RUNDFUNK Leb wohl, Julius
Auf dem Totenbett, mit kraftloser Zunge, hatte ihn die »geliebte Mutter« um einen letzten Dienst gebeten: »Bleib anständig, Julius, mach deiner sterbenden Mutter keine Schande. Auch dein Vater würde es nicht verwinden.«
Da brach es heraus aus der gepeinigten Sohnes-Seele: »Aber wer, Mutter, ist mein Vater? So sprich doch!« Die Moribunde hat es nicht mehr enthüllt und - »leb wohl, Julius« - das dunkle Geheimnis mitgenommen in die Familiengruft. Wer also hat ihn gezeugt, den »jungen, ungemein sympathischen« Frauenarzt Dr. Julius Borg, alle Kassen? Seit acht Monaten steht diese bewegende Frage im schwäbischen Raum. Hunderttausende zwischen Plochingen und Titisee fiebern der Antwort entgegen.
Der verwaiste Gynäkologe ist Mittelpunkt einer populären Hörfunkserie, die der Stuttgarter Südfunk werktags, auf seiner Popwelle »Radio 3« ausstrahlt: »Der Frauenarzt von Bischofsbrück«, ein satirisch-verkitschtes Doktorspiel in 247 Folgen a vier Minuten, die 160. Episode läuft an diesem Montag.
Zwei Südfunk-Redakteure, Herbert Borlinghaus und Alfred Marquart, haben das Opus erfunden, animiert vom Erfolgskurs des Südwestfunks, der seine Hörer gern mit Serien-Schelmen wie dem ostfriesischen Herrn Buttnase amüsiert. An eine ähnlich komische »Identifikationsfigur« dachten auch die Südfunker, als sie, die Buttnase im Wind, die Odyssee des Bischofsbrücker Unterleibsspezialisten verfaßten - eine haarsträubende Trivialstory, unterlegt mit süßlichen Pianoklängen, drollig gespickt mit aktuellen politischen Pointen.
Dr. Borg ist Opfer eines satanischen Komplotts, das der Chef des Pharmakonzerns Sachse AG, Dr. h. c. Peschke, angezettelt hat, weil der Mediziner sich geweigert hatte, an Menschenversuchen mit Anti-Baby-Pillen teilzunehmen. Ein Abgrund an Rachsucht tut sich auf: Borg wird ins »Sozialistische Jugendzentrum Bischofsbrück« gelockt, einem notorischen Aufenthaltsort linker Chaoten, und dort als Terroristen-Freund verhaftet. Kläglich hockt er in der Zelle und greint: »Wie schlimm ist doch ein Gefängnis für Angehörige gebildeter und gepflegter Schichten.«
Die Mafia, Don Salvatore Calamari, holt ihn heraus, eine wilde Flucht beginnt. Der Doktor entweicht nach Rom, er kommt nach Spanien, rechtzeitig zur Fußball-WM, lernt den Bundestrainer kennen ("Isch bin de Jupp") und einen Verteidiger, den »Schrecken vom Niederrhein«. Er gerät an spanische Faschisten und schließlich in die Psycho-Klinik des irren Dr. Frankenstein, der im Auftrag von Dr. Peschke die Droge »Methadol 2« testet.
Doch der Sachse-Chef wird zu spät entlarvt, als Umweltminister ist er in die neue Bundesregierung eingetreten, Kanzler Maier und sein sieches Kabinett sind zurückgetreten. Der rehabilitierte Frauenheilkundler Borg erobert eine schöne, verarmte Gräfin von Retzlow, deren Gatte sich im Wiener Hotel Sacher mit einer Duellpistole entleibt hat.
Die Hörer-Resonanz auf dieses Schauerstück ist phänomenal. Gut zehntausend Zuschriften erreichten den Sender. Aus dem »sonnigen Jesolo« und aus dem »Strandkorb auf Sylt« kamen Urlaubsgrüße mit der bangen Frage: »Was macht Dr. Borg?« Die Junge Union forderte belustigt »die Verankerung« des Dr. Borg »in den Schulbüchern«; die Jungdemokraten lachten über den »hinterlistigen Schlag gegen die Niederlassungsfreiheit der Ärzte«. Ein 16jähriger meldete: »Meinem Tag ist ein neuer Sinn gegeben worden.«
Das letzte Mysterium des gequälten Mediziners wird zu Silvester, im Finale, entschleiert: Borg und der Pharma-Teufel h.c. sind blutsverwandt, Julius' treuloser Vater ist Peschkes verblichener Bruder. Verstört gibt Dr. Borg seine Praxis auf und geht mit der Gemahlin, der Edlen von Retzlow, in den Wald. Im Forsthaus ist eine Stelle vakant, weil der alte Förster Waffen für Rechtsradikale geschmuggelt hatte.
Unter deutschen Eichen soll, im April '83, die Serie wiederaufleben - als Familiensaga mit einem Hauch von »Dallas«, mit Gatten-Zwist und Ehebruch. Dann legt der sympathische Dr. Borg die eigene Tante flach, Frau Peschke.