Leerer Laden - DER SPIEGEL
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KUNST / CHRISTO Leerer Laden

• aus DER SPIEGEL 33/1968
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Er steht. Fünf Wochen lang lag ein leerer Ballon auf dem Rasen des Kasseler Documenta-Geländes; nachdenklichen Provinzstadt-Bewohnern erschien er als Symbol für die »am Boden liegende Kunst der Gegenwart«. Nun aber weist das Sinnbild aufwärts.

Dreimal hatte sich der exilbulgarische Künstler Christo Javacheff, 33, vergebens angestrengt, die von ihm konzipierte Kunststoff-Wurst (Titel: »5450-Kubikmeter-Paket") mit Luft zu füllen und senkrecht in den Kasseler Auepark zu stellen -- stets war die Pelle geplatzt. Erst beim vierten Versuch, am vorletzten Wochenende, gelang es, den Ballon unversehrt aufzurichten.

Das Paket, straff und steil, von einer Windmaschine ständig auf gepumpt, von Nylonseilen umwunden und mittels Stahltrossen am Boden festgebunden, ist nun die höchste Plastik der Welt: Der nachts angestrahlte Über-Phall mißt inklusive Stahl-Stativ 85 Meter -- zwei Meter mehr als beispielsweise die Kathedrale von Reims.

Er markiert, vorerst, den Gipfel einer Pack-Manie, die den Wurst-Macher seit Jahren beherrscht. Denn Christo (so sein Künstlername) ist auf das Werkeln mit Plastikfolie, Packpapier und Bindfaden eingeübt. Vor der Kasseler Luft hatte er schon Flaschen, Möbelstücke, Fahrräder, Verkehrsschilder, einen Volkswagen sowie eine nackte Frau zu versandbereiten Bündeln, sogenannten Empaquetagen, verschnürt.

Und während Christo noch mit seinem Documenta-Schlauch experimentierte, packte er auch in der Schweiz zu: Für vier Tage wickelte der hagere, beatlemähnige Emigrant vom Balkan die ganze Berner Kunsthalle in Kunststoff ein -- so fest, daß den durch einen schmalen Schlitz eintretenden Besuchern im Innern des Gebäudes die Atemluft knapp wurde.

Mit seinen Verkleidungs-Szenen will Christo dem Publikum Realität bewußt machen: Vertraute Gegenstände erscheinen, gleichsam gefesselt und unter der meist halbdurchsichtigen Hülle nur unscharf auszumachen, plötzlich neu und fremd. »Alle Dinge«, sagt der Packer, »sind gleich wichtig. Und alle sind magisch.«

Die Manipulation der bloßen, magischen Wirklichkeit hat den Bulgaren seit langem stärker fasziniert als ihre illusionäre Wiedergabe: Von der in Sofia nach sozialistisch-realistischer Doktrin erlernten Malerei wandte er sich 1956 ab, um in Prag Bühnenbildnerei zu studieren und Aktionsräume In Lebensgröße ("Auf den Maßstab kommt es an") zu bauen.

1958 dann ging Christo nach Paris, wo er sich der Gruppe der »Neuen Realisten« um den Maler Yves Klein anschloß. Sein massivster Beitrag zur Wirklichkeitskunst: ein »eiserner Vorhang« aus leeren Benzinfässern, mit dem er trotz Polizei-Verbot vorübergehend eine enge Straße sperrte. »Dieses Prinzip«, erläuterte der plänereiche Künstler, »kann auch auf ein Viertel oder eine ganze Stadt angewandt werden.«

Kaum In Paris, begann Christo mit dem Einpacken -- einem Verfahren, das schon 1920 von dem Surrealisten Man Ray an einem Phantasie-Motiv ausprobiert worden war. Christo hingegen verwandte Utensilien des täglichen Bedarfs. Auch ersann er das Projekt eines total verpackten, nur unterirdisch zugänglichen öffentlichen Gebäudes. Mögliche Verwendungszwecke: Sporthalle, Museum, Gefängnis oder Parlament.

Für so große Pläne sah Christo mehr Chancen in Amerika -- 1964 zog er nach New York um. Doch statt gigantischer Architekturen packte er dann ganz anderes ein: nichts. Mit sogenannten »Ladenfronten« (naturgetreuen, aber völlig leeren Schaufensterbauten) und mit »Luft-Paketen« (verschnürten Plastik-Ballons) versuchte der Künstler, ein Erlebnis des inhaltslosen Raumes zu vermitteln.

Zum Documenta-Jahr 1968 brachte Christo seine neuen Verpackungs-Ideen nach Europa zurück. Er baute in Kassel eine Ladenfront (die inzwischen zu ungenanntem Preis verkauft wurde), plante als Steigerung der früheren, kleineren Luft-Kunstwerke den Phallus auf der Wiese und bereitete sich darauf vor, als erstes Gebäude das Festspielhaus im italienischen Spoleto zu verhüllen.

In Spoleto kam der Künstler, der demnächst auch eine Hügellandschaft in Amerika verschnüren möchte, nur halb zum Ziel. Statt des Theaters durfte er lediglich einen Brunnen und einen mittelalterlichen Turm bearbeiten. Erst in Bern konnte er dann nach Wunsch einpacken.

Für das Schweizer Unternehmen profitierte Christo von einem weiteren Mißerfolg: Er verfügte über die erste, amerikanische Hülle der Documenta-Wurst, die anfangs mittels Helium gehoben werden sollte; nach zwei Versuchen war sie nicht mehr reparabel. Ein dickeres deutsches Fabrikat wurde nun an 70 Meter hohen Kränen hochgezogen.

Dem mühsam und teuer aufgestellten Paket (geschätzte Gesamtkosten, überwiegend von amerikanischen Mäzenen bezahlt: rund 300 000 Mark) droht aber immer noch täglich Gefahr: Das Kunstwerk, das beim Kasseler Regierungspräsidenten als »stationäres Luftfahrzeug« registriert ist, muß nach Behördenvorschrift bei Windstärke sechs oder starkem Gewitter unverzüglich niedergelegt werden.

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