Pop Schwupp, ein Hit!
Damit kein Zweifel daran besteht, dass in der Popindustrie die Sitten tatsächlich immer härter werden, rollt die zierliche Blondine Katie White zur Begrüßung die Ärmel ihres T-Shirts hoch und streckt ihre dünnen, blaugeschlagenen Arme aus. "Und das ist nichts gegen den Bluterguss, den ich auf meinem Brustkorb habe", sagt die Britin ermattet und auch ein wenig stolz. Da will ihr Partner Jules de Martino nicht zurückstehen und stellt klar, dass er noch mehr Blessuren habe und "eine leichte Gehirnerschütterung", seit sich die beiden am Tag zuvor geprügelt haben.
Die zwei hatten keinen Streit, sie haben nur den Videoclip für ihre nächste Single "Shut Up and Let Me Go" inszeniert, und dummerweise war es ihre eigene Idee, sich vor der Kamera mit Kung-Fu-Tritten und -Schlägen zu malträtieren. Einen Tag lang haben sie mit einem Profi trainiert und dann einen Tag gedreht. Mehr Zeit war nicht. Es gilt, die Poleposition des britischen Pop-Hypes zu verteidigen.
Immerhin hat die aktuelle Ting-Tings-Single "That's Not My Name" Madonna, Coldplay und Rihanna beim Kampf um den ersten Platz der britischen Charts bei Erscheinen abgehängt. Auch das frisch veröffentlichte Debütalbum "We Started Nothing" gilt in Großbritannien als sicherer Hit. Die Kritiker geben sich beglückt: "Unwiderstehlich eingängig", jubilierte der Fachmann der "New York Times", den "sound of the summer" attestiert ihnen die "Sunday Times". Kurzum: Das Duo aus Manchester ist dieser Tage die Lieblings-Popsensation der Briten, und ein paar blaue Flecken steckt man dafür doch gern weg.
Dass der Wirbel in diesem Falle durchaus berechtigt ist, belegten eindrucksvoll die vorab veröffentlichten Ting-Tings-Singles, und das nicht nur, weil sie teils handbemalt und rasant schnell vergriffen waren. Besonders "Great DJ" ist ein Glanzstück brillanter Popkunst, wie es nur sehr, sehr selten gelingt. Eine 3 Minuten und 25 Sekunden lange Lektion in glorreicher Simplizität und Eingängigkeit. Nervös schreddert da eine Gitarre, monoton pulsiert der Beat, und in knappen Worten besingt Katie White dazu die Macht der Plattenaufleger.
Ein Unfall sei dieses Kunststück gewesen, behauptet sie. "Ich habe etwas an der Gitarre probiert, was nicht klappte, und - schwupp - hatte ich etwas Unerwartetes, das großartig klang", sagt sie. Nicht schlecht, wenn man bedenkt, dass sie sich erst seit gut einem Jahr an der Gitarre versucht und ein weiterer Beleg dafür, dass die allerbesten Lieder oft eben nur zufällig gelingen.
Auf jeden Fall ein toller Erfolg für ein Duo, das schon auf der Resterampe der Branche abgelegt war. Besonders Jules de Martino, der auch in halbdunklen Hotelsuiten eine übergroße Sonnenbrille zum George-Michael-Dreitagebart trägt, genießt es offensichtlich, doch noch in der Champions League angekommen zu sein. Ungern wird der 34-Jährige an die Niederlagen der vergangenen Jahre erinnert: "Dafür weiß ich jetzt genau, was ich nicht und nie mehr will", sagt er trotzig.
Aufgewachsen in der Popmetropole Manchester hat er lokale Helden wie New Order und The Smiths bestaunt, und auch in der legendenumwobenen Discothek Hacienda geschwitzt. Irgendwann hat er Malerei studiert, als Songschreiber und Studiomusiker gejobbt und dabei die acht Jahre jüngere Katie White aufgegabelt. Die ist auf einem Bauernhof bei Manchester aufgewachsen, liebte Ballroom-Dancing und Take That und überredete als 16-Jährige zwei Freundinnen, es gemeinsam als tanzende Girlgroup zu versuchen. Daran, wer auf den Namen Total Knock Out, kurz TKO, kam, mag sie sich nicht mehr erinnern, auf jeden Fall schlugen sie eher nirgendwo ein. Wenigstens lernte sie in einem Studio Jules de Martino kennen, der ihr Nachhilfe in Popkultur gab, und weil sie beide den TripHop von Portishead bewunderten, beschlossen sie, sich daran zu versuchen. Dear Eskiimo hieß die Band, die sie mit einem Kumpel starteten, und sie klang so trostlos wie der Name. Selbst der Vertrag, den sie bei einer großen Firma abstaubten, erwies sich als Missverständnis, denn die zuständigen Fachleute scherten sich wenig um die ambitionierten Pläne des Trios und wollten nur wissen, wie weit Katie sich für Herrenmagazine entblößen würde. "Wir saßen den Vertrag dann ein Jahr ab, und beide Seiten waren wohl froh, als es vorüber war", erzählt sie.
Danach galten White und de Martino in der Branche als "verbrannt", behaupten sie. So schlichen sie zurück nach Hause, jobbten hinter hippen Bartresen, produzierten Kunst und schmissen Partys, bei denen sie wieder zu Instrumenten griffen.
Wie irgendwie im Verlauf dieser Nächte doch noch das Talent in sie fuhr, wie die Ting Tings und tolle Lieder entstanden, bleibt rätselhaft. Irgendwann schickte auf jeden Fall sogar der allmächtige US-Produzent und Sony-BMG-Mann Rick Rubin eine E-Mail, gratulierte ihnen und sorgte für einen Vertrag. Logisch, dass die zwei heute so tun, als wenn sie eigentlich ihm einen Gefallen damit getan hätten. "Wir waren aus der Musikwelt raus und wollten nicht wieder rein", behauptet de Martino grinsend. Trotzdem werden sie sich diesen Sommer im Rampenlicht wärmen und es auch genießen. Nun müssen sie aber schnell los, von London nach Brighton, wo in wenigen Stunden ein Konzert ansteht, auch wenn White vor Schmerzen kaum gehen kann. Egal, Pop ist eben ein brutales Geschäft.