meinung und mehr auf den eigenen Ausdruck, bekennt der witzige und strenge Wiener Torberg in der Einleitung zu seinen gesammelten Theaterkritiken. Die Objekte sind nach Nationen aufgeteilt: im ersten Band die deutsch geschriebenen Bühnenstücke, im zweiten die übrigen. Viele dieser Rezensionen sind so reich an Spannungstricks, schlau eingefügten Anekdoten, lustigen Paradoxien und unverhofften Wendungen wie gute Boulevard-Komödien. Manche sind sogar als -- erstklassige -- Parodien verfaßt worden. (Langen-Müller; zwei Bände: 976 Seiten; 53 Mark)
Ah Mirdrekvandi: »Gunga Din und die 82 Offiziere«. Auf einem Ölfaß in Teheran fabelte im Zweiten Weltkrieg der Gunga Din genannte Boy und Küchenjunge alliierter Offiziere diese orientalisch-phantastische, selbstironische Legende. In unsicherem Englisch spann er sein Garn von der kosmischen Wanderschaft, auf der seine Brotgeber und er nach Weltkrieg III gen Himmel streben, jedoch zunächst an das Jüngste Gericht zurückverwiesen werden. Dort paukt ein Verteidiger die Offiziere heraus; Gunga Din aber wird zu zehn Jahren Hölle verknackt. Das literarische Unikum erschien 1965 in England. Der Autor verscholl. (Rauch; 124 Seiten; 9,80 Mark.)