Letzte Zigarette - DER SPIEGEL
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SCHRIFTSTELLER Letzte Zigarette

Ein Schriftsteller, dessen Hauptwerk vor gut sechzig Jahren erschien, steht zur Zeit auf Platz 1 der »Bestenliste« des SWF: Der Triester Erzähler Italo Svevo wird neu entdeckt. *
• aus DER SPIEGEL 9/1984
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Es gibt keine vollkommenere Einmütigkeit als die des Schweigens«, notierte einmal der Industrielle Ettore Schmitz aus Triest, nachdem er unter dem Namen Italo Svevo in den 1890er Jahren zwei erfolglose Romane veröffentlicht und daraufhin beschlossen hatte, »seriös zu werden«, sich nur noch seinen Geschäften zu widmen und »diese lächerliche und schädliche Sache, die man Literatur nennt«, endgültig an den Nagel zu hängen.

Aber mit der Schriftstellerei erging es ihm wie mit jener »letzten Zigarette«, an der er, allen Gelübden zum Trotz, immer wieder und bis ans Lebensende rauchte: Er erwies sich als unverbesserlich, ein verstockter Wiederholungstäter, und umweht vom blauen Dunst »kritzelte« er weiter, zum persönlichen Vergnügen, bis er, ein alter Herr bereits, mit einem dritten Roman, »La coscienza di Zeno« (1923), dann doch noch in den Literaten-Ruhm hineinstolperte.

Es war ein grotesk umstrittener Ruhm. Erst auf französisch empfohlen, hat Svevo in den letzten paar Jahren vor seinem Tod endlich die so lang erträumte Anerkennung gefunden. Doch während die Literatur-Mandarine von Paris ihn damals feierten als »italienischen Proust«, blieb er in Rom, Florenz und Mailand eine »anti-literarische Kuriosität«, ein »Triester Kaufmann«, der in einem armseligen Italienisch banale Bücher schrieb. Im »Corriere della Sera« stand Anno 1927 zu lesen: »Wenn dieser verkannte Italiener dazu bestimmt sein sollte, zur Kenntnis Europas gebracht zu werden, dann ist es gut, daß dies in einer anderen Sprache geschieht, vor allem in einer Sprache.«

Italo Svevo gilt heute als moderner Klassiker. Daß er, trotz allem Mangel an epischem Belcanto und schönem Stil, ja nicht zuletzt gerade kraft seiner kunstlosen und dabei ironisch effektreichen Sprache zu den hervorragenden Autoren des Jahrhunderts gehört, wird inzwischen auch in Italien gebührend zur Kenntnis genommen.

Dagegen war er hierzulande, nach Rowohlts vergriffener Svevo-Edition der sechziger Jahre, fast schon wieder zurückgesunken in die »Einmütigkeit des Schweigens«, ein großer Unbekannter, präsent nur noch in einem Rowohlt-Buch hier und einem Suhrkamp-Bändchen da, auch diesem oder jenem Drama aus dem Nachlaß, das gelegentlich in Stuttgart oder Wien auf die Bühne kam.

Nun ist Rowohlt dabei, ihn neu und diesmal gründlicher denn je zu entdecken, in einer auf sieben Bände angelegten kritischen Ausgabe »Gesammelte Werke«, die, ediert von drei italienischen Spezialisten, erstmals auf deutsch auch Svevos Essays, dazu Autobiographisches sowie eine Briefauswahl enthalten soll. Kiepenheuer & Witsch fördert das neue Interesse an Svevo mit einer Edition der Theaterstücke. _(Italo Svevo: »Die Erzählungen 1« und ) _("Die Erzählungen 2« (erscheint im März). ) _(Herausgegeben von Claudio Magris, ) _(Gabriella Contini, Silvana de Lugnani. ) _(Deutsch von Ragni Maria Gschwend, Karl ) _(Hellwig, Anna Leube, Piero Rismondo. ) _(Rowohlt Verlag, Reinbek; 396 und 416 ) _(Seiten; je 48 Mark. - Italo Svevo: ) _("Schauspiele«. Deutsch von Charlotte ) _(Jenny und Karl-Heinz Roland. Verlag ) _(Kiepenheuer & Witsch, Köln; 400 Seiten; ) _(48 Mark. )

Italo Svevo, »der italienische Schwabe« oder auch »der italienische Deutsche«, bis zum Ende des Ersten Weltkriegs Untertan der Donaumonarchie, ist immer ein aparter Fall gewesen, eine echte Spezialität des Habsburger Vielvölkerreichs, das in der Zeit seines Zerfalls und noch in den Nachwehen die außergewöhnlichsten Literaten hervorbrachte.

