Lässige Lebensart - DER SPIEGEL
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TOURISMUS Lässige Lebensart

Irland wird bei den Deutschen immer beliebter: Irische Musik, irischer Whiskey und Irland-Reisen sind derzeit große Mode.
• aus DER SPIEGEL 10/1981
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Nahezu zehn Jahre lang fuhr der Frankfurter Peter Salfeld zum Urlaub nach Irland. Seine letzte Reise auf die Insel machte er vor wenigen Monaten -- im Sarg: Er wolle, so hatte er testamentarisch verfügt, in irischer Erde begraben werden.

Der Mann illustrierte damit in letzter Konsequenz, was der Dubliner Tourismus-Manager Joe Malone so beschrieb: »Die Deutschen haben ein ganz besonderes Faible für Irland entwickelt.«

So verbrachten allein 1980 über 100 000 Bundesbürger, 30 Prozent mehr als noch vor drei Jahren, ihren Urlaub in Irland -- emsiger reisten nur Engländer und Amerikaner (meist Nachfahren irischer Ausgewanderter) auf die Insel im Atlantik.

Doch nirgendwo anders wurde Irland so schnell populär wie bei den Bundesbürgern: »Vor 15 Jahren hätten S.228 wir jeden deutschen Touristen noch per Handschlag begrüßen können«, so Fechin Maher, Chef der Irischen Fremdenverkehrszentrale (IFZ) in Frankfurt.

Auch in diesem Jahr erwarten die IFZ-Manager Rekordbesuch aus der Bundesrepublik -- trotz der sich ankündigenden Flaute auf dem Reisemarkt. Denn im Gegensatz zu anderen Urlaubswährungen wie etwa dem britischen Pfund, dessen Kurs im letzten Jahr um 25 Prozent stieg, müssen die Deutschen für das irische Punt nicht mehr bezahlen als früher.

Die meisten deutschen Irland-Fahrer, so errechneten IFZ-Statistiker, mieten sich Ferienhäuser auf dem Land -- mal für rund 450 Mark pro Woche reetgedeckte Komfort-Cottages in kleinen Feriendörfern, mal ehemalige Bauernhöfe oder Privatvillen mit eigenem Fischgewässer (bis zu 800 Mark).

Andere wiederum durchkreuzen die Insel im Mietwagen -- Preis pro Woche inklusive Flug ohne Unterkunft: knapp 700 Mark -- und erleben dabei ein Panorama verschiedenster Landschaften: Auf schmalen Straßen fahren sie, so eine der touristischen Standard-Routen, vom satten Grün der südlichen Hügel-Grafschaft Kerry durch das liebliche Seengebiet der westlichen Counties bis zur karstigen Küstenregion Connemara.

Eher sportlich veranlagte Irland-Urlauber hingegen.

* schippern in Kabinenkreuzern durch das 260 Kilometer lange Wasserstraßen-System des Shannon-Flusses,

* bevölkern die über 200 Golfplätze der Insel oder gehen auf Angel-Tour durch die fischreichen Lakelands,

* kleppern mit ponybespannten Zigeunerwagen über Nebenstraßen oder buchen Reitferien jeder Art --Fuchsjagden für Fortgeschrittene, Reitunterricht für Anfänger.

Doch ob Faulenzer oder Aktiv-Urlauber -- sie alle suchen, wie eine IFZ-Untersuchung zeigte, was es in der zubetonierten und streßgeplagten Bundesrepublik kaum noch gibt: »unverdorbene Natur und unbeschwerte Fröhlichkeit«.

Vielen Deutschen gilt Irland als Inbegriff einer heilen Welt von gestern, in der die Umwelt noch intakt und die Menschen noch nett zueinander sind: »Ein Königreich der Trinker und Träumer«, klopfte etwa die Hamburger »Zeit« das Klischee fest. »Sie singen im Wirtshaus, breitbeinig und freihändig, ihren Guinness in der Faust, die Augen geschlossen« -- als hätten die Iren fortwährend nur Singen und Saufen im Sinn.

