Mode Kunstvolles Leben
In den Hotelbars an der Pariser Place Vendome und bei den Mode-Defilees in den Louvre-Zelten war es das heiße Thema: »Mit wem«, so fragte sich das Modevolk, »wird Lagerfeld seinen Kontrakt machen?«
Der Designer hatte die Pariser Herbstmodeschauen Mitte Oktober dazu benutzt, seine Botschaft in die internationale Modewelt zu lancieren: Keinesfalls wolle er seinen im Dezember auslaufenden Vertrag mit den Besitzern der Firma Chloe verlängern, für die er seit fast 20 Jahren seine Kleider entworfen und unter deren Etikett er seine steile Karriere gemacht hat. Anstelle von Chloe suche er neue, kapitalstärkere Partner.
Daß der gebürtige Hamburger mit seinem Gerede um Vertragspartner so viel Aufsehen in Modekreisen erregt, liegt an seinem Status: Lagerfeld ist in der Gilde der Top-Designer der einzige Freiberufler, er arbeitet auf Honorarbasis. Alle anderen – wie Montana, Kenzo, Mugler oder Versace – haben, kaum daß sie berühmt wurden, eigene Firmen gegründet.
Lagerfelds erster Hinweis auf seine bevorstehende Trennung von Chloe war feinsinnig: Er schmückte seine letzten Chloe-Kleider mit straßfunkelnden Scheren – modischen Symbolen für das zerschnittene Band.
In den Gängen hinter den Louvre-Zelten wurde er dann deutlicher. Da schimpfte er, umgeben von Fans, auf die Besitzer der Firma Chloe, bei denen für ihn »nun nichts mehr zu holen« sei. Sie hätten ihm, so Lagerfelds Klage, »lauwarmes Wasser serviert«, wenn er »kaltes verlangt« hatte.
Manchen Zuhörern war »Lagerfelds PR-Kampagne« gegen Chloe peinlich. Die Reporterin der »International Herald Tribune« heuchelte Verständnis: Schließlich sei der Superstar bei anderen Partnern an »königliche Behandlung« gewöhnt. Die römische Pelzfirma Fendi etwa, für die Lagerfeld ebenfalls tätig ist, stellt ihm Privatflugzeuge und mietete ihm eine Etage in einem alten römischen Palazzo, die er sich nun mit Wiener Möbeln einrichtet.
Schon seit langem begnügte sich der Modemacher nicht mehr mit seinen zwei Chloe-Kollektionen pro Jahr. »Beruflich«, verkündete der Junggeselle, »bin ich polygam.« Die Konkurrenzklausel im Vertrag, wonach er auf gleichem Preisniveau für andere Firmen keine Konfektion entwerfen dürfe, dehnte er nach Belieben.
So entwarf er für die römische Familie Fendi seit vielen Jahren wundervolle Pelze. Unterderhand machte er ihnen aber auch schöne Kleider. Manchmal zupfte er bei den Defilees hinter der Bühne den Mannequins noch die Chiffonkragen zurecht, ehe die Schwestern Anna und Carla Fendi auf dem Laufsteg den Beifall dafür entgegennahmen.
Daß er im fernen Japan für eine Warenhauskette regelmäßig komplette Kollektionen im Luxus-Genre entwarf, fiel nicht weiter auf. Dem Neapolitaner Mario Valentino liefert er Zeichnungen für lustige bunte Schuhe. In Interviews preist er sich als »Mode-Maschine« und »Ein-Mann-Multi« an. Sein Pensum, so brüstet er sich, seien 6000 Kleider-Entwürfe pro Jahr, an guten Tagen schaffe er bis zu 100 Anproben.
Lagerfelds Jahreseinkommen wird von Insidern der Branche auf vier bis fünf Millionen Dollar geschätzt, allein bei Chloe kam er zum Schluß auf 1,2 Millionen Dollar. Der Designer, der sich mit Turngeräten und Schlankheitskuren fit hält, hat seinen Hauptwohnsitz in die Steuer-Oase Monte Carlo verlegt und zeigt sich dort, im hohen Vatermörderkragen, auch schon bei Galas im Casino, nicht weit vom Tisch der fürstlichen Familie.
