KRITIK
William Faulkner: »Erzählungen II«. Breit und verschwommen wie Old Man River fließt der Zeitstrom der Erinnerung auch durch die Geschichten des zweiten (und vorletzten) Buchs der » Collected Stories«. Treibgut sind gehetzte Neger, giftmordende Chichesaw-Indianer, und sogar die »Verlorene Generation« kommt diesmal zu Wort -- mit wüst saufenden US-Piloten und Tommys im Frankreich des Ersten Weltkriegs. Der 1962 gestorbene Nobelpreis-Autor aus Yoknapatawpha County fabuliert hemmungslos wie eh und je. Sein Grotesk-Humor freilich ist oft überanstrengt und nicht immer lachhaft. (Goverts; 276 Seiten; 22 Mark.)
Rahel Varnhagen: »Briefwechsel mit Alexander von der Marwitz«. Die im Kösel-Verlag aufgereihten »Lebensläufe« sind um ein achtes Glied vermehrt worden, um ein Sortiment von Briefen, die das Berliner Salon-Genie Rahel Levin (1771 bis 18331 verfaßt oder empfangen hat. Marwitz ist nur einer unter mehreren Korrespondenten, auch wenn er als Menschenbeurteiler, Hitzkopf und Geizhals besonders deutlich hervortritt. Die Zeugnisse geselliger Hochkultur sind dort am amüsantesten, wo man einander schlecht macht, und am zähesten, wo man den eigenen Feinsinn und die eigene Empfindungsfülle feiert. (Kösel; 476 Seiten; 19,80 Mark.)
»The Recently Deflowered Girl«. Die Novität im »Klub der Bibliomanen«, der Reihe skurriler Liebhaber-Publikationen des Züricher Diogenes-Verlegers Daniel Keel, offeriert in scheinheiligem Benimmbuch-Stil und lakonischem, doch leicht verständlichem Englisch dem »soeben entjungferten Mädchen« das »rechte Wort für jede zweideutige Gelegenheit«, etwa für »Deflowerment by Old Friend of the Family« oder »during Trans-Pacific-Flight«. Als Autor des Witz-Werks zeichnet eine Hyacinthe Phypps -- in Wahrheit wohl der Illustrator, der als Highbrow-Humorist bewährte Brite Edward Gorey. (44 Seiten; 12,80 Mark.)