Illustration: Patrick Mariathasan / DER SPIEGEL
Leserbriefe
»Wir sind für Euch da!«
Nr. 50/2025 Titel: Generation Krise
Als langjähriger Leser und Vater von drei Kindern (8, 14 und 16 Jahre) bedanke ich mich für die dieswöchige Titelstory. Nur: Während ich den SPIEGEL aus dem Briefkasten hole, beschließt der Deutsche Bundestag Wehrpflicht und Rentenreform an einem Tag und gibt den jungen Menschen gleich noch ein paar Gewichte on top auf den Buckel.
Daniel Reckling, Oberursel (Hessen)Während bei der Rüstung und der Ukrainehilfe die Milliarden nur so fließen und bei Rente und Gesundheitswesen zumindest über Reformen diskutiert wird, bleibt es bei psychischen und organischen Problemen von Jugendlichen und jungen Menschen merkwürdig ruhig. Natürlich liegt das auch daran, dass es im Föderalismus verschiedene Zuständigkeiten gibt und zu wenig Therapieplätze vorhanden sind. Sicher ist aber, dass uns die gesundheitlichen Probleme der jungen Leute sehr bald auf die Füße fallen werden. Rückzug aus der Gesellschaft und zunehmende Kosten können da nicht ausbleiben. Wer soll unsere Gesellschaft da am Laufen halten? Von der Verteidigung gar nicht zu reden.
Brigitte Schellnhuber, IngolstadtHerzlichen Dank für diesen ausgewogenen Artikel. Als Lehrerin für junge Erwachsene beschäftigt mich das Thema tagtäglich, obwohl ich in einer Einrichtung arbeite, in der die Auszubildenden handverlesen sind und ich selten mit Extremfällen zu tun habe. Mein Fazit: Ich habe großes Mitgefühl mit den jungen Leuten, die in einer gesellschaftlichen Atmosphäre der permanenten Selbstoptimierung leben müssen, befeuert durch den sozial-medialen Präsentierteller, auf dem sich viele befinden. Dabei sollte man den Jugendlichen mitgeben, dass Krisen zum Leben gehören, man sich nicht immer gut fühlen muss, dass es völlig in Ordnung ist, auch einmal traurig und ratlos zu sein, aber auch, dass man immer für sie da ist und das Vertrauen in sie hat, gestärkt aus aller Unbill hervorzugehen. Dies bedeutet aber auch, dass ich als Erwachsener nicht ungefiltert meine Sorgen und Nöte vor den Kindern und Jugendlichen auskippe, sondern mich um ihretwillen um Zuversicht bemühe.
Anja Hansen, Frankfurt am MainWesentliche Akteure und Vermittler von Werten, Fähigkeiten und Können sind Elternhaus, Kindergarten, Vereine und Schule. Das beste Ergebnis dieser Sozialisationsinstanzen wäre ein junger Mensch mit Selbstbewusstsein, Selbstwirksamkeit im Denken, Fühlen und Handeln, mit Sprach- und Sprechvermögen, Konfliktlösungsstrategien, Kommunikationsfähigkeit, geistiger Regsamkeit und Sich-angenommen-Fühlen. Letztendlich die Herausbildung von Resilienz, um in dieser schwierigen Zeit nicht unterzugehen oder krank zu werden. Das wird in der Regel nicht vermittelt. Nach 40 Jahren Arbeit mit Familien und jungen Menschen dominieren für mich weiterhin Anpassung, Verwöhnung, Konformität und wahlloser Konsum; Sprachlosigkeit, innere Leere und Ersatzbefriedigung, Flucht- und Verdrängungsstrategien sowie Anbiederung der Elterngeneration an den jugendlichen Zeitgeist. Wer will und kann dadurch stark werden?
Wilhelm Stauch-Becker, StuttgartLiebe junge Menschen, als Vater einer nun längst erwachsenen Tochter, als langjähriger Familientherapeut im Münchner Kinderschutzzentrum und als Jugendbeauftragter meines Stadtteils möchte ich euch zurufen: Wir sind da, wir Älteren, lasst uns einander zuhören. Erzählt von den Höhen und Tiefen in eurem Leben, wir kennen das, auch wir haben einiges zu erzählen, gebt uns eure Dynamik und Kraft, euren Willen zu Veränderung; wir geben euch die Erfahrung und Geduld, das Wissen um Gelingen und Scheitern. Wir kennen all das, was auch ihr erlebt, gewiss in anderer Form und Gestalt, aber wir sind euch trotzdem nahe. Ihr seid eine gute Generation, wie die vielen vor euch auch. Wir schaffen all das, wenn wir es gemeinsam anpacken.
