Kunst auf der Kippe - DER SPIEGEL
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Kunst auf der Kippe

In Köln ist die internationale Avantgarde-Ausstellung »Projekt '74« eröffnet worden, ein Gemeinschaftsunternehmen mehrerer Institute und auch auf mehrere Schauplätze verteilt: auf Kunsthalle, Kunstverein, Römisch-Germanisches Museum und Wallraf-Richartz-Museum, zu dessen 150jährigem Jubiläum »Projekt '74« inszeniert worden ist. Die trotz Mängeln bedeutende Schau gibt zwei Monate lang Einblick in Gelingen und Scheitern einer »introvertierten« Kunst.
• aus DER SPIEGEL 29/1974
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Offiziell wird »Projekt '74« mit dem Zungenschlag der Persil- und Wien-Werbung angepriesen: »Kunst bleibt Kunst« Drinnen aber plakatiert der »Projekt«-Teilnehmer Daniel Buren auf eigene Kappe: »Kunst bleibt Politik.« Was denn nun?

Der eine Spruch ist, im Ernst, so viertelswahr oder jedenfalls grob mißverständlich wie der andere. Erstens: Eine Kunst, die bliebe, was sie einmal war, wäre schon keine mehr. Lind gerade »Projekt '74«, das gewiß ehrgeizigste Unternehmen seiner Art bis zur -- helf Gott -- Documenta 6, ist zum Beweis angetreten, daß die »Kunst am Anfang der 70er Jahre« nicht mehr die der goldenen Sechziger ist,

Also, zweitens, auch nicht mehr eine Sache der unbeschwerten Expansion und politischen Agitation. Pop-Art ist Geschichte, die Mai-Stürme von Anno 68 sind abgeflaut, und Klaus Staeck mit seinem Plakate- und Postkartenstand ("Nostalgie ist noch lange kein Grund, CDU zu wählen"), den eine unerforschliche Einladungsstrategie zur Projekt«-Ausstellung verschlagen hat, nimmt sich da ungefähr aus wie der letzte Urberliner in einer Kreuzberger Türkensiedlung.

Weit und breit umgibt ihn eine »Imtroversion der Kunst« (Katalogtext). Die herrschende Avantgarde, von der in Köln ein mit Einschränkungen diskutabler Querschnitt vertreten ist, beschäftigt sich mit Wahrnehmungstheorie und elementaren Formuntersuchungen oder stellt auch beispielhaft das eigene Künstler-Ich in den Mittelpunkt. Ein Hang zu geradezu magischem Narzißmus ist im Umkreis der weiterhin aktuellen Konzept-Kunst ebenso anzutreffen wie in jener noch jüngeren Sammel-Richtung, die als »Spurensicherung« oder, weiter gefaßt, als »Story-Art« herumgekommen ist.

Dies jedenfalls ist das Feld, auf dem es derzeit am lebhaftesten zugeht, auf dem am meisten, wie man sagt, »Innovation« stattfindet, ohne die es Kunst eben nicht gibt. Und daß offenbar gerade der Drang zur Neuerung die Künstler in sich kehrt, spricht für die Ergiebigkeit dieser Nabelschau.

Welche Gefahren allerdings die mühselige Suche nach immer neuen Grenzen, die noch zu überschreiten wären, mit sich bringt, das läßt auch »Projekt '74« sehr deutlich sehen. Die Künstler sind bei ihrem ständigen Fortschritt in ziemlich dünne Luft gelangt, die Grate, auf denen sie wandeln, werden immer schmaler: Wer nach Vätersitte ein nuancenreiches Ölbild malte, konnte an vielen Punkten zwischen Meisterwerk und Katastrophe landen; wer etwa danach strebt, einen auf die Kunst und ihre Mittel bezogenen einfachen Gedanken sichtbar zu machen, spielt um alles oder nichts.

Beispielshalber: Zu den schlichtesten Ausstellungsstücken gehören die eisernen »Ergänzungen« von Ulrich Rückriem. Unregelmäßig zugeschnittene angerostete Platten sind mit etwas blankeren zu geometrischen Figuren Rechteck, Quadrat, Kreisscheibe) zusammengelegt. Und dabei wird nun in der Tat das beinahe biedere Werk-Prinzip -- einen Zufallsfund planvoll zur Hirn und Augen wohlgefälligen Gestalt zu vervollständigen -- überzeugend in Kunst umgesetzt. Gewicht erhält es offenbar von dem augenscheinlich schweren Material, von den unterschiedlichen Oberflächen und den Zäsuren zwischen den Teilstücken.

