Geschichte Langer Schatten
Die alten französischen Kämpfer aus zwei Weltkriegen und den Kolonialschlachten von Indochina und Algerien entrüsteten sich.
Dieser liberale junge Spund, Verteidigungsminister Francois Leotard, 51, so grollte der dem Rechtsradikalen Jean-Marie Le Pen eng verbundene Veteranenverein »Nationaler Kreis der Kämpfer«, sollte sich lieber verneigen vor Frankreichs »Toten, Verratenen und Aufgegebenen«. Denn die alten Helden der Republik würden »seit Jahrzehnten von Film, Literatur, Radio, Fernsehen und Presse in den Dreck gezogen«.
Den offenen Zorn ausgedienter und den klammheimlichen Ärger aktiver Militärs handelte sich Leotard durch einen Präventivschlag ein, der die Narben einer alten Wunde wieder aufriß: Der Fall Dreyfus, jene die Nation spaltende Jahrhundertaffäre um den jüdischen Hauptmann, der zu Unrecht wegen Spionage für die Deutschen verurteilt worden war, entfaltete neue Sprengkraft.
Vorige Woche feuerte Leotard, der seiner Wehrpflicht genügte, aber nie Pulverdampf gerochen hat, den Chef des Historischen Dienstes der Armee, Oberst der Reserve Paul Gaujac. Der Militärhistoriker hatte in einem Aufsatz Thesen vertreten, die den Märtyrer Dreyfus postum in ein schiefes Licht rückten - zur Freude konservativer Franzosen.
Leotard witterte Gefahr für die Moral der Truppe; mit dem Rausschmiß wollte er all jene warnen, die das durch Sparmaßnahmen ohnehin frustrierte Militär aufs neue in die »heftigste innenpolitische Polemik« verwickeln könnten, »die Frankreich seit einem Jahrhundert erlebt hat« - so vorletzte Woche das Linksblatt Liberation.
Doch die Republik wird um eine neue Auseinandersetzung über die Affäre, die das Volk in zwei Lager spaltete und laut International Herald Tribune bis heute Nachwirkungen auf die europäische Zivilisation hat, nicht herumkommen. Eine Flut von rund tausend Publikationen, TV-Dokumentationen und Ausstellungen zur 100. Wiederkehr der Verurteilung von Dreyfus muß zwangsläufig die alten Gräben wieder aufreißen. Am 8. Mai wird zudem in Berlin eine Dreyfus-Oper aufgeführt.
Der 1859 geborene Elsässer Alfred Dreyfus, Absolvent der elitären Ecole polytechnique, war als Artillerieoffizier der erste Jude im damals extrem antisemitisch gesinnten Pariser Generalstab. Von einer Putzfrau in der deutschen Botschaft gefundene Papierschnitzel dienten dem französischen Geheimdienst als Vorwand, Dreyfus einen Spionagevorwurf anzuhängen, der mit Fälschungen untermauert wurde.
Der Hauptmann wurde in einer Prozeßfarce am 22. Dezember 1894 zu lebenslanger Deportation auf der Teufelsinsel in Französisch-Guayana verurteilt und mit Schimpf aus der Armee gestoßen. 1906 wurde der Offizier nach einem schrecklichen Leidensweg rehabilitiert; doch für rechte Militärs ist er ein Verräter geblieben - offenbar bis heute.
Der Name Dreyfus wurde zum Codewort für einen noch immer nicht voll ausgestandenen Kampf zwischen dem klerikal-katholischen, monarchistischen und zeitweise exzessiv antisemitischen Teil der Nation und dem republikanischen, sozialistischen Frankreich. Emile Zola (mit seiner Streitschrift »J'accuse!"), Georges Clemenceau und der spätere Volksfrontbegründer Leon Blum waren Dreyfusianer.
Der Aufsatz des Militärhistorikers Gaujac - von Kollegen geschätzt als seriöser Forscher - erschien am 31. Januar praktisch unter Ausschluß der Öffentlichkeit: in der Heereszeitschrift Actualite, versteckt zwischen Nachrichten über Skiwettkämpfe und Beförderungen. Dort stöberte die linke Liberation den Text auf und schlug Alarm, Le Monde druckte ihn nach.
Mit dem unterkühlten Befund, Dreyfus' Unschuld sei jetzt die »von den Historikern allgemein akzeptierte These«, stellte Oberst Gaujac die Ehre des Offiziers indirekt wieder in Frage. Dann zog der Interpret alte Fronten neu: Die Dreyfus-Verteidiger seien im wesentlichen militärfeindliche Republikaner, Sozialisten, Menschenrechtler und Freimaurer gewesen - diejenigen also, die rechte Ultras noch heute für den inneren Feind Nummer eins halten.
Im anderen Lager, so der Forscher weiter, hätten sich vornehmlich »Rechte« gefunden, die im Vorfeld der Kriegsvorbereitungen gegen Deutschland mit Hilfe katholischer und antisemitischer Kreise versucht hätten, »Destabilisierungsbestrebungen gegen die Armee zu vereiteln« - aufrechte Patrioten mithin.
Gaujacs Resümee: »Wegen ihrer Bedeutung für das Bewußtwerden und das Reifen der Gedanken Theodor Herzls wird die Affäre als Ausgangspunkt der zionistischen Bewegung angesehen.«
Die Gaujac-Thesen mögen in der Formulierung tendenziös sein, aber völlig »entstellend und falsch«, wie Leotard in seinem Rausschmißerlaß urteilte, sind sie nicht. Aber Leotard ging es darum, so ein Militärexperte, »jeden Neuaufguß eines Dreyfus-Zanks in den Kasernen im Keim zu ersticken«.
Der Verteidigungsminister war vorgewarnt. 1985 wollte der sozialistische Kulturminister Jack Lang eine Dreyfus-Statue im Hof der Ecole militaire aufstellen, genau an der Stelle, wo der Offizier am 5. Januar 1895 durch Abreißen der Rangabzeichen und Zerbrechen seines Säbels unter Trommelwirbel und dumpfem Glockengeläut degradiert und ausgestoßen worden war.
Doch konservative Offiziere und die politische Rechte agitierten derart vehement gegen den Standort, daß Langs sozialistischer Freund, der damalige Verteidigungsminister Charles Hernu, klein beigeben mußte - er ließ den Bronze-Dreyfus zwischen den Bäumen der Pariser Tuilerien-Gärten verstecken.
Jetzt drängten Militärs den Forschungsminister Francois Fillon, einer geplanten Ausstellung »Dreyfus und die Jahrhundertwende« Dokumente vorzuenthalten - sie blitzten ab.
Als Mitte Januar Hunderttausende laizistisch-republikanisch gesinnter Franzosen in Paris gegen den Plan der Rechtsregierung demonstrierten, die vorwiegend katholischen Privatschulen mit öffentlichen Mitteln zu finanzieren und damit die historische Trennung zwischen Kirche und Staat anzutasten, zeigte sich im Hintergrund wieder schemenhaft das Dreyfus-Trauma der gespaltenen Nation.
Wie lang die Schatten des Hauptmanns über Frankreichs Geschichte fallen, hatte vor fast 50 Jahren schon der fanatische Antisemit und Republikfeind Charles Maurras erkennen lassen.
Als der Schriftsteller 1945 wegen Kollaboration mit den Deutschen und Unterstützung für das Vichy-Regime des Marschalls Philippe Petain zu lebenslanger Haft verurteilt wurde, quittierte er den Richterspruch mit dem Ausruf: »Das ist Dreyfus' Rache.« Y