Computer Lahmer Start
Als 17jähriger verließ Kamran Elahian seine Heimatstadt Teheran mit Ziel USA. In den 20 Jahren seither hat er es zielstrebig zum Multimillionär gebracht. 1981, mit 27, gründete er die Softwarefirma CAE Systems. 1985 stieß er sie, für 75 Millionen Dollar, wieder ab.
»Cirrus Logic«, seine zweite Firma, die Spezialchips herstellt, wurde schon bei der Börseneinführung 1989 mit rund 150 Millionen Dollar bewertet. Nötig hätte es der gebürtige Iraner also nicht.
Doch inzwischen hat ihn erneut das Gründerfieber gepackt. Momenta, sein neuestes Unternehmen im kalifornischen Mountain View, soll es »in 1000 Tagen bis zur Unsterblichkeit« schaffen, wie der erfolgsverwöhnte Boß verkündete. Das Produkt der Firma aus dem Silicon Valley: ein Mobil-PC im Aktentaschenformat, genannt »Pentop«, der wahlweise über die (mitgelieferte) Tastatur oder, auf einer hochklappbaren berührungsempfindlichen LCD-Bildfläche, mit einem elektronischen Schreibstift bedient wird.
Elahian präsentierte das Gerät (Verkaufspreis in Deutschland: 9995 Mark) auf den beiden großen Computer-Messen im Oktober, der »Systems« in München und der »Comdex« in Las Vegas. Mehr noch als das gefällige Design des Pentops wurde dort der Mut des Mannes aus Mountain View bewundert, der eigens eine Rechnerfirma für den noch kaum entwickelten Markt der Stift-PCs gegründet hat. Die US-Fachzeitschrift PC Week orakelte: »Es wird hart für Momenta.«
Allzu offensichtlich sind noch die technischen Kinderkrankheiten der neuen Personalcomputer, ihre Entwicklung wird zudem durch den Mangel an Software-Standards und Anwendungsprogrammen behindert. Und mittelfristig droht ein sogar für EDV-Märkte ungewöhnlich harter Konkurrenzkampf.
Schon rund 30 Firmen aus den USA und Fernost, darunter große Konzerne wie etwa IBM oder NEC, haben eigene Stift-Rechner angekündigt. Pen-Pionier war die US-Firma Grid Systems, eine Tochter des Tandy-Konzerns, die erst vor zwei Jahren den ersten robusten Stift-Rechner einführte, »Gridpad«. Auf der Comdex, der größten amerikanischen Computerschau, wurde an etwa 50 Messeständen neue Hard- und Software für stiftgestützte Datenverarbeitung vorgeführt.
Bei der Software (die Stift-Computer funktionieren mit eigens für sie entwickelten Programmsystemen) herrscht allerdings noch babylonische Sprachverwirrung. Neben Momenta mit seiner MADE-Software sind noch drei weitere US-Unternehmen angetreten, das Pen-System der Zukunft zu liefern: die kleinen Silicon-Valley-Firmen Go (Pen-Point) und CIC (PenDOS) sowie der Software-Riese Microsoft (Windows for Pen Computing, MWPC).
Mit seinem Pentop liegt Momenta voll im Trend: Solche Griffel-Computer, die handschriftliche Eingaben verarbeiten können (SPIEGEL 26/1991), gelten vielen als »der nächste große Sprung in der Datenverarbeitung« (Business Week).
Mit einem Flüssigkristall-Display, das zugleich empfindliche Eingabefläche ist, sollen solche mobilen Pen-PCs gleichsam als clevere Clipboards dienen, die Notizen und Skizzen des Benutzers »verstehen« und weiterverarbeiten.
Indem der Anwender bestimmte Bildschirmsymbole antippt, kann er etwa elektronische »Formblätter« aufrufen und anschließend handschriftlich ausfüllen. So sollen beispielsweise Versicherungsvertreter, mit wenigen Federstrichen, ausgefüllte Verträge direkt an den Computer im Stammhaus übermitteln, Wartungstechniker ihren Firmen von unterwegs Fehlerskizzen faxen können.
Die US-Fachzeitschrift PC Computing fühlte sich allerdings bereits veranlaßt, allzu hohe Erwartungen auf der Anwenderseite zu dämpfen: Bis zum Sieg der einstweilen lahmenden Pen-Revolution, vertröstete das Blatt seine Leser, werde noch »eine lange, lange Zeit« vergehen.
Selbst spektakuläre Frühstarts können nicht darüber hinwegtäuschen, daß die angeblich »intuitiv« handhabbaren Stift-Computer ihre Bewährungsprobe noch nicht bestanden haben. Im Juni hatte das US-Unternehmen NCR, mit viel pen-revolutionärem Theaterdonner, seinen tastenlosen »Notepad« präsentiert, einen Stift-PC mit dem kraftvollen Intel-Mikroprozessor 386SL.
