KRITIK
Peter Illitsch Tschaikowski: »Sinfonie Nr. 2«. Um sich die Petersburger Musikpapste, die seine erste Sinfonie nicht als Musik anerkannten, gewogen zu machen, schrieb ihnen der Kritiker Tschaikowski labende Rezensionen, dann packte er seine Zweite mit ukrainischen Volksweisen voll -- er hatte richtig spekuliert. Um die heute trotzdem erfolglose »Kleinrussische« populärer zu machen, präsentiert der Kleinrusse Igor Markevitch die Folklore episch breit. Dach die Kleine wird im Spiel des Londoner Symphonie-Orchesters nicht größer. (Philips 835 390 LY; 25 Mark.)
»Therese Giehse spricht«. Die großen Rollen der modernen Bühne sind für couragierte alte Damen geschrieben, und Friedrich Dürrenmatt schrieb sie immer für die Beste -- für Therese Giehse, 69. Die Münchnerin, die auch für Brecht spielte, kreierte die listigen, schrecklichen Dürrenmatt-Matronen in ihrem sarkastischen Präzisionsstil; mit dem bernernden Autor rezitiert sie aus dem »Besuch der alten Dame« und dem »Meteor«. Die Giehse erhebt ihre Stimme jedoch auch, gestochen und kühl, für die Songs der »Mutter Courage«. (Deutsche Grammophon 140 012; 18 Mark.)
Bill Ramsey: »Got A New Direction«. Die Richtung ist neu, wie es der Titel verspricht. Zum schweren Beat der Würzburger »Jay Five«-Comba präsentiert der einstige Stimmungskanonier und Clown vom Dienst ("Ohne Krimi geht die Mimi nie ins Bett") 14 Eigen-Texte und -Kompositionen als lyrischer Schwergewichts-Sinatra, als lachender Irrenhäusler und Blues-Sänger mit negroider Heiserkeit. Das Sortiment ist vielseitig, sein Urheber verblüfft als Verwandlungskünstler der sogenannten U-Musik. Bill Ramsey hat »ne neue Masche -- yeah, man. (Cornet 15 002; 18 Mark.)