Kritik - DER SPIEGEL
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Kritik

• aus DER SPIEGEL 4/1968
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Johannes Ockeghem: »Missa »Mi-Mi"«; Jacob Obrecht: »Missa«. Mit ihrer verwirrenden Polyphonie sind die beiden Größen der niederländischen Frührenaissance fast ebenso schwer zu hören wie zu singen; die Cappella Lipsiensis nimmt jedoch auch die verschrobensten Synkopen so elegant, daß die Mühe zum Genuß wird. Nur in Obrechts schüchterner Eskalation vom dreistimmigen Kyrie bis zum siebenstimmigen Agnus Dei -- von spröden Uralt-Instrumenten unterstützt-wird der Elan durch einen allzu braven Knabendiskant gebremst. (Archiv 198406; 25 Mark.) »Svjatoslav Richter spielt Chopin und Debussy«. Unter dem faustisch ringenden Zugriff des russischen Großmeisters, der stets ein Äußerstes will, verwandeln sich Chopins »schluchzende Feste« zeitweilig zu einer Stehparty. Doch mit dem Franzosen Debussy, dessen Klangfarbenkunst einmal als »musikalischer Morphinismus« galt, schließt der Russe eine Entente cordiale. Der Mitschnitt einer öffentlichen Richter-Audienz registriert neben dem Schnaufen des Künstlers auch die Katarrhe im Zuhörerraum. (Deutsche Grammophon 135044; 16 Mark.) »Makaber macht lustig«, und schwarzer Humor ist der einzige, den man noch kriegt.« Ist wer zu henken in Paris«, beginnt das erste Stück der Sammelplatte, mit du bist schon wieder ziemlich albärn« schließt das letzte. Die, was ihren Typ angeht, bald neunzigjährigen Klapphorn-Verse ("Zwei Knaben ...") und eine gewöhnliche Schlager-Parodie (beides von Wolter Hedemann passabel vorgetragen) siegen auf diesem Kampfplatz über finstere Volksliedchen, fescheisige Villon-Vortröge und, vor allem, über modefarbene Leichenscherze. (Xenophon X-5001 LP; 18 Mark.)

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