Als österreichischen Dichter italienischer Sprache hat Svevos alter Übersetzer Piero Rismondo ihn bezeichnet. Wie seine deutsch schreibenden Geistesverwandten in Wien und Prag, wie Franz Kafka und Arthur Schnitzler und Robert Musil, so bestätigt sein neuer Herausgeber Claudio Magris, »fügt sich Svevo in die große analytische, ethisch-wissenschaftliche Tradition der österreichischen oder mitteleuropäischen Erzählkunst, welche die Literatur in der Zeit vom Beginn des Jahrhunderts bis zu den zwanziger und dreißiger Jahren in ein Glossar des zeitgenössischen Deliriums ... verwandelt hat«.

1861 ist Ettore Schmitz, dessen jüdischer Großvater aus dem Rheinland kam, in Triest geboren worden, einer Hafen- und Handelsstadt mit österreichischer Bürokratie und überwiegend italienischer Bevölkerung. Als er zwölf war, schickte ihn Papa Francesco nach Würzburg auf eine Handelsschule, wo Ettore sich weniger für Buchhaltung als deutsche Dichter begeisterte, Schiller vor allem.

Nach dem Bankrott der väterlichen Glaswarenfirma wurde er Korrespondent in der Triester Filiale einer Wiener Bank und blieb es 18 trostlose Jahre lang, bis er seine Kusine Livia Veneziani heiratete und in der Schiffsfarben-Fabrik des Schwiegervaters (Niederlassungen in Murano und London) zu leitender Stellung aufrückte.

Es war eine exemplarisch bürgerliche Existenz, und in seinen Romanen, Erzählungen, Dramen hat er sie immer wieder in Szene gesetzt, diese Tragikomödien aus dem Narrenspital des bürgerlichen Alltags, zu denen sein eigenes Leben ihm den Rohstoff lieferte, die Kulisse und das Personal, insbesondere die Hauptfiguren.

Svevos erster Roman, »Una vita«, 1892 auf eigene Kosten gedruckt, schildert die Leiden eines jungen Alfonso, der im Bankgewerbe tätig ist und nach mißglückter Karriere durch Selbstmord endet: no future. »Senilita«, sechs Jahre später herausgebracht (deutscher Titel: »Ein Mann wird älter"), analysiert die Eifersuchts-Flausen und Selbsttäuschungs-Manöver eines 35jährigen Triester Büroangestellten Brentani, verstrickt in Liebeshändel mit dem schönen Flittchen Angiolina - ihr Vorbild, so berichtete Witwe Livia Schmitz in ihren Erinnerungen an »mio marito«, sei eine Geliebte Ettores gewesen, »ein blühendes Kind aus dem Volk«, das später als Zirkusreiterin Kapriolen machte.

Versager, Liebeskrüppel, invalide Gestalten, von Gewissensbissen zernagt, Wracks auf dem Schlachtfeld des Lebens

- das war es, was er der lesenden Bourgeoisie im Fin de siecle zu bieten hatte, während ein Gabriele d''Annunzio ganz Italien mit erhabener Prosa berauschte. »Senilita«, so ein Zeitgenosse, »fiel wie totgeboren aus der Druckerpresse.«

Ein Vierteljahrhundert lang hat Svevo dann nichts mehr veröffentlicht. Er hatte sein »Bonbon«, sein »blondes Monstrum«, seine »Knospe« geheiratet, die ihm eine Letizia gebar, und war fortan der wohlhabende Fabrikant und treusorgende Familienvater, der in Mußestunden die Violine strich, da er »spürte, daß etwas in mir nach künstlerischer Entfaltung verlangte«.

