Letzte Sumpfblüte - DER SPIEGEL
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Cholera Letzte Sumpfblüte

Fast 9000 Menschen starben 1892 in Hamburg an der Cholera - ein Desaster in der damals »schmutzigsten Stadt Europas«.
• aus DER SPIEGEL 3/1991
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Aus Zentralasien war der Erreger rasch nach Mitteleuropa vorgerückt. Im Frühsommer hatte er noch im über 5000 Kilometer entfernten Afghanistan gewütet. Keine zwei Monate später überschritt er die deutsche Grenze. Wohl am 14. August 1892, einem schwülwarmen Sommertag, schwamm der bösartige Schmarotzer in den Hamburger Hafen.

Die Bedingungen für den rasanten Durchmarsch waren optimal. Die gesamte eurasische Landmasse lag im Sommer 1892 unter einer Hitzeglocke: flimmernde Luft in Zentralrußland, aufgewärmte Seen in Polen, in der Elbe wurden 22 Grad gemessen. In den lauwarmen Wassern vermehrten sich die stäbchenförmigen »Vibrio cholerae«-Mikroben explosionsartig.

Gleichsam als Transportvehikel für den Sprung nach Hamburg dienten dem Todeskeim russische Emigranten. Ein nicht abreißender Strom von Auswanderern verließ damals das Zarenreich. Die Nadelöhre für die Emigranten-Trecks waren die Städte Hamburg und Bremen. Im Cholera-Jahr 1892 wurden _(* Richard J. Evans: »Tod in Hamburg«. ) _(Rowohlt Verlag, Reinbek bei Hamburg; 848 ) _(Seiten; 78 Mark. ) von Hamburg aus über 100 000 Auswanderer nach New York verschifft.

Die preußische Regierung stemmte sich der Epidemie entgegen, sie riegelte am 18. Juli die deutsch-russische Grenze ab. In Kiew, Tschernigow, Poltawa, in den Distrikten Podolien und Wolhynien, erklärten die Berliner Behörden, habe die Seuche »weite Verbreitung« gefunden. Alle Auswanderer wurden untersucht und in versiegelten Zügen durchs Reichsgebiet geschleust. Waren Zwischenstopps nötig, rückten Desinfektionstrupps auf die Bahnhöfe.

Fast täglich trafen die plombierten Waggons in Hamburg ein. Doch die hanseatischen Stadtväter blieben sorglos. Nach flüchtigen Kontrollen zogen die Emigranten in schmutzige Holzbaracken und warteten auf die Überfahrt. Wer es sich leisten konnte, nahm im Gängeviertel Quartier, einem Labyrinth von lichtlosen Gassen, in denen Sickergruben, Latrinen und Nachttöpfe anstelle von Spülklosetts verbreitet waren.

Mit den Ausscheidungen eines kranken Auswanderers gelangten die ersten Cholerakeime ins Elbwasser. Keine sechs Wochen später war die nach London, New York und Liverpool viertgrößte Hafenstadt der Erde moralisch diskreditiert.

»Tod in Hamburg« nennt der britische Historiker Richard J. Evans sein Buch über das Sterben, das damals »mit entsetzlicher Geschwindigkeit« einsetzte*. Die Zahl der Hamburger Plumpsklos in jener Zeit (4945 Stück) hat der Forscher während seiner zehnjährigen Cholera-Recherchen ebenso ermittelt wie die Zahl der Bewohner stickiger Kellerwohnungen (42 000) - sein Buch ist zugleich eine umfassende Sozialgeschichte der volkreichen Hansestadt nahe der Elbmündung.

Etwa 600 000 Menschen hatten sich im ausgehenden 19. Jahrhundert in Hamburg angesiedelt. 8000 Schiffe pro Jahr schlugen an den Kais ihre Waren um: Weizen aus England, Petroleum, Erze, Tabak und Kaffee aus Übersee. Das pompöse Rathaus und die Speicherstadt wurden gerade mit Millionenaufwand errichtet. Gleichzeitig, so Evans, lebten in der aus allen Nähten platzenden Hafenstadt 70 Prozent der Bevölkerung unter der Armutsgrenze.

Vor allem das Abwassersystem der Stadt benebelte seine Bürger mit olfaktorischer Urgewalt. Spülwasser, Abfälle und Fäkalien flossen ungefiltert in die Elbe. 12 000 Pferde verschmutzten die Straßen, der Mist aus Hühnerställen und Schweinekoben rann in die Abwassergräben. Viele der alten Fleethäuser hatten noch balkonartig vorgebaute Toiletten, aus denen die Exkremente in die darunterliegenden Stichkanäle fielen.

