Kulturnation im Sparrausch - DER SPIEGEL
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Kulturnation im Sparrausch

Der Kanzler, einheitsselig, spendierte Millionenbeträge für Museen, Bühnen, Orchester und Hochschulen in den neuen Bundesländern - ein Übergangsprogramm. Im nächsten Jahr will er sparen. Viele Pleiten sind jetzt schon abzusehen. Der Bonner Ehrgeiz, so die Sorge der Ministerpräsidenten, höhlt die Kulturkompetenz der Länder aus.
• aus DER SPIEGEL 36/1991
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Die Einheit war noch im Werden, da erschien im Kanzleramt schon der Mann mit der Trompete: Starbläser Ludwig Güttler, Musikhochschulprofessor und Leiter des Ensembles Virtuosi Saxoniae, beschwor den Klassikfreund Helmut Kohl, alles zu tun, um das kulturelle Erbe der Deutschen zu retten.

Eine blendend eingespielte Combo machte mit. Neben Bayerns Generalintendanten August Everding stieß Stuttgarts Wolfgang Gönnenwein ins gleiche Horn, mit ihnen der Leipziger Opernintendant Udo Zimmermann, auch er ein Künstler mit anerkannt geringer Scheu vor Politikern und in Bonn seit der Aufführung seiner Oper »Die wundersame Schustersfrau« bekannt.

Die konzertierte Ost-West-Aktion fand Gehör. Der Kanzler erhob die Kultur der Deutschen gleich zur Chefsache. Im November 1990, nur Wochen nach der deutschen Vereinigung, präsentierte das Kabinett einen ziemlich spektakulären Beschluß zur Bewahrung der Kultur im Beitrittsgebiet, der allein aus Mitteln des Innenministeriums insgesamt 1,2 Milliarden Mark verhieß: *___Mit 600 Millionen Mark wollten die Bonner insbesondere ____die »Einrichtungen von europäischem Rang« im Osten ____bewahren; *___für die marode »Infrastruktur« stellten sie 300 ____Millionen Mark bereit; *___einzelne herausragende Institutionen von ____"gesamtstaatlicher Bedeutung« wie das Dessauer Bauhaus, ____die Potsdamer Schlösser und Gärten und die Gedenkstätte ____Buchenwald sollten gesondert bedacht werden.

Bonner Spitzenbeamte, wegen der Kulturhoheit der Länder mit Kunstvollmachten nicht eben üppig ausgestattet, zogen begeistert mit. Knapp 5 Prozent aller deutschen Kulturausgaben tätigt gemeinhin der Bund - Auslandsaktivitäten eingerechnet (Länder 35, Gemeinden 60 Prozent).

Doch angesichts der Rückendeckung durch den Kanzler sahen die Bundesbeamten ihre große Chance. Haarscharf »an der Dehnungsgrenze haushaltsrechtlicher Usancen vorbei«, wie einer der Beteiligten heute einräumt, installierten sie eine effiziente Sondertruppe.

Federführend war die Abteilung VtK ("Vertriebene, Flüchtlinge, Kriegsgeschädigte, kulturelle Angelegenheiten") beim Bundesinnenministerium. Mit von der Partie: Spitzenkräfte aus dem Kanzleramt sowie dem damals noch existenten Innerdeutschen Ministerium.

Noch im Vereinigungswinter forderten sie bei den Städten und Ländern im Osten eine Liste der erhaltenswerten Kulturgüter an. Über die Mittel beriet dann eine 14köpfige Expertenkommission aus 9 Westlern (wieder dabei: Gönnenwein und Everding) und 5 Ostlern, darunter Trompeter Güttler - alles in allem eine Art kleiner Treuhandanstalt für die Kunst.

Nun ist das Haushaltswerk verabschiedet und zum Großteil ausgeführt - ein ansehnliches Konvolut aus 286 Einzeltiteln, von rund 5 Millionen Mark für das Dresdner Staatschauspiel über 50 000 Mark für das Puppentheater in Frankfurt an der Oder bis hin zum Kreisheimatmuseum im vorpommerschen Altentreptow (10 000 Mark).

10 Millionen Mark erhielt jedes der neuen Länder vorab, als Abschlag. Um die 60 Millionen Mark allein konnte Leipzigs agiler Opernintendant Zimmermann für sein Haus abzwacken.

Vielerorts wird nun emsig gewerkelt und konserviert. Nicht erst seit den ersten Plänen zur Rückverfrachtung des toten Preußenkönigs Friedrich II. nach Sanssouci sind in Potsdam Handwerker zugange, wo die Nationale Volksarmee das Dach nicht ganz dicht gehalten hatte.

Am Deutschen Dom zu Berlin, den DDR-Behörden bloß mit einem ansprechenden Fassadenanstrich versehen hatten, mußten nasse Wände trockengelegt werden - Beispiele für eine intern »Dächer dicht« genannte Sonderaktion.

Elf Monate nach der Einheit sind spektakuläre Kulturkatastrophen in der ehemaligen DDR erst einmal ausgeblieben. Die meisten Theater spielen noch, namhafte Orchester, wie das Leipziger Gewandhausorchester unter Kurt Masur, geben gefeierte Gastspiele.

Die üblichen deutsch-deutschen Pannen gab es. Brav hatten die Bonner beispielsweise insgesamt sieben Millionen Mark für das Theater Cottbus über die Bundeskasse Ost avisiert. Doch die Freude in der Mark blieb erst mal aus - die überforderten Brandenburger hatten den Transfer schlicht verschwitzt.

Obwohl das meiste reibungslos glückte - der kulturelle Konkurs ist lange noch nicht abgewendet. Vom nächsten Jahr an werden Bühnen und Museen, Bibliotheken und Ballette aufgeben, Künstler und Kulturschaffende massenhaft in den Westen wandern.

