KRITIK
Alban Berg: »Wozzeck«. Der Schönberg-Schüler Berg nannte seine Büchner-Vertonung eine »Piano-O per mit Ausbrüchen«. Pierre Boulez, bedeutendster Berg-Dirigent, wahrt jenes Gleichgewicht zwischen symphonischen und dramatischen Opern-Elementen, zwischen Expression und ironischem Musik-Zitat, Gesang und Sprechgesang, das Bergs atonaler Oper erst Zusammenhalt gibt. Mit dem Orchester der Pariser Oper und brillanten Stimmen (Walter Berry als Wozzeck) gelingt dem Dirigenten eine schwer zu übertreffende Interpretation. (CBS SET 3003; 50 Mark.)
Joseph Haydn: »Missa In Tempore Belli«. Der für Haydns Kirchenmusik typische Grundton eines »fröhlichen Gott-Dienens« wurde bei seiner »Messe in Kriegszeiten« mit komponierter Zeitgeschichte bereichert: Paukenwirbel im »Agnus Dei« kündigen die Napoleonische Armee an. Die Aufnahme macht den Einklang von strahlender Naivität und kühner Harmonik fast glaubwürdig: Mit eindringlichen Soli und Chören (Cambridge-College) bietet sie eine emphatische Wiedergabe des oberflächlich »Paukenmesse« nachgetauften Werkes. (Electrola SME 91 604; 25 Mark.)
»Gisela May singt Chansons«. Die erste Diseuse der DDR -- Lebensgefährtin des ehemaligen Ost-Berliner Philosophie-Professors und einstigen Ulbricht-Häftlings Wolfgang Harich -- erweist sich bei aller Stimmkraft und Musikalität als reiz- und humorlose Zischel. Sie tut, als wolle und als könne sie die kapitalistische Welt mit dem Absingen uralter Kästner-Verse zum Einsturz bringen. Auch Schelmereien, französisches Padampadampadam, diverse Liebesklagen und Zweideutigkeiten werden in diesem Mund zu überforscher Besserwisserei. (Philips 843 957 PI; 18 Mark.)