Illustration: Patrick Mariathasan / DER SPIEGEL
Leserbriefe
Es liegt an uns Bürgern
Nr. 41/2025 Titelthema: Das Ende der Arbeit, wie wir sie kennen
Ein sehr gelungenes Titelbild, da es sowohl auf sachlicher als auch auf emotionaler Ebene Informationen zum Schwerpunktthema »Jobkiller KI« transportiert und neugierig macht.
Dipl.-Ökonom Denis Ivanov, Offenbach am MainDer Schuss könnte nach hinten losgehen: Wenn Firmen mithilfe von KI auf Menschen verzichten, ihre Gewinne steigern und sich wie bisher durch Steuervermeidung ihrer Verantwortung entziehen, werden ein paar wenige jetzt schon Vermögende zu Hyperreichen mutieren. Aber wer soll, wenn der kleine Steuerzahler wegfällt, für ein auskömmliches Leben der Arbeitslosen aufkommen? Die KI könnte die begehrlichsten und auch dringend benötigten Waren in Maßen herstellen, mangels Kaufkraft würden sie aber keine Abnehmer mehr finden. Amazon und Lieferdienste werden die Ersten sein, welche aufgrund fehlender Nachfrage ihre Tore schließen.
Uwe Engelage, Renningen (Bad.-Württ.)Ob KI ein Segen oder ein Fluch für die Menschheit wird, liegt an uns Bürgern selbst. Als Konsumenten können wir durch unsere Kaufentscheidungen Einfluss auf die Produktionsbedingungen nehmen. Vielleicht werden Unternehmen demnächst damit werben, dass in ihren Betrieben Mitarbeiter nicht durch KI ersetzt, sondern unterstützt werden. Das sollte in unsere Kaufentscheidungen einfließen!
Inga Hänsel-Nell, Wuppertal»Im Verhältnis zum Inhalt ist das Titelbild stilistisch überzogen und inhaltlich irreführend. Während der Artikel differenziert, empirisch argumentiert und schließlich zur Besonnenheit und zur politischen Gestaltung aufruft, vermittelt das Titelbild den gegenteiligen Eindruck: eine unaufhaltsame, tödliche Bedrohung durch KI. Der Duktus erinnert an Schlagzeilen aus der Boulevardpresse«, sagt ChatGPT-5, wenn man das Titelbild im Verhältnis zum Text des Artikels bewerten lässt. Was hier einem Programm auffällt, sollte doch auch dem Redaktionsteam des SPIEGEL auffallen. Mehr Differenzierung und ein klareres Bild der wirklichen Möglichkeiten von KI wären in der Gesamtgestaltung des Themas wünschenswert und auch umsetzbar – die KI selbst hat Ansätze dazu in ihren Texten gefunden.
Marcel Settner, Borken (NRW)
Ja
»Wir müssen weg von der Rundumversorgung durch den Staat. Beim Pflegegrad 1 werden wirklich nur kleine Hilfen abgedeckt, die man früher durch Familie, Freunde oder Nachbarn erledigt bekommen hat. Die Pflegeversicherung ist wichtig! Aber erst dann, wenn eine echte Pflegebedürftigkeit da ist.«
Sylvia Richter
Nein
»Wieder eine dieser brillanten Ideen, um Arme und Bedürftige zu schröpfen. Alles nur, weil man den Multimillionären und Milliardären auf gar keinen Fall ein paar Prozent mehr Ausgaben zumuten will. Wo kämen wir denn auch hin? Die Rentnerin, die ihre Strümpfe nicht alleine anziehen kann, soll gefälligst ohne rumlaufen. Aber Hauptsache Flugbenzin wird subventioniert.«
Olaf Jessen
Angelegenheit besser ruhen lassen?
Nr. 40/2025 Die SED-Vergangenheit von SPD-Vize Petra Köpping wirft Fragen auf
Wer in der DDR-Öffentlichkeit und darüber hinaus gegenüber dem SED-Regime politisch auffiel, war gebrandmarkt. Ein beruflicher Aufstieg war für alle Zeiten unmöglich. Verjährung gab es nicht, ebenso wenig die Möglichkeit, dagegen gerichtlich vorzugehen. Die wenigsten Rechtsanwälte nahmen sich einer solchen Angelegenheit überhaupt erst an. Dieses Unrecht liegt 35 Jahre zurück. Wollen wir als Rechtsstaat, in dem Gegenteiliges möglich ist, nicht besser die Angelegenheit ruhen lassen und so unsere moralische Überlegenheit aktiv unter Beweis stellen? Beurteilen wir die Ministerin doch besser nach ihren beruflichen Leistungen. Das schreibt einer, der nie SED-Mitglied war und dessen berufliche Karriere erst 1990 begann.
