KRITIK
Anton Bruckner: »Sinfonie d-Moll«. Bruckner hat seine frühe d-Moll-Sinfonie ein Jahr vor seinem Tode als »ungiltig« verworfen und die Partitur mit einer großen Null qualifiziert. Eine Ehrenrettung der Verworfenen versucht das von Bruckner-Aposteln wie Mengelberg und Jochum auf sinfonische Langstrecken und brucknerische Ekstasen eingeübte Amsterdamer Concertgebouw-Orchester unter Chefdirigent Bernard Haitink. Ober die große Null hilft das aufwendige Engagement und das andächtige Orgeln nicht hinweg. (Philips 802 724 LY; 25 Mark.)
»Neue Chormusik I«. Um den vielstimmigen Gesang von Cäcilianismus und Männerchorpathos zu befreien, leistete ein halbes Dutzend weberngläubiger Musikrevolutionäre wie Pousseur, Nono, Ligeti und Schnebel ganze Arbeit: Sie atomisierten die Textvorlagen und ließen die so entstandenen Wortfetzen in sieben Sprachen gleichzeitig (Schnebel) oder von 16 im Halbtonabstand operierenden Stimmen (Ligeti) singen, hauchen, flüstern oder schreien. Die Stuttgarter Schob Cantorum schafft es sogar mit geschlossenem Mund. (Wergo 60026; 29 Mark.) Roy Eldridge / Bud Freeman: »Saturday Night Fish Fry«. Mit wilder Trompeten-Attacca und rauhem Tenorsoxophon-Ton offerieren die Jam-Session-Künstler Roy Eldridge, 56, und Bud Freeman, 61, beide kürzlich auf Deutschland-Tournee, heiteren Hot »One for the money and twa for the show« -- so einer der Titel dieser vergnüglichen Platte. For the money: Jazz aus der Swing-Ara; for the show: witziges Wort-Kabarett des Sängers Eldridge sowie Rock'n'Roll des Gitarristen und Banjo-Veteranen Elmer Snowden, 66. (Fontana 883 909 JCY; 12 Mark.)