Legende auf Reisen - DER SPIEGEL
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ROCKMUSIK Legende auf Reisen

Vor 90 000 Zuschauern starteten die Rolling Stones in Philadelphia nach drei Jahren Pause wieder eine Tournee. Der Mythos der Veteranen-Band verkauft sich besser denn je.
• aus DER SPIEGEL 41/1981
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Für Mick Jagger ist die Rockmusik schon längst am Ende: »Da gibt es noch immer diese Typen mit ihren Gitarren auf der Bühne, und dann geht es darum, wieviel Rauch man erzeugt, wie gut man singt und so weiter, es ist immer dasselbe. Wirklich verrückt, daß diese Art der Unterhaltung überlebt hat.«

Verrückt, daß Jagger mit dieser Art der Unterhaltung überlebt hat, und dazu noch glänzend. Weit schwebt er über den Köpfen seiner Fans, der 38jährige Rockveteran, Vortänzer und Sänger der Rolling Stones, der dies in seinem New Yorker Luxus-Appartement mit Blick auf den Central-Park einer Reporterin der Zeitschrift »Cult« zu Protokoll gab.

Nicht nur symbolisch schwebte Jagger am vorletzten Freitag im Kennedy-Stadion von Philadelphia noch über den erinnerungsseligen Rockfreaks, wo die Rolling Stones nach drei Jahren Pause wieder einmal ihre Tournee-Karawane in Bewegung setzten. Von der Kanzel eines riesigen gelben Krans aus, der langsam über die gewaltige Menge gereckt wurde, versuchte er, 90 000 Zuschauer von ganz oben anzumachen.

»Im Rock'n'Roll ist den Leuten nicht bewußt, daß man schauspielert, die glauben, das sei Realität. Das ist die ganze Illusion der Rockmusik«, erkennt Jagger.

Das Geschäft mit Illusionen läuft zur Zeit prächtig für die Stones. Jagger hat sich unlängst ein Schloß an der Loire genehmigt, »einen entzückenden Landsitz aus dem 17. Jahrhundert«, wie der Pariser »L'Express« notierte.

Eine neue Platte, Titel: »Tattoo You«, ist in den USA auf die Nummer eins der Hitparaden gespurtet, und überall in der Welt greifen die Käufer wie wild nach dem Stones-Werk. In der Bundesrepublik rangiert »Tattoo You« auf Platz drei. Mit kräftigem Werbe-Flankenschutz wirbeln die Stones nun noch einmal ihre Legende auf: Ein amerikanischer Kosmetik-Hersteller investierte als Sponsor ein paar Millionen Dollar in die Zwölf-Wochen-Tournee, die nahezu ausverkauft ist und zu der 1,5 Millionen Zuschauer erwartet werden.

»Die Tournee verheißt eine magische Wiederauferstehung der sechziger Jahre«, vermutet das Magazin »Newsweek«, das den Premieren-Auftritt der Methusalem-Band höhnisch kommentierte: »Der wahre und passende Höhepunkt der Show: Salven von Feuerwerks-Krachern, die ins Stadion ballerten, bescherten der Band einen lauteren Beifalls-Ausbruch als irgendein Song.«

»Die haben schon bessere Vorstellungen gegeben«, urteilte die »New York Times« über die Show der Stones, die im nächsten Jahr ihr 20jähriges Firmen-Jubiläum feiern. Im Konzert präsentieren sie jetzt eine Mischung aus 20 alten und neuen Songs, darunter auch Stücke mit vergangenem Rebellen-Touch wie »Street Fighting Man« und, als Zugabe, »I Can't Get No Satisfaction«.

Dazu zappelt Jagger seine inzwischen ausgelutschte, sich unfreiwillig selbst karikierende Bühnen-Nummer vor. Für seine mehr als zweistündige Bühnen-Gymnastik hat er sich, wie Ali vorm Boxkampf, mit einem intensiven Jogging-Programm fitgemacht.

Zum verzehrenden Rockrummel hält sich die ehemalige Skandaltruppe inzwischen weitgehend auf Distanz. »Rock'n'Roll ist ein Haufen Dreck«, findet der Schlagzeuger Charlie Watts, 40, und lehnt sich auf seinem Landsitz bei London zwischen zehn Pferden, elf Collie-Hunden und seiner Familie zu Klängen von Woody-Herman-Swing zurück -- der Musik, die er nach Feierabend am liebsten hört.

Bassist Bill Wyman, 39, der versteinerte Mann im Hintergrund, pflegt in seinem Haus an der Cote d'Azur, in der Nachbarschaft von Roger Moore, David Niven, James Baldwin und Dirk Bogarde, den Umgang mit Marc Chagall, über den er ein Photo-Buch vorbereitet. Er liebäugelt damit, ein Broadway-Musical zu komponieren.

Der einzige in diesem gesetzten Fünf-Mann-Verein, dem Rock'n'Roll noch was zu bedeuten scheint, ist Lead-Gitarrist Keith Richards, 37. Der lebt die Rolle des bösen Buben: In Toronto wurde er 1977 mit einer größeren Menge Heroin geschnappt und konnte sich nur mit einem Benefizkonzert für Blinde am Gefängnis vorbeimogeln.

»Wie seit ewigen Zeiten die Musiker, so lebe ich genau im Zentrum der Musik, immer«, sagt Richards. Und so hastet er diesmal, als Komponist der Stones, nicht hinter neuen Moden her, und deshalb gibt's auf »Tattoo You« auch ein paar unverbrauchte Rhythm-and Blues-Nummern zu hören, die unaufwendig lebendig klingen und an die Frische früherer Stones-Tage erinnern. Harmlose Opa-Texte Jaggers ("Sei ein Star im Bett und laß dir den Erfolg nicht zu Kopf steigen") stehen dabei der Musik kaum im Weg.

Die Rolling Stones machen mit dem »dummen Theater« (Jagger) weiter, solange sich ihr Mythos noch so überaus gewinnbringend verkaufen läßt. Und je älter sie werden, um so besser läuft das Geschäft. Ihre neue Tournee verspricht, so die »New York Times«, »der größte Moneymaker in der 25jährigen Rock'n'Roll-Geschichte zu werden«.

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