In der Nacht zum 15. August forderte die Cholera ihr erstes Opfer. Ein Mann namens Sahling, der als Kanalarbeiter am Zentralausfluß gearbeitet hatte, »litt an heftigen Anfällen von Erbrechen und Durchfall«, er starb am darauffolgenden Tag. Am 17. August wurden 4 ähnliche Krankheitsfälle gemeldet, am 18. August waren es 12, einen Tag später schon 31. Die Ärzte schrieben »Brechdurchfall« auf die Totenscheine.

Die Symptome der Seuche waren grauenhaft. In Sturzbächen schieden die Kranken Stuhl aus, erbrachen sich und verloren so in wenigen Stunden bis zu 25 Prozent ihrer Körperflüssigkeit. Schließlich wurde die Haut blau und schrumpelig, heftige Krämpfe schüttelten den Körper, die Augen lagen tief in den Höhlen.

Bereits beim zweiten Todesopfer hatten Ärzte vom Eppendorfer Krankenhaus Stuhlproben entnommen, mikroskopisch untersucht und darin »auffallend große Stäbchen« entdeckt. Der Leiter der Autopsie, Doktor Erman, versuchte, die merkwürdigen Keime in Kulturen weiterzuzüchten. Ansonsten wurde Stillschweigen bewahrt.

Doch der Nachweis der Vibrio-cholerae-Keime ließ auf sich warten. Am 22. August, volle sechs Tage nach der Stuhlentnahme saß Physikus Erman immer noch ratlos über seiner Petrischale. Längst kursierten Seuchengerüchte in der Stadt. Die Zahl der Toten war bereits auf über 100 gestiegen.

Erst neun Jahre zuvor war es dem Mediziner Robert Koch gelungen, das Cholerabakterium zu identifizieren. Im Wettlauf mit seinem Pariser Konkurrenten Louis Pasteur hatte er in Kalkutta große »Kommabazillen« in den Ausscheidungen von Erkrankten gefunden - die Erreger der Cholera.

Kochs Bakterientheorie stieß jedoch - vor allem bei der Hamburger Ärzteschaft - auf Vorbehalte. Jahrhundertelang war die Cholera als miasmatische Krankheit gedeutet worden: »Belebte Sumpfluft«, üble Dämpfe aus dem Erdinneren oder von abschmelzenden Eisbergen geschwängerte Giftwolken, hieß es, verbreiteten die Krankheit. Für die Geizkragen im Hamburger Senat ein wohlfeiles Argument: Sie hielten sich an die hergebrachte Miasma-These - hygienische Verbesserungen waren also nicht nötig.

Während der Senat auf bessere Winde wartete, rumpelten immer häufiger Krankenkutschen über das Hamburger Pflaster, aus dessen Ritzen bei Regen lehmiger Schmutz quoll. Etwa jeder zweite Patient starb während des Transports. In die Holzsitze der Wagen waren Löcher gebohrt worden; die den Kranken entstürzenden Exkremente sickerten direkt auf die Straße.

Die 18 auf Lebenszeit gewählten Senatoren regierten die Stadt ohne professionelle Bürokratie. Berufsbeamte gab es nicht, das Gesundheitswesen, ohnehin kaum vorhanden, wurde nebenbei vom Polizeisenator verwaltet. Erst als ein Koch-Schüler dem unfähigen Dr. Erman die Petrischalen entriß, gelang in wenigen Stunden der bakteriologische Nachweis. Dennoch ließ der Senat einen weiteren Tag verstreichen, ehe er am 24. August das Cholera-Desaster offiziell bestätigte.

In keiner anderen deutschen Stadt konnte die Seuche 1892 Fuß fassen. Selbst in der Emigrantenschleuse Bremen war es nur zu sechs Todesopfern gekommen. Dummheit, Untätigkeit und die Angst der Pfeffersäcke vor möglichen Handelsbeschränkungen, so Historiker Evans, hätten in Hamburg »schicksalhafte und aberwitzige Verzögerungen« ausgelöst.

Der Erreger war mittlerweile elbaufwärts gewandert, nach Rothenburgsort. Dort lag die zentrale Wasserentnahmestelle der Stadt. Kubikmeterweise wurde hier Elbwasser aus dem Fluß gepumpt. Aus Kostengründen hatte der Senat den Einbau einer Sandfilteranlage verzögert. Als Klärbecken diente nur ein großes Bassin, in dem sich die gröbsten Schmutzstoffe ablagerten.

Als am 24. August Robert Koch in Hamburg eintraf, war die Bevölkerung immer noch ahnungslos - die Stadtbewohner badeten im Cholerawasser und wuschen, es war Pflaumenzeit, ihr Obst mit der verseuchten Brühe.

