Leserbriefe - DER SPIEGEL
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Artikel 63 / 65

Illustration: Patrick Mariathasan / DER SPIEGEL

Leserbriefe

Die Akte White Tiger, die möglichen Folgen einer Minderheitsregierung, Merz’ Probleme mit der Jungen Union, die Grenzen der Meinungsfreiheit sowie das SPIEGEL-Gespräch mit dem Mediziner Otto Kernberg über bösartigen Narzissmus – das waren die Themen, zu denen wir in der vergangenen Woche die meisten Zuschriften erhalten haben.
• aus DER SPIEGEL 50/2025

Wie kann es so weit kommen?

Nr. 49/2025 Titel: Die Akte White Tiger 

  • Danke, dass Sie sich diesem Abgrund mit einer gut recherchierten und empathisch ausformulierten Titelgeschichte genähert haben. Als Vater zweier Heranwachsender berührt mich der Fall zutiefst. Er zeigt, dass Halt suchende junge Menschen im digitalen Raum selbst bei größter Fürsorge durch das nahe Umfeld in die Fänge des schlicht Bösen geraten und daran zerbrechen können. Und doch bleibt es unerlässlich, dass Eltern ihren Kindern angesichts der im Netz lauernden Gefahren kontinuierlich Schutz, Orientierung und Hilfestellung bieten. Hierzu ist es kein Widerspruch, wenn sie ihnen sukzessiv und altersgerecht jene wachsenden Freiheiten lassen, die es ihnen ermöglichen, im digitalen Umfeld zu lernen und mit anderen Menschen in einen positiven Austausch zu kommen.
    Hermann Steveker, Düsseldorf 

  • Es ist gut, dass wieder einmal Ihre Redakteure ein solch bedauerliches Verhalten in unserer Gesellschaft aufgegriffen und angeprangert haben. Zum Glück sind das nur Ausnahmefälle. Wie kann es so weit kommen? Haben die Eltern versagt, das persönliche Umfeld oder unsere Politik? Freiheit: ja – aber in einem Rahmen, der von Gesellschaft, Politik und Religionsgemeinschaften vorgegeben werden sollte. Es ist bedauerlich, dass ein Teil unserer Gesellschaft und das harmonische Zusammenleben immer mehr verwahrlosen. Wo sind in unserer Gesellschaft noch entsprechende Vorbilder?
    Horst Kolod, Dortmund

  • Nach dem Lesen frage ich mich, ob menschliche Perversion noch tiefer sinken kann. Es müssen klare Regeln und Gesetze für die Nutzung des Internets gelten. Auch der Einführung einer Alterssperre, wie schon diskutiert, stehe ich nun nicht mehr abgeneigt gegenüber.
    Jürgen Schöfer, Manila (Philippinen) 

An dieser Stelle sprechen wir jede Woche mit einem Leser oder einer Leserin über die Kritik an einem unserer Beiträge

»Warum schildern Sie die Schwächen der Bundeswehr so detailliert?«

Der Leser Heinz-Jürgen Wurm, 83, aus Siegburg hat das Interview mit dem neuen Inspekteur der Luftwaffe kritisiert (hier der ganze Text ). Matthias Gebauer, der das Gespräch mit Paul-Anton Krüger führte, hat ihn angerufen.

SPIEGEL: Herr Wurm, Sie haben sich über unser Interview geärgert. Warum?

Wurm: Ich fühlte mich beim Lesen an die SPIEGEL-Affäre in den Sechzigerjahren erinnert, als Ihr Magazin die Schwächen der Bundeswehr offenlegte. Gerade jetzt, da wir mit einer neuen Bedrohung durch Russland konfrontiert sind, kann ich nicht verstehen, dass sie die Lücken so detailliert schildern.

SPIEGEL: Auch wir diskutieren mittlerweile häufiger, wie genau wir Schwachstellen bei den Streitkräften beschreiben. Hier aber enthüllen wir ja nichts gegen den Willen der Bundeswehr, sondern sprechen mit einem führenden Militär.

Leser: Das stimmt. Ich habe mich sehr gewundert, wie redefreudig General Neumann bei Ihrem Treffen war. Vielleicht lag es an Ihren bohrenden Fragen. Ganz unschuldig sind Sie also nicht.