Dr. Klaus Swieczkowski, Hildburghausen (Thür.)
Steffen Winter beschreibt eine DDR-Biografie, doch was soll der Bericht? In Bayern wird man sagen: »Da seht ihr es, alles Kommunisten.« In Sachsen wird man sagen: »Eine von uns.« Toller Beitrag zum Tag der Deutschen Einheit.
Dieter Hennig, Kloster Lehnin (Brandenb.)Hat der SPIEGEL jemals über eine Landespolitikerin aus einem alten Bundesland recherchiert, um biografische Details aus ihrem jungen Erwachsenenalter – also 40 Jahre zurückliegend – aufzudecken? Die Botschaft des Artikels scheint zu sein, dass die ostdeutschen Biografien, trotz der vollmundigen Erklärungen des SPIEGEL, diese zu respektieren, in den Redaktionen noch immer nicht vollständig akzeptiert werden. Dies ist besonders bedenklich angesichts der aktuellen katastrophalen Umfragewerte aller Parteien im Verhältnis zur AfD.
Wieland Koch, Schwerin (Meckl.-Vorp.)
»Journalismus muss sich an Fakten halten«
Der Leser Jens Rotermund aus Hamburg hat den Artikel »Wie die ARD sich selbst zerstört« von René Pfister kritisiert (hier die ganze Geschichte ). Eine Auseinandersetzung.
SPIEGEL: Herr Rotermund, Ihnen hat nicht gefallen, was ich geschrieben habe. Warum?
Leser: Sie schreiben, der öffentlich-rechtliche Rundfunk sei linkslastig. In Wahrheit gebärden sich prominente Journalistinnen und Journalisten des ÖRR wie Caren Miosga linken und grünen Politikerinnen und Politikern gegenüber deutlich aggressiver als gegenüber konservativen. Frau Ruhs hat ihre persönliche Meinung mit Journalismus verwechselt. Da musste der NDR handeln.
SPIEGEL: Ich habe versucht darzulegen, dass es durch Studien unterfüttert ist, dass Journalisten eher dem linken Spektrum zuneigen. ARD und ZDF werden Ihre Akzeptanz beim Publikum nur erhalten, wenn sie ein weites demokratisches Meinungsspektrum abbilden.
Leser: Ich teile Ihre Sorge um die Akzeptanz des ÖRR. Doch was früher Konsens war, wird heute schnell als links verteufelt. Journalismus muss sich an Fakten halten. Das Bemühen um höhere Einschaltquoten darf nicht in Mainstream-Meinungsmache abgleiten.
Hebt von dem Gleichklang ab
Nr. 40/2025 Der öffentlich-rechtliche Rundfunk entfremdet sich vom Publikum
Den Argumentationen von René Pfister zum Umgang mit der Journalistin Julia Ruhs kann ich weitgehend zustimmen, mindestens aber der Kritik an dem Empörungssturm von 200 Mitarbeitern des NDR und der Entscheidung, die Zusammenarbeit mit Julia Ruhs zu beenden. Ich habe Julia Ruhs noch nie zugehört, werde ich jetzt aber, es interessiert mich, was sie sagt – das verdanke ich dem Essay. Ein weiterer Grund, weshalb ich mich dazu äußere, ist die fett gedruckte Zeile: »Die vielleicht größte Provokation von Julia Ruhs besteht darin, absolut normal zu sein.« Wie ist es möglich, einen intelligenten, bedenkenswerten Essay zu schreiben und dann einen solchen komplett unsinnigen Satz auch noch fett zu drucken?
Hartmut Krauß, Bielefeld
Jetzt strickt der SPIEGEL also auch mit an der Neuauflage der Dolchstoßlegende: René Pfister gibt den Linken die Schuld am Aufstieg der Rechten und dem Niedergang der Demokratie. Typisch rechts bedient er sich auch gleich eines unverhältnismäßigen Vergleichs: Er stellt die Absetzung Julia Ruhs’ derjenigen von Jimmy Kimmel gegenüber. Als wäre das eine nicht ein interner Vorgang in einem Medienhaus, wie es sie zuhauf gibt, und das andere nicht von der Regierung herbeigeführt und somit die (Selbst-)Unterwerfung der Medien. Im einen Fall will ein Sender journalistische Standards wahren, im anderen erweist ein Medienkonzern vorauseilenden Gehorsam gegenüber einem Möchtegernautokraten, wobei nur die Angst vor Umsatzverlusten Kimmel zurück auf den Bildschirm gebracht hat. Das ist also die letzte Verteidigungslinie gegen Gleichschaltung. Na dann, gute Nacht! Der Fehler des NDR lag nicht in der Absetzung von Ruhs, sondern in ihrem Engagement. Dass die es mit der Wahrheit nicht so genau nimmt, nur Meinungen bedient, ohne zu informieren, und eine Agenda verfolgt, war schon vorher klar.