Denn wenn Rückriem dieselbe Methode bloß auf dem Papier, in Strichzeichnungen, exerziert und Raumgrundrisse des Ausstellungsgebäudes stufenweise in Quadrate überführt, erscheint die kunstinterne Idee nur noch als blasses Gedankenspiel.

Entsprechend hängt die Bewertung der chiffrierten Daten-Tabellen von Hanne Darboven ganz daran, ob man ihnen auch graphischen Reiz abgewinnt (ich kann es nicht); sonst bleibt diese Notation von Zeit so gleichgültig wie ein Taschenkalender.

Oder andersherum: Es scheint keine umwerfende Erkenntnis zu sein, daß reale Gegenstände durch Form und Farbe gekennzeichnet sind. Um sich von ihr überrumpeln zu lassen, muß man die »Projekt«-lnstallation von Giuseppe Penone gesehen haben. Sie besteht aus zwei gipsweißen Abgüssen, Vorder- und Rückseite eines männlichen Oberkörpers, dazu zwei Diaprojektoren. Schaltet man ein, so addiert sich zum bleichen Torso die Farbe und bewirkt eine wahre Super-Illusion. Der Abguß. nebenbei, stammt vom Körper des Künstlers selbst, und auch ein paar echte Brusthaare stecken noch darin.

Von introvertierten Ideen geprägt wie der Umkreis der Concept-Art ist, wenngleich weniger philosophisch als romanhaft, auch der Trend der Spurensicherung und Story-Art. Und so steht auch diese Kunst, bei aller formalen Auffächerung, immer wieder auf der heiklen Kippe zwischen privaten Künstler-Gedanken und sinnlicher Evidenz.

»Projekt«-Exempel: Die subjektive Archäologie der Franzosen Anne und Patrick Poirier ist mit dem Stadtmodell »Ostia antica« ästhetisch standfest. Der Zuschauer. der sich an dieses Bravourstück erinnert, wird auch noch die an anderer Stelle von den Poiriers ausgehängten Schautafeln eines veritablen Anthropologen in eine Art Gesamtkunst- und -wissenschaftswerk integrieren können. Was hingegen der Amerikaner Norman Daly einer von ihm erfundenen »Ilhuronischen« Kultur an neckischen Objekten gebastelt und per Spezialkatalog zugeschrieben hat (eine patinierte Zitronenpresse als »rituelles Behältnis« vom »phallischen Typ")

das wäre als nette kleine Wissenschaftsparodie knapp ausreichend, Bei »Projekt« hat Daly einen ganzen Saal für sich.

Das ist nicht die einzige Ungereimtheit. »Projekt '74« ist ein seltsamer Kompromiß zwischen Gegenwarts-Panorama und thematischer Ausstellung. überwölbt von einer vagen Theorie, nach der Hanne Darbovens kalendarische Tabellen und Dalys Pseudo-Archäologie demselben Schlagwort »Zeit« zugeordnet werden. Dem Medium Video wiederum ist eine eigene (für sich verdienstvolle) Abteilung ohne thematische Beschränkung vorbehalten. Die Ausstellung ist schwer Überschaubar und wenig publikumsfreundlich.

Alles dies hebt die Bedeutung von »Projekt '74« nicht auf. Eine vergleichbare Beleg-Sammlung für die introvertierte Kunst der Gegenwart ist derzeit nirgend zu finden. Sie gibt, wohlwollend gedeutet. sogar dem platten Werbeslogan einen Sinn: Die Kunst bleibt bei sich, sie wird nicht Wissenschaft und auch nicht Politik.

In solchen dezenten Rahmen hätte auch die dafür geplante Arbeit des Konzeptkünstlers Hans Haacke ganz gut gepaßt: eine piekfein aufgemachte und keineswegs demagogische Dokumentation über die Vorbesitzer des jetzt im Kölner Wallraf-Richartz-Museum aufbewahrten »Spargelstillebens« von Manet. Die Direktoren des Museums aber wiesen den Stammbaum zurück, weil darin auch ihr Gönner Hermann Josef Abs, als Vorsitzender eines Stifter-Kuratoriums Vermittler des Bildes. mit seinen Aufsichtsratsposten vorkam.

Daß die Direktion am Ende sogar der alten Anarchisten-»Ästhetik der Sachbeschädigung« gehorchte und Wiedergaben des Corpus delicti, die Haacke-Kollege Buren unter der Behauptung »Kunst bleibt Politik« ins eigene Werk aufgenommen hatte, überkleben ließ, war nicht nur ein Skandal. Es war auch ein täppischer Rückfall in die Kunst der sechziger Jahre.

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