Mit Nazis macht man gar nichts

Nr. 48/2025 Leitartikel: Eine Minderheitsregierung ist kein Modell für den Bund 

  • Die CDU muss sich darüber im Klaren sein, dass sie viele Stammwähler verlieren wird, wenn sie durch eine Minderheitsregierung die innere Sicherheit Deutschlands gefährdet. Und wofür das Ganze? Zu Recht weisen Sie darauf hin, dass es mit der AfD kaum inhaltliche Übereinstimmungen gibt, schon gar nicht bei dem aufgeheizten Thema Rentenreform.
    Inga Hänsel-Nell, Wuppertal 

  • Die Minderheitsregierung ist der Fluchtpunkt gescheiterter Kompromissversuche. Es ist nicht absehbar, wie der Reformstau – etwa in der Sozialversicherung – aufgelöst werden kann, schon gar nicht mit einer Partei, die das Ganze »Bullshit« nennt. Solange sich die SPD verweigert, könnte die Minderheitsregierung zum Damoklesschwert werden, das Bewegung in die Fronten bringt. Sinnhaft freilich nur mit einer Schleifung der Brandmauer, die der SPD ein faktisches Vetorecht verschafft. Am Ende bliebe ein Experiment, das im günstigsten Fall die politischen Optionen erweitert, ansonsten jedoch nur ein Anlauf zu Neuwahlen wäre. Das Regierungsgeschäft mag dadurch zunächst instabiler werden. In der Abwägung wirken fortdauernder Attentismus und der nos­talgisch anmutende Retrokurs der SPD jedoch kaum erbaulicher. Wenn die AfD dabei aufgewertet würde, wäre das auch der Intransigenz des linken Lagers geschuldet. Den Versuch wäre es schließlich wert.
    Christoph Schönberger, Aachen

  • Die CDU-Fraktion ist nur stark, wenn sie von einem Getreuen des Kanzlers geführt wird. Wie der selbstverliebte, maskengeschwächte, selbst ernannte »Kanzler in spe« auf den Posten gehievt werden konnte, entzieht sich meinem Verständnis.
    Dr. Jean-Arno Topp, Moosinning (Bayern)

  • Wer Demokratie will, muss den Willen des Volkes respektieren, der in Wahlen zum Ausdruck kommt. Können das die guten Demokraten sein, die Gespräche und Koalitionen mit der größten Gewinnerpartei ausschließen und sich lieber von einer abgewählten SPD manipulieren lassen, die zu den desolaten Zuständen unseres Landes beigetragen hat? Wer so etwas sagt, muss immer noch damit rechnen, dass er mit solchen Einwänden in TV-Talkshows und leider auch schon meist bei Leserbriefen ausgegrenzt wird, weil er ein Sympathisant der AfD sein könnte. Höchste Zeit für eine Zeitenwende, die auch alternative Ansätze respektiert und wegkommt von festgefahrenen Denkstrukturen.
    Simon Kirschner, Gaimersheim (Bayern)

  • Mit einer Partei, die mit Rechtsradikalen und Nazis besetzt ist, macht man gar nichts. Niemand sollte vergessen, was vor fast100 Jahren in Deutschland passiert ist, vor allem passieren konnte.
    Lothar Wirth, Berlin 

Wünschen Sie sich von Unternehmen eine klare Abgrenzung zur AfD?

Ja

»Eine klare Distanzierung ist für mich kein politischer Luxus, sondern ein notwendiges Bekenntnis zu Menschlichkeit, Gleichberechtigung und Respekt.«

Klaus Jansen

Nein

»Nein, denn Unternehmen sollten sich auf das eigentlich wichtige konzentrieren: das unternehmerische Tun.«

Christian Walzl

Sagen Sie auch Ihre Meinung!

Der Druck steigt

Nr. 48/2025 Das Riesendilemma des Friedrich Merz 

  • Das Ende der Vernunft dieser Regierung nimmt rasant Fahrt auf. Was hält sie davon ab, mit der angekündigten Staatsreform die Grundlage für Wachstum zu schaffen, das Niveau der Pensionen an das der Renten anzugleichen, damit Spielraum für Renten zu gewinnen und endlich eine überfällige, ideologiefreie Reform vorzulegen? Vermutlich das Ego der Handelnden und gesellschaftspolitische Kurzsichtigkeit, gepaart mit Unvermögen.
    Gero Golding, Römerstein (Bad.-Württ.)

  • Besten Dank an die SPIEGEL-­Redaktion für die tolle Arbeit. Ihr Merz-Artikel ist vernichtend. Leider völlig zu Recht. Allerdings ist dieser ältere, etwas überforderte Herr ohne jegliche Regierungs- oder Führungs­erfahrung (gut gewählt, CDU), nur ein Teilaspekt des Problems. Auch wenn vieles komplex
    ist, liegen Lösungen längst auf der Hand. Würden gute Leute vernünftig zusammenarbeiten, könnten auch viele kleine Schritte Deutschland voranbringen. Doch der Berliner Betrieb
    ist dysfunktional. Viele Wirtschaftsexperten hoffen nur noch, dass die aktuellen Rentenpläne in der Tonne landen. Wenn weiter nur Mist aus Berlin kommt, steigt der Druck im Kessel gefährlich an.
    Karl Jetter, München

