DIRIGENTEN »Kunst ist nicht Moral«
SPIEGEL: Was halten Sie davon, dass Daniel Barenboim in Israel zur Persona non grata erklärt werden soll?
Shalev: Das habe ich sehr bedauert. Kunst darf nicht in dieser Weise zensiert werden.
SPIEGEL: Der Vorsitzende der Berliner Jüdischen Gemeinde, Alexander Brenner, hat Barenboims Wagner-Zugabe als »ekelhaft« kritisiert: »Ausgerechnet deutsche Musiker kommen in den jüdischen Staat, um dort die Musik des Antisemiten und Wegbereiters Hitlers zu spielen.« Wie beurteilen Sie - soeben aus Berlin nach Jerusalem heimgekehrt - die Kontroverse?
Shalev: Ich finde, Herr Barenboim hätte sensibler sein müssen. Als öffentliche Figur hätte er sich mit den tief sitzenden Gefühlen seiner Mitbürger identifizieren sollen. Dennoch waren die Reaktionen übertrieben. Natürlich schätze ich Barenboim als bedeutenden Musiker und Musikphilosophen. Es liegt wohl im Wesen der Kunst, dass sie immer wieder in Konflikt mit Werten von Moral und Gesellschaft gerät.
SPIEGEL: Kunst und Moral sind für Sie ganz verschiedene Dinge?
Shalev: Große Kunst ist längst nicht immer moralisch. Mich erinnert die aktuelle Wagner-Kontroverse an den Streit um den Franzosen Louis-Ferdinand Céline. Auch er war Antisemit - und bleibt doch ein großer Autor. Als Célines Roman »Reise ans Ende der Nacht« vor sieben Jahren bei uns übersetzt wurde, gab es Streit, wenn auch vielleicht etwas weniger als jetzt.
SPIEGEL: Glauben Sie, dass der Streit um Wagners Musik und Person in Israel mit den letzten Holocaust-Überlebenden innerhalb von 10 oder 20 Jahren verschwunden sein könnte?
Shalev: Da bin ich mir nicht sicher, solche Empfindlichkeiten gibt es auch bei der zweiten Generation Überlebender. Vielleicht dauert es noch hundert Jahre. Wagner ist hier ein negatives Symbol - besonders jetzt, wo Israel von außen so bedroht ist.