Selbst die nüchterne »Frankfurter Allgemeine«, sonst eher preußischen Tugenden wie Disziplin und Tüchtigkeit zugetan, verfiel bei Beobachtung des irischen Wesens in schwachsinniges Schwärmen: »Trübt sich das Wetter ein, werden alle Insulaner unterschiedslos von vehementer Gesprächsbereitschaft erfaßt, der leicht angetrunkene Hoteldiener ebenso wie der Postbote auf dem Fahrrad.«

So sehr bewundern die rastlosen Deutschen die eher lässige Lebensart des Inselvölkchens, daß Irisches inzwischen zur großen Mode wurde: Wo immer irische Folkloregruppen auftreten, sind die Konzerthallen ausverkauft; selbst die Dubliners, in Irland längst belächelte Veteranen des irischen Folklore-Exports, spielen in Deutschland noch vor vollen Sälen. Und auch in den zahlreichen Kneipen mit rustikalem Irland-Ambiente wie etwa dem Irish Folk Pub in München drängen sich jeden Abend die Besucher.

Irischer Whiskey ist bei den Bundesbürgern mittlerweile zum Ausweis gehobener Lebensart geworden: Um rund 20 Prozent steigerten die Insel-Destillen im letzten Jahr ihren Deutschland-Export. Auch Guinness, das schwarze Bitter-Bier aus Dublin, steht neuerdings in den Regalen vieler Kaufhaus-Lebensmittelabteilungen.

Diesen Trend zum Irischen verstanden die IFZ-Manager in den letzten Jahren zunehmend für sich zu nutzen: Allein seit 1976 trugen die deutschen Touristen rund 280 Millionen Mark nach Irland.

Ein großer Teil des Geldes ging direkt in die Taschen der irischen Bevölkerung; S.229 denn kaum ein anderes Land hat seinen Fremdenverkehr so geschickt organisiert wie die Iren.

Anders als etwa Italiener oder Spanier ließen sie die großen Hotelunternehmen nicht planlos und profitgierig im Lande herummörteln: Hotelprojekte wurden nur vergleichsweise selten genehmigt, an den Küsten dürfen überhaupt keine Herbergen gebaut werden.

Statt dessen überredeten die Tourismus-Strategen die Besitzer von Bauernhöfen und Eigenheimen dazu, leerstehende Zimmer an durchreisende Urlauber zu vermieten und dazu noch ein kräftiges Frühstück zu servieren ("Bed & Breakfast"). Inzwischen gibt es -in Farmhäusern, Stadtvillen oder ländlichen Herrenhäusern -- rund 15 000 Betten zu Preisen zwischen 15 Mark und 24 Mark pro Nacht.

Zumeist wird dazu persönliche Gastfreundschaft geboten und die für Irland spezifische Form des »Easygoing«. Im Ballymaloe House beispielsweise, einem anheimelnden alten Herrenhaus im County Cork, speisen die Eigentümer Mr. und Mrs. Ivar Allen allabendlich mit den Gästen (20 Zimmer), servieren Sherry am Kamin und zeigen ihre stattliche Gemäldesammlung. Der (Sieben-Löcher-) Golfplatz vor dem Haus wird naturgeschoren -von Schafen.

Probleme haben die Iren freilich noch vielfach mit ihrer Küche -- kein Wunder bei einem von englischen Landlords ausgepowerten Volk, das sich jahrhundertelang nahezu ausschließlich von Kartoffeln ernähren mußte.

»Richtig gut«, meinte ein eßfroher Tourist aus Hamburg, »kann man in Irland meist nur Fisch und Fleisch essen.« Denn auch in größeren Hotels kommt das Gemüse häufig halbroh oder matschig auf den Tisch, die Salate scheinen eher für Kaninchen zubereitet. Und die in allen Regenbogenfarben schimmernden Puddings, süß wie Sirup und für Iren ein Hochgenuß, sind nun mal nicht für kontinentale Gaumen gemacht.

S.227Slea Head im County Kerry.*

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