  • Die impulsive Rhetorik der vermeintlich klaren Worte von Friedrich Merz lässt zunehmend den Geist Wilhelms II. aufscheinen.
    Pedro Bruncken, Königstein im Taunus (Hessen)

Ein hohes Gut

Nr. 48/2025 Der Kampf gegen Hatespeech gefährdet die Meinungsfreiheit 

  • Frau Hovens klarsichtiger Appell findet hoffentlich nachhaltig Gehör in Justiz, Politik und ­Medien. Eigentlich ist kaum nachvollziehbar, wieso sich die Akzente im Umgang mit – selbst grenzwertiger – Kritik an ­Politikern so massiv verschieben und Widerhall in der Rechtsprechung finden konnten. Umso verdienstvoller, wie klar Frau ­Hoven die Akzente dort setzt, wo sie zum Schutz der Meinungsfreiheit im demokratischen Rechtsstaat hingehören.
    Hans Dietrich Knoth, Chemnitz

  • Bei Satire oder polemischer ­Zuspitzung ist die Grenze schwerer zu ziehen. Dennoch kann nicht jeder Hasstirade im Internet von vornherein unterstellt werden, dass sie schon nicht böse gemeint sei. Alles andere ist eine Rechtsgüterabwägung: Die (Meinungs-)Freiheit der oder des Einen endet dort, wo die Freiheit der oder des Anderen anfängt. Das von Ihnen zitierte Gefühl, man könne die Meinung nicht frei äußern, bezieht sich meiner Ansicht nach weniger auf den Inhalt als auf die Form des Widerspruchs. Sei es die Befürchtung, dass ein sachlicher Diskussionsbeitrag einen Shitstorm nach sich ziehen könnte, sei es die Angst, dass es aus dem Wald so herausschallen könnte, wie man hineinzurufen beabsichtigt. Zur Wahrung des gesellschaftlichen Zusammenhalts müssen Gesetzgeber und Justiz Grenzen setzen. 
    Jens Duda, Hamburg

  • Meinungsfreiheit ist ein hohes Gut. Sie wird aber oft von denen eingefordert, die sie der anderen Seite nicht zubilligen, wie gerade in den USA. Bewusst die Grenzen des Sagbaren zu überschreiten oder auszutesten, ist mittlerweile fest im Repertoire der AfD, aber auch der CSU – wenn von dort gegen die Grünen gehetzt wird – verankert. Ziel der verbalen Grenzgänger ist es, die eigene Anhängerschaft zu ermutigen, die Grenzen zu überschreiten. Der nächste Schritt ist die Ausübung oder zumindest die Androhung von Gewalt. Diesen Zusammenhang verkennt der Beitrag leider. Übelste Beleidigungen von Politikern mit »Machtkritik« gleichzusetzen, die gefälligst nicht zu verfolgen sei, da dies sonst als »erneute Machtausübung« wahrgenommen werden könnte, ist eine weitere Entgleisung im Text. Es fehlt leider jegliches Verständnis für Verhältnismäßigkeit.
    Dr. Stephan Kohlhoff, Wiesbaden

Beeindruckendes Interview

Nr. 48/2025 SPIEGEL-Gespräch mit dem Mediziner Otto Kernberg über bösartigen Narzissmus 

  • Sie haben genau die Fragen gestellt, die ich mir auch schon seit einigen Jahren stelle, und Otto Kernberg bestätigt im Wesentlichen meine Beobachtungen. Der SPIEGEL-Redaktion gebührt großer Dank, dass sie dieses Gespräch veröffentlicht hat. Ich halte es für den wichtigsten und sinnvollsten Beitrag zum Thema, zumindest in diesem Jahr. Wir sind erst vor knapp zwei Jahren nach Greifswald gezogen, ich als »Wessi«, meine Partnerin als »Ossi«, nach Jahrzehnten in München, und die Umfrageergebnisse unter anderem zur Landtagswahl in Mecklenburg-Vorpommern treiben uns (und einige Freunde und Bekannte) sehr um.
    Werner Bader, Greifswald (Meckl.-Vorp.)

  • Was für ein beeindruckender Mann. Was für ein beeindruckendes Interview. Wenn ich Kontakt zu Otto Kernberg hätte, würde ich ihn bitten, fünfzig seiner besten Kolleg:innen weltweit anzustiften, eine gemeinsame Diagnose dieses Molochs zu veröffentlichen. Die amerikanische Justiz zu bewegen, Trump endgültig in eine sichere Verwahrung zu bringen. Eine Lehre für die Menschheit, die eigentlich durch den Hitler-Faschismus vorgewarnt war. Vielleicht könnte es gelingen, Putin dann auf dasselbe Zimmer zu bringen, gleiche Diagnose.
    Ralf Flechner, Hamburg

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