LAST DER HERKUNFT
Namen können Schicksale sein, aber was kann ein Kind dafür, wenn es Edda Göring, Gudrun Himmler oder Martin Bormann jr. heißt?
1959 machte sich der Münchner Journalist Norbert Lebert auf, das zum Teil abenteuerliche Nachkriegsschicksal der Kinder von Nazi-Größen zu beschreiben. Etliche spürte er auf, und einige waren bereit, mit ihm zu sprechen. Die einfühlsamen Porträts erschienen in einer Zeitschrift und wurden vergessen.
Jetzt hat sich Stephan Lebert, der Sohn, der wie sein Vater Journalist wurde, darangemacht, noch einmal nachzuschauen, was aus den Nazi-Kindern geworden ist und wie sie mit der historischen Hypothek ihrer Abstammung leben. »Denn Du trägst meinen Namen« heißt das Buch, das so entstanden ist. Es vereint die historischen Beiträge von Lebert senior mit den aktuellen Artikeln des Sohnes.
Wie geht man mit der Last der Herkunft, mit der Schuld der Väter um? Offenbar höchst verschieden.
Da ist Niklas Frank, der Sohn von Hans Frank, dem ehemaligen Generalgouverneur im besetzten Polen, einem der brutalsten und perfidesten Nazi-Verbrecher. Niklas Frank, erst Jurist wie der Vater, dann Journalist, hat sich wohl am weitesten von seinem Vater entfernt. Er beschrieb seine Hass- und Zerstörungsphantasien in einer viel diskutierten Illustrierten-Serie.
Da ist Martin Bormann junior, der das schwere Erbe sühnte, indem er Priester wurde und mit Kindern von Holocaust-Überlebenden das Gespräch suchte.
Aber da ist auch Gudrun Burwitz, die Tochter des Reichsführers SS Heinrich Himmler. Sie hat Stephan Lebert nicht empfangen. Sie soll, so schreibt der Journalist, heute in einer Organisation tätig sein, die alten Nazis hilft. Eine Unbelehrbare, die vielleicht aus der Blindheit ihre Überlebenskraft schöpft.
Das Buch beeindruckt nicht nur durch die bloße Gegenüberstellung der Artikel von Vater und Sohn, sondern auch durch die Offenheit, mit der Stephan Lebert darüber räsoniert, wie sich sein eigener Vater verhalten hätte, wäre er denn im Krieg in Führungspositionen gelangt. So ergibt sich aus den Berichten mehr als bloße Zeitgeschichte; fast jeder Deutsche wird sie in der eigenen Familiengeschichte fortspinnen können. JOACHIM KRONSBEIN