Das Gerät, entwickelt in der deutschen NCR-Niederlassung in Augsburg, konnte allerdings dann nicht wie geplant ausgeliefert werden. So zeigte sich etwa, daß die benötigten Spezial-Bildschirme beim Zusammenbauen zu leicht verschmutzten; wie für die Mikrochip-Produktion mußten eigens besondere Reinräume eingerichtet werden.
Weiter ungewiß bleibt auch, wie sich die Nachfrage nach den Clipboard-Computern entwickeln wird. So kamen etwa Redakteure der deutschen Computerzeitschrift c't, die NCR-Notepad und Momenta-Pentop einem ersten Vergleichstest unterzogen, zu einem ernüchternden Urteil. »Obwohl beide Systeme interessante Ansätze zeigen«, stellte c't lakonisch fest, »ist der praktische Nutzen derzeit gering.«
Entwicklungsbedürftig, zeigt die Testbilanz, ist bei beiden Modellen noch die sogenannte Handschrifterkennung. So werden bislang nur separate, sorgfältig geschriebene Blockbuchstaben und spezielle Befehlszeichen (sogenannte gestures) erkannt, und das auch erst nach entsprechender Eingewöhnung: Keinem der Mitarbeiter gelang es, berichtet c't, »ungeübt auf einem der beiden Geräte eine Erkennungsquote von mehr als 50 Prozent zu erzielen«.
Der Momenta-Pentop soll in Deutschland Anfang Januar 1992 ausgeliefert werden, wie Jürgen Tepper ankündigte, Chef der frischgegründeten Frankfurter Filiale des Unternehmens. Die Handschrifterkennung ist dabei weniger wichtig, geworben wird vor allem mit der »neuen Vielseitigkeit« (Tepper) des Sechspfünders.
Als »portablen Arbeitsplatzrechner für Angestellte« preist Momenta-Chef Kamran Elahian seinen Pentop. So ließen sich flüchtige handschriftliche Notizen auch schlicht als Grafik abspeichern und jederzeit wieder »nachschlagen«. »Wer in eine Sitzung muß«, erklärt Momenta-Chef Elahian die Pentop-Idee, »läßt die Tastatur auf dem Schreibtisch und greift zum Stift.«
Bis 1995, schätzt das US-Marktforschungsinstitut Dataquest, könnten rund 2,5 Millionen Pen-Computer verkauft werden - eine gewagte Prognose, konnte doch die Firma Grid im vergangenen Jahr in den USA nur insgesamt rund 10 000 Pen-Geräte verkaufen.
In Las Vegas weckten vor allem kleine Pen-Anbieter mit pragmatischen »Low-End«-Lösungen das Interesse der Comdex-Besucher. So stellte etwa die US-Firma Data Entry Systems ihren »ScriptWriter II« vor, einen leichtgewichtigen Clipboard-Computer, der völlig ohne LCD-Bildschirm auskommt.
Auf der berührungsempfindlichen Schreibfläche des ScriptWriters können Papierformulare, etwa für die Lagerverwaltung, mit einem Kugelschreiber ausgefüllt werden, der »Durchschlag« wird abgespeichert und per Datenfernübertragung an einen Zentralrechner geschickt.
Absolutes »Federgewicht« im Markt ist ein tastenloser Kleincomputer (Preis: rund 4000 Mark), den das junge Münchner Unternehmen Andromeda auf der Systems-Messe zeigte. »Andro-Com«, so der Name des Minis, paßt in die Kitteltasche eines Montagearbeiters und kann auch mit dem Zeigefinger bedient werden. Er wird bereits bei Firmen wie Siemens, Bosch, Daimler-Benz, Audi und BMW eingesetzt, etwa in der Qualitätskontrolle.
Als »intelligenten Schreibblock« bezeichnet Andromeda-Chef Rainer Kuhn das Gerät, das in Wahrheit als Miniatur-Terminal dient: Ein integriertes Infrarot-Modem für drahtlose Datenübertragung verbindet es über im Raum installierte Transmitter mit einem Standard-PC als Zentralstation.
Mit AndroCom lassen sich beispielsweise handschriftliche Notizen oder grafische Fehlerbeschreibungen übertragen; für Handschrifterkennung ist das System weniger gut geeignet. Doch die Firma hofft, daß potentielle Benutzer einen anderen Vorteil viel entscheidender finden könnten: Das Gerät wiegt, mit Batterien, nur 503 Gramm. o