Kritik
Gerhard Fritsch: »Fasching«. Die österreichische Kleinstadt, die der Deserteur Felix -- in Mädchenkleidung bei einer Korsagenmacherin untergeschlüpft -- vor den Geschützen russischer Panzer bewahrt, dankt dem Antifa-Gerechten ihre Errettung schlecht. In einem karnevalesken Femegericht zwingen die Honoratioren den zurückgekehrten Mahner zu sado-masochistischer Anpassung und dem Versprechen erinnerungsfreien Wohlverhaltens. Auf dem sentimentalischen Kostümfest des Wieners Fritsch, 43, tanzen indes lauter Klischee-Figuren, die auch bei der pathetischen Demaskierung bleiben, was sie sind: harmlos, weil abstrakt. (Rowohlt; 240 Seiten; 19,80 Mark.) Otto Jägersberg: »Nette Leute«. Der zweite Roman des »westpfahlischen« Sittenschilderers ("Weihrauch und Pumpernickel") Otto Jagersberg, 25, gibt sich kokett schlicht. Ober 268 Seiten hin wird, gekünstelt kurzatmig, ein Tag im Leben des Hugo Rattalt, Vertreter der Versandfirma »Heimbuch«, beschrieben. Durchschnittsmensch Hugo denkt Durchschnittsgedanken und macht mit mehr oder minder netten Durchschnittsdeutschen durchschnittlich dümmliche Konversation. Das bleibt für den schadenfroh feixenden Autor nicht ohne Folgen: Sein Werk wird, was es parodieren wollte -- ein Stück Trivialität, durchschnittlich unterhaltsam. (Diogenes; 268 Seiten; 17,80 Mark.) Leonie Ossowski: »Wer fürchtet sich vorm schwarzen Mann?«. Die Romanverfasserin erzählt im Ich-Ton, als bedauernswertes Heimkind, von der Suche nach einer verschollenen Mutter, den Fehlgriffen und Ausdünstungen einiger Erzieherinnen, ersten Eigentumsdelikten, Ferkeleien im Mädchenschlafzimmer und der hoch aparten Liaison mit einem halbverrückten älteren Herrn. Man spürt die Absicht, unseren Etablierten eine deutsche Kitten oder Zazie auf den Hals zu hetzen, eine gewitzte Göre, die sie bloßstellt -- aber bei der Absicht bleibt es. Ober eine ohnehin recht schmächtige Keßheit siegt die fetteste Sentimentalität. (Piper; 324 Seiten; 19,80 Mark.)