Im wohlhabenden Westen haben beispielsweise die »Stimmführer« genannten, hoch begehrten Spitzenmusikanten der renommierten Chöre und Orchester erheblich bessere Verdienstmöglichkeiten - Auszehrung im Osten ist langfristig die Folge.

Pleiten sind programmiert. Denn angesichts der stattlichen 4,2 Milliarden Mark, die Ost-Berlin einst in seinen aufgeblähten Kulturapparat gepumpt hat, bringt alle Millionenhilfe aus dem Westen nicht viel.

Wenn am Donnerstag die Ministerpräsidenten zusammenkommen, wollen sie auch noch einmal das Thema Kultur auf die Tagesordnung bringen. Doch große Hoffnung kann sich niemand machen.

Nur mehr 600 Millionen Mark sind für die kulturellen Sonderleistungen im nächsten Haushalt des Bundesinnenministers vorgesehen. Der Schnitt ist drastischer, als es auf den ersten Anschein wirkt.

Weil auch die Löhne und Gehälter denen der Museumswärter, Beleuchter und Kostümschneider im Westen nach und nach angeglichen werden sollen, bedeutet das für die Museen, Bühnen und Orchester der neuen Länder insgesamt schwer zu verkraftende Mehrbelastungen.

Kein Wunder, daß die Bonner Kulturförderer, nicht anders als ihre Kollegen von der Wirtschaft, auf einschneidende Strukturveränderungen drängen. Sie sehen nicht ein, daß die nahe beieinanderliegenden Städte Görlitz, Bautzen und Zittau jede ein Theater betreiben, daß in Schwerin gleich zwei Orchester tönen.

Denn die Hauptträger der Kulturlasten, die Städte, sind in den neuen Ländern noch recht arm. Das kleine Weimar zum Beispiel ist heillos überfordert. In dem 65 000-Einwohner-Städtchen befinden sich die wuchtigen Nationalen Gedenkstätten. Diese Museen, Archive und Bibliotheken bewahren das Erbe des klassischen Weimars auf. Die Kommune allein kann weder sie noch das Nationaltheater verkraften.

Kaum war im Juli von Kürzungen der Überbrückungsgelder die Rede, warnte der Deutsche Städtetag in Köln vor der »politischen Kurzatmigkeit« der »Radikalkur« und konstatierte: »,Strukturveränderungen' im Geschwindschritt sind unseriös und erzwingen kulturelle Kahlschläge, die irreparable Schäden anrichten.«

Hilfen hin, Hilfen her - die Stimmung ist gereizt in Ost wie West. »Knickrige Kulturnation« betitelte die Frankfurter Allgemeine einen Bericht über das »kulturelle Trauerspiel« in den neuen Bundesländern. Andere Wessis mokierten sich über vereinzelte Ost-»Schnorrer« oder über allzu selbstbewußte »Beschwerdeführer«, die zu Podiumsdiskussionen über die Not der neuen Länder »mit Chauffeur und Limousine« anzureisen pflegen.

Andere gingen gleich in den Clinch. Süffisant fragte die (Ost-Berliner) Neue Zeit, ob zur Abwechslung nicht mal »kulturelle Einrichtungen« im Westen geschlossen werden sollen, wenn sich die entsprechenden im Osten als funktionsfähiger erwiesen.

Kein Zweifel: Der Schulterschluß der Kulturnation wird, bei allen guten Manieren, viel Kraft kosten - die Konflikte schwelen schon. Am deutlichsten wird dies bei einer in der westdeutschen Vergangenheit überaus segensreichen Grundidee - bei der Kulturhoheit der Länder.

Schon seit Mitte der achtziger Jahre wird dieses Grundprinzip des Föderalismus von Kultusministern argwöhnisch gegen einen »schleichenden Erosionsprozeß« verteidigt, wie Manfred Erhardt, Berlins Wissenschaftssenator und Präsident der Kultusministerkonferenz (KMK), sagt.

Hellhörig wurden sie wieder mal im Januar dieses Jahres, als Bonner Beamte munter das ehemalige Kulturministerium der DDR am Berliner Molkenmarkt mit einer Dependance des Innenministeriums okkupierten. Und im April teilten sie brüsk mit, sie seien »nicht bereit hinzunehmen«, daß die Bundesregierung verstärkt »Einfluß auf die kulturpolitische Gestaltungsfreiheit der Länder zu nehmen versucht«.

Die Warnung hat ihren Sinn. Schon haben die Bonner eine angenehme Altlast der alten DDR übernommen: Kurz vor dem Untergang wurde dort eine »Nationale Stiftung Kulturfonds« eingerichtet. Rechtsnachfolger: der Bund.

Die Föderalisten sind in einem Dilemma. Für die armen Länder im Osten, so auch KMK-Präsident Erhardt, »muß« der Bund finanzieren - keine Frage. Fraglich aber ist, ob solche »Angebotsdiktatur« die Länderkompetenz auf lange Sicht nicht doch aushöhlt. Erhardt dringt deshalb auf strikte »zeitliche Begrenzung« der außerordentlichen Hilfsmaßnahmen. Deren Ende aber kann niemand absehen.

Ein präzises Datum schwebt ihm auch schon vor: der 31. Dezember 1994. Den hat auch der Einigungsvertrag als ein Datum ausgewiesen, an dem, »sage ich mal: zu grundgesetzkonformen« Gepflogenheiten (Erhardt) zurückgekehrt werden soll.

Bonns Ministerialbeamte sehen das nicht ganz so klar. Im Bericht zur »Kultur im Beitrittsgebiet« formulierten sie den kaum widerlegbaren Satz: »Die Übergangsfinanzierung ist vorübergehend.« o

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