SCHALLPLATTEN Kurz und klein
In Zukunft wird jedermann für 15 Minuten weltberühmt sein«, prophezeite Andy Warhol 1967 -- und verschätzte sich dabei erheblich. Baas Muijs brauchte nur 16 Sekunden ("No Reply"), um die Ohren in aller Welt zu erreichen, Hans Vermeulen schaffte es in 26 Sekunden ("Do You Want To Know A Secret"), und Okkie Huijschens lag mit 29 Sekunden ("Drive My Car") knapp dahinter.
Die drei Niederländer sind die »Stars on 45«, jene täuschend präzise, auf die Länge einer Single-Platte gepreßte Simulation von John Lennon, George Harrison und Paul McCartney auf dem Disco-Trip, die weltweit bereits acht Millionen mal an den Fan gebracht wurde und auch in Deutschland als Single wie als LP mit Gold zu Buche schlug.
Was die Käufer sich da beatlen lassen, ist der Aufguß eines Aufgusses. Die Sekundenschnipsel der Pilzkopf-Klassiker, unterlegt mit einem simplen Disco-Klatsch-Rhythmus von 118 Beatschlägen, geben sich als frisierte Montage von Originalmaterial der »Fab Four«.
In Wahrheit hat sich der Hilversumer Jaap Eggermont, 34, einstmals Drummer bei der holländischen Rock-Formation »Golden Earring«, mit drei Landsleuten penibel bemüht, den unverkennbaren S.246 Ton der Liverpooler Legendäre zu treffen.
Dabei ist die Idee zu diesem Mimikry-Medley nicht einmal eine holländische Erfindung: Konzept und Arrangements waren einer Schwarzmarktserie von drei Langspielplatten abgelauscht worden, die ein kanadischer Diskjockey im vorigen Jahr unter dem Titel »Bits And Pieces« (etwa: »Kurz und klein") in illegalen Umlauf gebracht hatte.
Der raffinierte Verschnitt von Originalklängen neuer Disco-Standards und abgelegter Rock-Hits avancierte alsbald zum Underground-Bestseller: Allein in Holland gingen etwa 40 000 Exemplare an Branchen-Profis und Sammler weg. Bundesdeutsche Plattenhändler verlangten für den heimlichen Hit mit Erfolg bis zu 50 Mark pro Platte.
Eggermonts gewinnbringender Geniestreich bestand nun lediglich darin, die unautorisierte Mischung durch eine Imitation der Originalpartien zu legitimieren -- der Verkaufserfolg auf dem weltweiten offiziellen Markt war programmiert, der überteuerte Raub-Mix ausgetrickst.
Doch auch der düpierte Kanadier hat seinen Einfall von einem Vorläufer übernommen. Das New Yorker Service-Unternehmen »Disconet« beliefert seit Jahren seine Abonnenten aus der Diskotheken- und Radio-Szene mit Spezial-Abmischungen von Disco-Material, darunter auch »discofizierten« Collagen von Beach-Boys- und Elvis-Presley-Hits.
Das 1979 veröffentlichte »Disconet«-Ragout aus Top-Schlagern der ehemaligen Detroiter Girltruppe »Diana Ross and the Supremes« gefiel Diana und deren Plattenfirma Motown so sehr, daß der aufgepeppte Digest in das offizielle S.247 Firmen-Repertoire übernommen wurde.
Auch das Songbuch der Beach Boys ist inzwischen, nach dem unrühmlichen Vorbild der »Stars On 45«, auf eine Kurzformel gebracht. Allein in den USA rangeln drei Mini-Medleys mit Liedkürzeln der betagten kalifornischen Surf-Sänger um jene Massen eiliger Pop-Konsumenten, die sich keinen Song mehr zu Ende anhören mögen.
Auf einer dieser Platten, Titel: »The Beach Boys Medley«, sind sogar die Originalstimmen der Song-Urheber zu hören, die sich damit selbst ins lukrative Markt-Getümmel gestürzt haben.
Inzwischen sind, von Abba bis Harry Belafonte, von den Shadows bis Rod Stewart viele Musiker, die irgendwann die Popgeschichte mit Ohrwürmern bedienten, mit Kopien auf Singles verwurstet worden.
Eine spezielle Kuriosität ist aus Europa zu melden, wo sich inzwischen mehr als 20 der einfältigen Medley-Platten um die schnelle Mark der Käufer balgen: Das Londoner Royal Philharmonic Orchestra landete mit einem discofizierten Klassik-Verschnitt --Kürzel-Lieferanten: Bach bis Beethoven, Mozart bis Tschaikowski -- auf Nummer eins der englischen Pop-Hitliste, und deutsche Schlager-Schnellkocher richteten flugs einen undiscotablen Sud aus einheimischen Schnulzen an ("Die großen deutschen Stars").
Selbst der Punk-Rock blieb vor gierigen Trend-Nachsetzern nicht verschont: Auf einer englischen Single mit dem Titel »Tribute To The Punks Of '76« präsentiert eine Band mit dem Namen »The Friendly Hopefuls« ein Punk-Potpourri mit Song-Fetzchen der Clash, der Damned und der Sex Pistols.