Dr. Klaus Neumann, MünchenEs stellt sich die Frage, ob in den zahlreichen Ländern des Globalen Süden, in denen seit Jahrzehnten oft durchgehend eine große existenzielle Not herrscht (Armut, persönliche Gewalterfahrung lokal oder durch lang andauernde regionale Kriege, Vertreibung und so weiter), in der gleichen Altersgruppe ähnliche psychische Störungen in der gleichen Häufigkeit erfasst wurden. Ferner wäre es nützlich zu wissen, ob es verlässliche Daten dazu gibt, wie es in den unmittelbaren Nachkriegsjahren ab 1945 in Deutschland, wo ebenfalls eine große existenzielle Not herrschte, eine Vielzahl von Familien zerrissen worden waren und viele zerstörte Strukturen über etliche Jahre neu aufgebaut werden mussten, mit der psychischen Verfassung der damals Heranwachsenden aussah und in der Folge daraus die Entstehung psychiatrischer Erkrankungen im Erwachsenenalter begünstigt wurden.
Dr. Ferhat Tezer, WiesbadenEs ist bemerkenswert, wie die Folgen der Pandemie für Kinder und Jugendliche meist ausschließlich auf die Schutzmaßnahmen zurückgeführt werden, während, auch im SPIEGEL, in separaten Artikeln durchaus ausführlich erläutert wird, wie die wiederholten Covidinfektionen auch bei vielen Jugendlichen zu lang anhaltenden Problemen führen. Darunter ist ganz typisch eine (teils schwerste) Erschöpfung, die auch in diesem Bericht zentral genannt wird – aber eben ausschließlich als Folge der Einschränkungen. Neben zahlreichen rein körperlichen Symptomen führt Long Covid zudem auch oft zu depressiven und Angstsymptomen. Gleichzeitig wird in diesem Bericht suggeriert, dass Kinder zeitweise niemanden treffen durften. Dabei durfte jede Person jede beliebige andere Person treffen – nur zeitweise nicht mehrere gleichzeitig. Kinder wurden bei diesen Personenbegrenzungen oft gar nicht mitgezählt. Auch die Sorge um Eltern und Großeltern oder sogar deren Verlust an Corona dürfte viele Kinder psychisch schwer belastet haben. Eine seriöse Ursachenforschung darf daher nicht einfach das Befinden von Jugendlichen vor und nach Pandemie vergleichen und Änderungen allein auf die Schutzmaßnahmen zurückführen, sondern muss auch die erheblichen Folgen wiederholter Infektionen berücksichtigen, die wissenschaftlich sehr gut dokumentiert sind.
PD Dr. Christine Blome, Forschungsgruppenleiterin am Universitätsklinikum Eppendorf mit Schwerpunkt postvirale Infektionssyndrome, HamburgKann es sein, dass wir unsere Kinder nicht darauf vorbereitet haben, dass sich kritische Lebensereignisse nicht nur in Afrika oder im Fernen Osten, sondern auch bei uns ereignen können?
Hanspeter Klasser, Karlsbad (Tschechien)
»Ich bin entsetzt, dass Sie das Gesicht eines Opfers unverpixelt auf dem Titel zeigen«
Der Leser Henning Preuß aus Schwerin hat die Titelgeschichte zum Fall »White Tiger« von Max Hoppenstedt und Roman Höfner kritisiert (hier der ganze Text ). Max Hoppenstedt hat ihn angerufen.
SPIEGEL: Herr Preuß, Ihnen hat meine Berichterstattung nicht gefallen. Warum?
Preuß: Ich bin entsetzt, dass Sie das Gesicht des Opfers unverpixelt auf dem Cover zeigen. Ich finde das unangemessen.
SPIEGEL: Sie haben recht, dass Medien Opfer nicht ohne Weiteres zeigen sollten. Aber dies ist ein begründeter Ausnahmefall, denn die Eltern wollten die tragische Geschichte ihres Sohnes Jay Taylor erzählen und dazu auch sein Bild zeigen. Ich finde es wichtig, dass wir die oft abstrakten Themen Cybercrime und Jugendschutz anhand von Menschen erzählen.
Preuß: Okay, da haben Sie in diesem Fall einen Punkt, und ich finde Ihre Recherche tatsächlich sehr wichtig. Aber Sie hätten nicht zusätzlich den Täter und diese düstere Optik auf dem Cover zeigen müssen. Mich stört darüber hinaus auch, dass Texte aus den Bereichen Kriminalität und Kultur zu häufig wichtige politische Themen vom Cover verdrängen.
»Mir fehlen die Worte«
Nr. 49/2025 Außenpolitik: Spitzendiplomatin Helga Schmid war oft allein unter Männern
Danke für das beeindruckende Interview mit Helga Schmid. Sie wäre die weitaus bessere Besetzung für die Stelle der Präsidentin der Uno-Generalversammlung gewesen. Welch ein Unterschied an Kompetenz und moralischer Größe. Für den privaten Bereich wäre die dem Interview mit Jan Josef Liefers und Anna Loos innewohnende Weisheit eine gute Empfehlung.
Ulrich Hartmann, Lübesse (Meckl.-Vorp.)