Anfang dieses Jahres verdingte sich der Chloe-Designer auch noch bei Chanel, um dort die alten Coco-Modelle aufzuputzen. Inzwischen kopiert er die alte Dame so frisch und flott, daß Lagerfeld-Fans schon glauben, er habe sich die hübschen Kostüme mit den Goldknöpfchen alle selber einfallen lassen.
Bei Chanel (Jahresgage: eine Million Dollar) setzte sich der Designer beim letzten Defilee regelrecht in Szene: Er ließ sich mit dunkler Sonnenbrille zwischen den 800 Zuschauern bescheiden in der zehnten Reihe nieder. Dort erfaßte ihn wie zufällig ein Scheinwerfer und verharrte auf seinem graumelierten Mozartzopf. Die Zuschauer erhoben sich reihenweise und klatschten ihm zu. Eifrige Hinterbänkler riefen noch: »Karl! Karl!«
Aber irgendwie verpuffte die Wirkung. Das einflußreiche amerikanische Textil-Blatt »Women's Wear Daily« tat das Intermezzo als »Lagerfeld's Soap Opera« und seinen Initiator als »Hansdampf in allen Gassen« ab.
Modejournalisten, die sonst das Multi-Talent überschwenglich gelobt hatten, beäugten auf einmal kritisch Karls letzte Kollektionen. Da sahen sie nun bei den römischen Fendis »Chloe-Silhouetten auf dem Laufsteg auftauchen«, auch bei seinen Chanel-Kleidern entdeckten sie »einen Hauch von Chloe«. »Immer mehr Leute haben das Gefühl«, gab »Women's Wear Daily« zu bedenken, »daß Chanel immer chloeähnlicher wird und Chloe immer mehr aussieht, als rumore Mademoiselle Coco hinter den Kulissen.«
Überraschend ist das nicht. Gefragt, wo er denn für so verschiedene Auftraggeber seine Einfälle herhole, hatte Karl Lagerfeld kürzlich geantwortet: »Ganz einfach. Wenn ich bei dem einen bin, kommen mir die Ideen für den anderen.«
Manchen Beobachtern entgeht auch nicht, daß sein Ideen-Strom nun etwas dünner fließt. Über ein Jahrzehnt hatte er die Modeszene mit Trends bereichert – dem Zwiebellook, den lässigen, zerschnippelten Zobel-Pelzen und ganz besonders der Nostalgie-Welle, vom Jugendstil zum Bauhaus und zurück. Aber alle diese Looks sind jetzt dabei, zu verblassen, und einen starken persönlichen Stil, den er ausbauen könnte, hat Lagerfeld noch nicht entwickelt.
So lenkt der Modemacher seit einiger Zeit die Aufmerksamkeit stärker auf seine Person. Emsig bereist er die großen Kaufhäuser in Texas und New York und präsentiert sich wohlhabenden US-Kreisen. In dem New Yorker Society-Blatt »W« inseriert er ganzseitig mit Lagerfeld-Porträts, von Freund Helmut Newton photographiert.
Daß die Presse ihn einen »gepuderten Dandy« nannte, oder auch den »Marquis vom Pret-a-porter«, stört ihn nicht. Es paßt zu seinem Bemühen, ein Image von Exklusivität und Luxus zu pflegen: als Pendler zwischen fünf Wohnungen, die eine möbliert mit einem Himmelbett von den Bourbonen, eine andere mit supermodernen Memphis-Regalen – alles Versatzstücke für die Lagerfeld-Saga.
»Lagerfeld«, schreibt »Newsweek«, »ersinnt sein Leben so kunstvoll wie seine Moden.« Im Übereifer ersinnt er manchmal auch kleine Ungenauigkeiten. So gibt er sich jetzt als 45-jähriger aus, wo er doch, laut amtlichem Hamburger Geburtsregister, schon Fünfzig ist.
Seinen künftigen Partnern – im Gespräch sind der Großkonfektionär Bidermann (ein Bruder der Nachtclub-Regine) und eine Turiner Textilgruppe – wird die Zugkraft der Person willkommen sein. Denn Karl Lagerfeld will, wenn er sich denn vom Firmennamen Chloe trennt, ein eigenes Markenzeichen auf den Markt werfen: die Kollektion »KL«.