AUSSTELLUNGEN »Laszive Akte«
SPIEGEL: Herr Adriani, in Tübingen gibt es demnächst sehr nackte Tatsachen zu bestaunen: Sie zeigen Huren bei der Arbeit - gemalt von Edgar Degas, Paul Cézanne, Henri de Toulouse-Lautrec und Pablo Picasso. Wollen Sie die Zuschauer mit Bildern von käuflicher Liebe reizen?
Adriani: Wir wollen das Publikum mit Kunstwerken verführen. Das Bordell war das große, neue Thema, das diese Maler teilten. Sie zeigten als Erste Prostituierte ohne Scheu. Zugleich revolutionierten sie ihre Kunst auch formal und farblich.
SPIEGEL: Wie bedeutend sind die Bordellbilder für die Kunstgeschichte?
Adriani: Picassos »Demoiselles d'Avignon«, eine Gruppe von Prostituierten, ist gewiss das wichtigste Bild des 20. Jahrhunderts. Picasso wollte damals einen Skandal, wozu es aber nicht kam. Deshalb verbarg er das Bild jahrelang in seinem Atelier. Seit 1939 hängt es im New Yorker Museum of Modern Art und wird nicht verliehen. Wir können immerhin zahlreiche der wichtigsten Vorstudien zeigen.
SPIEGEL: Die Künstler gingen ja nicht nur zum Malen ins Bordell.
Adriani: Wohl kaum. Doch gerade Degas, der die anzüglichsten Darstellungen geschaffen hat - Monotypien aus dem Pariser Bordellalltag, sehr desillusionierend -, kam nicht als Kunde, sondern als passiver Voyeur.
SPIEGEL: Was ist die größte Überraschung Ihrer Ausstellung?
Adriani: Selten gezeigte Werke aus aller Welt und ihre damals schockierenden Inhalte, die oft Skandale erregten. So blieb bisher weitgehend unbeachtet, dass Cézanne sich selbst als junger Maler am Bett einer Prostituierten inszenierte.
SPIEGEL: Diese Darstellungen waren den Betrachtern damals zu drastisch.
Adriani: Ja, bis weit ins 19. Jahrhundert hinein wurde der weibliche Akt nur mythologisch, religiös oder historisch bemäntelt wiedergegeben. Das war eine Doppelmoral. In den Pariser Salons wurden sehr laszive Akte durchaus goutiert, wenn sie als Göttinnen zur Darstellung kamen.
SPIEGEL: Heute ist Pornografie dagegen allgegenwärtig. Kommt Ihre Ausstellung nicht Jahrzehnte zu spät?
Adriani: Nein. Obwohl Proteste gegen die Ausstellung bestimmt einige zusätzliche Besucher anlocken würden, geht es uns um kunsthistorische Fakten und Neuerungen. Allerdings hatten wir schon vor 20 Jahren eine pornografische Studie von Toulouse-Lautrec ausgestellt. Damals rief ein erregter Besucher den Staatsanwalt. Der kam auch tatsächlich - und ging wieder, ohne einzuschreiten.