New Rave: Planet Disco - DER SPIEGEL
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New Rave Planet Disco

New Rave heißt der Pop-Trend des Frühjahrs. Das Hamburger Duo Digitalism mixt kräftig dabei mit.
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Ismail Tüfekci, genannt Isi, merkt spätestens an der Milch im Kühlschrank, dass er ausnahmsweise in seiner Hamburger Wohnung und nicht in einem Hotelzimmer aufgewacht ist. "Wenn die mal wieder in pelzigen Klumpen aus der Tüte in den Kaffee fällt, muss ich wohl zu Hause sein", sagt er.

In diesem Moment aber sitzt Isi, 27, gutgelaunt in einem Café im Hamburger Stadtteil St. Georg. Neben ihm sein Partner Jens Moelle, 24, der sich in Aufwertung seines Namens "Jence" nennt.

Seit gut einem Jahr müssen die beiden nur selten ohne Zimmerservice auskommen. Die zwei sind als Techno-Duo Digitalism erfolgreich in der weiten Welt von Los Angeles bis Tokio unterwegs: Sie legen Platten auf oder geben Konzerte mit ihren eigenen Songs. Denn Digitalism-Nummern wie "Zdarlight" und "Idealistic" sind sehr begehrt in der Club-Welt und wurden von Star-Plattenauflegern wie Pete Tong, Soulwax oder Erol Alkan ausgiebig gespielt. Prominente Kollegen wie Depeche Mode oder Daft Punk waren so beeindruckt, dass sie ihre Songs von den Hamburgern überarbeiten ließen.

Nun aber ist das Debütalbum "Idealism" (ab Ende Mai) fertig, und es erscheint natürlich nicht bei einer kleinen Hamburger Plattenfirma, sondern beim schnieken Pariser Hipster-Label Kitsuné. Zu hören sind 15 wuchtige Electro-Hits, die in diesem Sommer die Tanzflächen von Itzehoe bis Ibiza erbeben lassen werden. Diese minimalistische, funktionelle Musik wirkt erst so richtig, wenn sie laut in die Ohren kracht. "Wir wollen, dass die Leute tanzen, bis der Schweiß kondensiert von der Decke tropft", fasst Jence die Digitalism-Mission zusammen. Weil das glänzend funktioniert, hat er sein Jura-Studium geschmissen und Isi eine aussichtsreiche Karriere als Produktmanager von Fitness-CDs abgebrochen.

Zusammengefunden haben die beiden in einem Hamburger Techno-Plattenladen: Jence arbeitete hinter dem Tresen, Isi war sein bester Kunde. Erst legten sie gemeinsam Platten auf, dann versuchten sie sich an eigenen Produktionen. Eines Tages machten sie sich über den Schrummel-Rock-Hit "7 Nation Army" der Amerikaner The White Stripes her, den sie mit allerlei Electro-Geschnurre zur Clubtauglichkeit hochfrisierten. Das war allerdings illegal, also ohne den Segen der Künstler oder ihrer Plattenfirma; ein Untergrund-Hit wurde das Stück trotzdem. Danach wollten sie die U2-Nummer "New Year's Day" zerlegen, aber ihre eigene Komposition "Idealistic", die nur auf die B-Seite sollte, kam so gut an, dass sie die Hauptattraktion wurde.

Das war Ende 2003, seitdem ist ihre Karriere rasant in Fahrt gekommen. Und zwar auch deshalb, weil ihre Musik einem neuen lustigen Trend entspricht: New Rave, auch mal Nu-Rave geschrieben, heißt die hedonistische Pop-Mode dieser Saison, die mal wieder in London ausgebrütet wurde. Vermutlich sind die schnippisch gelangweilten Hype-Architekten des britischen Fachblatts "New Musical Express" dafür verantwortlich, andererseits beansprucht auch die junge englische Band Klaxons das Urheberrecht am Rave-Rummel.

Fest steht, dass New Rave seit dem vergangenen Herbst durch das Pop-Universum geistert. Damit gemeint ist ein euphorisches Spektakel für Teenies, die, neonfarben gekleidet und Leuchtstäbe schwingend, ausgelassen über die mit Schwarzlicht beleuchteten Tanzflächen toben. Den Soundtrack liefern Bands wie Klaxons, Shitdisco, Simian Mobile Disco, New Young Pony Club und eben Digitalism, die die Klaxons passenderweise schon mal remixt haben. Und wie bei jedem Trend-Spektakel will keiner der Betroffenen Teil davon sein. Natürlich sei New Rave eine Medienerfindung, sagt Jence, aber die Kultur, die unter diesem Label zusammengefasst werde, gebe es tatsächlich, selbst in Deutschland. Das belegt schon das letzte Hamburger Gastspiel der Klaxons, bei dem zu sehr fortgeschrittener Stunde Künstler und Fans hoch oben in einem Bunker glückselig auf der Bühne tanzten.

Die erste Rave-Bewegung kam Ende der Achtziger auch aus Großbritannien, als überdrehte Reaktion auf die mürrische Tanzkultur jener Zeit: Aus Manchester wurde "Madchester", das Logo war ein Smiley, die Hosen wurden entsetzlich weit, die begleitende Droge hieß Ecstasy, und die Musik lieferten House-DJs und Bands wie die Happy Mondays.

Der Neue Rave steht für gar nichts, mal abgesehen von Euphorie. Neu ist, dass die Hosen nun eng sind und die Musik global ist. Heute tanzt man also auch zur Musik der aufgekratzten Brasilianer von CSS, zu den coolen Norwegern von Datarock oder eben den Hanseaten von Digitalism.

Den Unterschied macht das Internet. Das Web 2.0 habe den kulturellen Austausch radikal beflügelt, sagen Jence und Isi. All die absonderlichen Klänge, die nun durch das weltweite Web rauschen, scheinen immer mehr Nachwuchskräfte zu allerlei Experimenten zu inspirieren.

Als Digitalism neulich in Australien auftraten, kamen Fans aus Indonesien, als sie in Belgien waren, tanzten ein paar Kanadier an. Kommuniziert wird vor allem über Laptops, Verabredungen trifft man über die Internet-Kontaktseite MySpace. "Natürlich ist es stressig, all die Mails zu beantworten, aber es macht eben auch Spaß!", sagt Jence.

In Hamburg lassen Digitalism nur noch selten die Puppen tanzen. Keine Zeit. Das wird sich auch in absehbarer Zeit nicht ändern. Für den Herbst haben Digitalism eine Tournee geplant, bei der sie etwas Neues ausprobieren wollen, für ein Leben nach dem Rave. "Wir wollen keine richtige Band werden, aber etwas Ähnliches", murmeln sie. Die Milch in ihren Kühlschränken wird wohl weiter versauern.