»Man möchte glauben, die AfD regiert«
Nr. 49/2025 Nicht der Sozialstaat versagt, sondern der Kapitalismus
Herrn Butterwegges Artikel »Der Sozialstaat als Sündenbock« ist großartig. Danke, danke! Dieser Artikel allein ist schon das ganze Jahresabo wert!
Ursula Tjaden, Durach (Bayern)Was für eine Wohltat, diesen Essay zu lesen. Was für eine Wohltat, zu lesen, dass eben auch der Sozialstaat unabdingbare Grundlage unserer Demokratie ist – und dass, wer immer ihn schleifen oder gar abschaffen will, eben genau das ist: ein Antidemokrat. Hendrik Streeck und Konsorten sollten diesen Artikel inhalieren.
Silke Deyhle, Illertissen (Bayern)Der hochinteressante Beitrag zeigt ein gravierendes Problem unserer Gesellschaft: Wie so oft soll besonders bei denen am untersten Ende der Einkommensskala gespart werden. Von der einstigen sozialen Marktwirtschaft ist nicht mehr viel übrig. Warum gibt es Geschenke wie die Senkung der Mehrwertsteuer für die Gastronomie, die Mütterrente et cetera? Der Staat könnte Milliarden erzielen durch eine vernünftige Erbschaftsteuer, durch die Abschaffung des Ehegattensplittings, durch Verhinderung der Steuerflucht. Warum können sich Immobilienkonzerne an der Vermietung von Flüchtlingsunterkünften bereichern? Warum werden Millionen für sinnlose Weiterbildungen von Arbeitsuchenden verpulvert, an denen sich meist dubiose Anbieter bereichern? Aber was wollen wir von einer Regierung unter Führung eines Finanzberaters von Blackrock erwarten?
Dr. Michael Lau,Altlandsberg (Brandenb.)Herr Butterwegge lässt völlig unberücksichtigt, dass das Bürgergeld nach Einführung am 1.1.2023 und auch am 1.1.24 um jeweils rund zwölf Prozent erhöht wurde, was sehr deutlich über den Tarifsteigerungen für Arbeitgeber lag – von den Rentenerhöhungen in diesen Jahren ganz zu schweigen.
Klaus Jeschkeit, Bremervörde (Nieders.)Die konservative Seite tut so, als wäre der Sozialbereich ein Fass ohne Boden, in dem die staatlichen Ausgaben auf Nimmerwiedersehen verschwinden. Aber Sozialausgaben sind keine bloßen Kostenfaktoren, keine konsumtiven, sondern investive Ausgaben. Die Rentner legen ihre Rente nicht auf die hohe Kante, sondern konsumieren. Die Mitarbeiterin in einem Behindertenheim, deren Gehalt über einen Pflegesatz vom Staat finanziert wird, zahlt davon Sozialabgaben, Einkommensteuer, Miete, Lebensmittel, Kleidung und so weiter. Die Behinderteneinrichtung selbst kauft Lebensmittel ein, beschäftigt örtliche Handwerker, zahlt Mehrwertsteuern. Über den volkswirtschaftlichen Multiplikatoreffekt finanziert sich der Sozialstaat zumindest zum Teil also fortwährend selbst.
Dr. Bernd Hein, Fürstenfeldbruck (Bayern)
Ja
»Wenn die Europäer die Ukraine konsequent weiter unterstützen und die Ukraine ihre Drohnenangriffe intensiv hält, wird die Stimmung in Russland kippen. Es gibt zu dieser Strategie keine Alternative in absehbarer Zeit.«
Volker Goller
Nein
»Nein, Putin hat sich längst entschieden, er wird es bis zum Ende mit immer neuen Einwänden, Gegenvorschlägen und Schuldzuweisungen an die Europäer durchstehen.«
Uwe Janßen
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Hat es Relevanz?
Nr. 49/2025 Das neue Leben der Bettina Wulff
Zuerst dachte ich: Was soll das denn, über diese Dame schon wieder im SPIEGEL zu berichten. Aber ich muss gestehen, Gunther Latschs süffisanter und pointierter Schreibstil hat mich versöhnt. Man könnte kaum treffender den Charakter dieser einstigen First Lady beschreiben. Gratulation. Der Artikel ist eine lesenswerte Ablenkung von Ukrainekrieg, Autokratenwirken und Politikrebellion.
Rita Lepski, Hochdorf (Bad.-Württ.)
Um alles in der Welt – warum muss darüber im SPIEGEL berichtet werden? Hat es jedwede gesellschaftliche Relevanz wie das spannende Porträt der Sängerin Faravaz im selben Heft? Ist das womöglich der Gegenstand einer journalistischen Kontroverse – wie der neue berufliche Weg von Constantin Schreiber? Nein! Erkenntnisgewinn für mich als Leser: nicht einmal null, sondern unendlich darunter. Bitte, bitte keine weiteren »Bunte«-mäßigen XYZ-Prominenz-Porträts mehr im SPIEGEL.
Anton Leox, Hamburg
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