In den Krankenhäusern, wo sich die Patienten auf den Fluren drängten, fand Koch Menschen wie »von unsichtbaren Geschossen dahingestreckt«. Nach einem Besuch im Gängeviertel, diesen »Pesthöhlen und Brutstätten«, verschlug es ihm die Sprache. Den stolzen Senatoren, die seit 1871 wieder mit Degen, weißer Halskrause und Samtrock durch den Berliner Reichstag stolzierten, rief er zu: »Meine Herren, ich vergesse, daß ich in Europa bin!«

Erst jetzt stimmten die Stadtväter weiterreichenden Seuchenmaßnahmen zu: Alle Erkrankten wurden unter Quarantäne gestellt, Tankwagen verteilten frisches Quellwasser auf den Straßen, Desinfektionsstaffeln wurden aufgestellt. Was die Koofmichs und Pfeffersäcke jedoch härter traf: Die Stadttore wurden geschlossen, im sonst lärmerfüllten Hafen herrschte plötzlich Totenstille.

Erst am 28. August klebten an allen Häusern rote Warnzettel. Pro Tag starben nun etwa 400 Menschen, jeweils 1000 erkrankten neu. 30 Krankenwagen und 50 Träger waren im Einsatz. Auf dem Hauptfriedhof Ohlsdorf wurden Massengräber ausgehoben, die Toten in umgebauten Möbelwagen herangeschafft. Die Krankenträger erhielten vom Senat zu ihrer eigenen Immunisierung pro Tag »eine halbe Flasche Wein und Kognak«. Der Dichter und Zeitzeuge Detlev von Liliencron fand bei einem Behördengang »die Polizei-(Sanitäts-) Beamten alle besoffen«.

Gleichzeitig sammelte sich eine Wolke von Chemikalien über der Stadt. Die 700 Mann starke Dekontaminationstruppe kippte Chlorkalk in die Siele, desinfizierte Straßen und Häuser. Bürgermeister Georg Mönckeberg lamentierte am 30. August, »daß wir überall Karbol, Lysol, Kreolin und sonstige Übelgerüche zu genießen haben«.

Weitgehend machtlos gegen die Geißel waren die Ärzte. Koch hatte zwar den Choleraerreger entdeckt, aber kein Heilmittel gefunden. Die Mediziner versuchten es wahlweise mit Opium und heißen Bädern; sie schütteten literweise Gerbsäure in die Patienten, um den Flüssigkeitsverlust auszugleichen. Quacksalber priesen die heilsame Wirkung von »warmem Kuhdreckbrei«, andere sprachen sich für Stromströße und Schwarzpulver-Infusionen aus.

Gemeinschaftstoiletten für 50 und mehr Personen in den Elendsvierteln hatten es dem Erreger leicht gemacht, der Medizinalrat Johann Julius Reincke berichtete nach einem Besuch in einem Arbeiterviertel: _____« In der Kastanienallee 37 fanden wir, daß die » _____« undichten Closets der oberen Etagen in die Wasserkästen » _____« der darunter liegenden Wohnungen leckten; in einem » _____« anderem Hause, wo eben ein Kind gestorben war und das » _____« Krankenzimmer noch mit Dejectionen beschmutzt war, hingen » _____« die ungereinigten Kindertücher . . . über den offenen und » _____« gefüllten Speisetöpfen. »

Wie Inseln der Seligen ragten nur die Villenviertel Rotherbaum und Harvestehude aus dem Cholerasumpf. In diesen Gebieten starben von je 1000 Hamburgern nur etwa 5. In den Armensiedlungen Billwärder Ausschlag, Neustadt Süd und Altstadt Nord lag die Sterbequote viermal so hoch.

Schließlich, Ende September, flaute die Seuche ab. »Die letzte Sumpfblüte im Zeitalter der Epidemien« (Evans) hatte 8605 Menschen getötet, fast 17 000 waren erkrankt. Die Schuldigen schienen bald gefunden. »Mammonistischer Kliquen-Geist« und der »Korruptionsbazillus des Judaismus«, so hieß es in den Deutsch-Sozialen Blättern, hätten Hamburg ins Chaos geführt.

Das Argument zog. Bei der Reichstagswahl 1893 konnten die antisemitischen Parteien ihren Stimmenanteil in vielen Hamburger Stadtteilen von fast null auf über zehn Prozent erhöhen. o

* Richard J. Evans: »Tod in Hamburg«. Rowohlt Verlag, Reinbek beiHamburg; 848 Seiten; 78 Mark.

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