Dr. Hubertus Niedermaier, Sauerlach (Bayern)Ich kann Herrn Pfister nur uneingeschränkt zustimmen. Spannend, dass der Essay im SPIEGEL erscheint. Auf den restlichen 122 Seiten weht immer noch der alte Wind.
Markus Jessberger, NürnbergDie Medienschelte von Herrn Pfister, dass die Presse in Deutschland mehrheitlich links stehe, ist angesichts der Medienmacht des Springer-Verlags und großer konservativer überregionaler Zeitungen und Magazine falsch. Es mag sein, dass der NDR links ausgerichtet ist, das ist aber auch die Bevölkerung in Norddeutschland. Im Vergleich der ARD-Sendeanstalten gibt es auch den BR, welcher schon immer konservativ war und ist. Der SPIEGEL war auch einmal ein linkes Nachrichtenmagazin, was ja wohl schon seit geraumer Zeit nicht mehr der Fall ist. Die Gefahr der schwindenden Meinungsvielfalt geht vor allem von rechtsextremen Publikationen aus. Hier liegt Deutschland im Trend zu den USA.
Helmut Huber, Lauf (Bayern)Ja, René Pfister hat recht: Der NDR hat Fehler gemacht. Er hat schlecht kommuniziert, warum Julia Ruhs das Format »Klar« für den NDR nicht mehr moderieren soll, vor allem aber hätte er sie gar nicht erst beschäftigen sollen. Wer sich selbst offensiv einem Lager zuordnet, hat es schwer, journalistisch sauber zu arbeiten. Das hat sie in der Reportage zur Migration bewiesen, als sie einseitig nur Probleme und Missstände aufgezählt und mit Unterstellungen gearbeitet hat. Und in der »Klar«-Folge über die Landwirtschaft wurde es nicht besser. Ein Glyphosat-Verbot würde die Bauern belasten – kein Wort darüber, wie belastend Glyphosat ist. Tierwohl macht das Fleisch zu teuer und so weiter. Julia Ruhs missachtet grundlegende journalistische Standards. Trotzdem darf sie beim BR weitermachen. Beim NDR wird sie ersetzt durch eine ehemalige Chefredakteurin von »Bild«. Und den wichtigsten ARD-Posten hat ein CDU-Mitglied. So viel zur »links-grünen Meinungsmacht«, gegen die Ruhs zu Felde zieht und die offenbar auch René Pfister beklagt.
Stefan Siller, StuttgartDer Artikel von René Pfister über die Entfremdung des öffentlich-rechtlichen Rundfunks von seinem Publikum hat mich erfreut, weil er sich von dem Gleichklang der seriösen Medien, die ich benutze, abhebt. Wenn Kolleginnen die Äußerungen der Journalistin Julia Ruhs für einen »Fall für den Verfassungsschutz« halten, muss ich mich fragen, ob Inhalte, die wenig mit dem Leben vieler Menschen zu tun haben, nicht zu sehr die Programme füllen. Und der Rundfunkbeitrag von 18,36 EUR pro Monat: Ich zahle ihn noch gern wegen der Nachrichten und einzelner anderer Beiträge. Aber ich bin auch schon 77 Jahre alt. Die Mehrheit der Jüngeren hat sich längst ausgeklinkt.
Gabriele Assmus, BerlinWahrscheinlich ist der Beitrag von Herrn Pfister ein Rückholangebot des SPIEGEL an jene, die mit sich ringen, sich künftig mehr der AfD zuzuwenden. Ein schlauer Schachzug unter Opferung vernünftiger Argumente. Denn es ist schon eine gewagte Vermutung, dass sich Millionen Bürger im Programm der Öffentlich-Rechtlichen nicht wiederfinden könnten. Das würde eher ein fragwürdiges Licht auf diese Millionen werfen. Es dürften viele darunter sein, die gern unsere Verfassung neu schreiben würden. Ich habe eine ganz schlichte These zu der »Links-grün-Lastigkeit« im Journalismus: Vielleicht sind Journalisten einfach besser informiert als der Durchschnitt.
Werner Sarges, Solms (Hessen)
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