COMPUTER Lebende Tote
Die Computeranimation dauerte 72 Sekunden, danach war Michael S. schon so gut wie verurteilt. Der 55-jährige Ex-Polizist saß auf der Anklagebank des Amtsgerichts Scranton im US-Bundesstaat Pennsylvania, er war beschuldigt worden, seine Frau Jennifer erschossen zu haben. Wie die Tat nach Ansicht des Staatsanwalts geschehen war, konnten die Geschworenen in einem Computerfilm sehen, der den Mord detailliert rekonstruierte. Gefertigt wurde er von der Firma »21st Century Forensic Animation«, die sich wie etwa hundert weitere US-Unternehmen auf Computerfilme von Straftaten spezialisiert hat und damit Ankläger oder Verteidiger beliefert. Die Branche macht einen Umsatz von etwa 30 Millionen Dollar pro Jahr, und sie ist umstritten, denn die Animationen scheinen objektiv zu sein, in Wahrheit bieten sie nur eine emotionalisierte Interpretation der Ermittlungsergebnisse. In Pennsylvania waren diese Rekonstruktionen bis zum Prozess gegen Michael S. verboten. Die Jury brauchte nicht lange für ihr Urteil: Sie verurteilte den Angeklagten zu lebenslanger Haft.