Begraben schien der literarische Ehrgeiz früherer Jahre. Als ein Geschäftsfreund ihn einmal fragte, ob er tatsächlich der Autor zweier Romane sei, leugnete er: »Das ist ein Bruder von mir.« Einem jungen armen Iren namens James Joyce, der ihm um 1907 in der Villa Veneziani Englischstunden gab, hat er die Bücher aber doch zu lesen gegeben. »Er tat es«, erinnerte sich Signora Livia, »als wollte er damit sagen: ''Auch ich war ein Schriftsteller''«; und »mit außerordentlicher Wärme« habe Joyce damals versichert, »daß einige Partien von ''Senilita'' selbst von den großen Meistern des französischen Romans nicht besser hätten geschrieben werden können«.

1923, fünf Jahre nach Ende des Ersten Weltkriegs (das Habsburger Reich war zerbrochen, Triest an Italien gefallen), kehrte Svevo, mittlerweile 62, zurück in die Literatur mit dem Roman »Zeno Cosini« - den Bekenntnissen eines hoffnungslosen Hypochonders, der unermüdlich sein schlechtes Gewissen erforscht, unentwegt seine Krankheiten analysiert und dabei wider Willen ins Eheglück strauchelt und sich zum eigenen Erstaunen als erfolgreicher Geschäftsmann entpuppt.

Zeno, wie sein Autor zeitlebens damit beschäftigt, die »letzte Zigarette« zu rauchen, gleicht »jenem Preisschützen, dem es gelang, ins Zentrum zu treffen, aber in das der benachbarten Scheibe«. Denn statt der schönen Ada, die ihn verschmäht, kriegt er deren schielende Schwester Augusta zur Frau, die »gesunde Amme«, was sich dann als großer Segen erweist - Witwe Livia Schmitz hat später gestanden, Augusta sei ihr »moralisch-seelisches Konterfei«, allerdings »physisch so verschieden von mir«; geschielt nämlich hat Frau Livia nicht.

Als die Stolpereien eines »bürgerlichen Clowns«, einer Figur von chaplinesker Komik sind Zeno Cosinis vertrackte Eiertänze zwischen Büro und Familie nebst Seitensprüngen gepriesen worden, doch die Italiener von 1923 wollten auch darüber nicht lachen, sie nahmen den Roman sowenig zur Kenntnis wie 25 Jahre zuvor »Senilita«.

Da aber erlebte Svevo »das Wunder des Lazarus«, vollbracht von seinem einstigen Englisch-Lehrer, dem inzwischen weltberühmten »Ulysses«-Autor James Joyce. Dank Joycescher Maklerdienste erhielt Svevos Werk in Paris den Beifall, der ihm daheim versagt blieb.

»Ich werde Italien einen neuen Schriftsteller schenken«, proklamierte der Pariser Kritiker Benjamin Cremieux und brach damit, da nun einmal Italien diesen Schriftsteller nicht geschenkt haben wollte, den großen Streit der Literaten

um den »Fall Svevo« vom Zaun. 1927 erschien die französische Ausgabe des »Zeno Cosini« (die erste deutsche ein Jahr später), und »wie ein großes Kind«, schrieb der Lyriker Eugenio Montale (der als erster Italiener seinen Svevo lobte), geriet der Kaufmann von Triest »unvermittelt in die sogenannten literarischen Milieus«.

Svevo, der Autor mit der sanften Ironie und dem tragischen Humor, hat während der letzten Lebensjahre seine bürgerliche Komödie von Männern, die älter werden, weiter variiert, in Erzählungen und Theaterstücken, am bösesten wohl in der »Geschichte vom guten alten Herrn und vom schönen Mädchen«. Er begann, als Fortsetzung zum »Zeno Cosini« gedacht, mehrere Versionen zu einem vierten Roman, mal »Il vegliardo«, mal »Il vecchione« genannt, was beides zu deutsch »Der Greis« bedeutet. »Kein Malheur«, schrieb er in einem Brief, »wenn ich ihn nicht beenden sollte. Indessen werde ich einmal mehr von Herzen gelacht haben.«

Doch nach Livias Erinnerungen war er nun längst nicht mehr »der so fröhliche und witzige Mann von ehedem. Etwas in ihm war irgendwie ermattet nach dem ersten Rausch, als hätte die große Flamme des Erfolgs einen Teil seiner Lebenskraft verzehrt«.

Am 12. September 1928 gegen drei Uhr nachmittags geriet auf der regennassen oberen Adriastraße bei Venedig ein Auto ins Schleudern und fuhr gegen einen Baum. Einer der Insassen war der 66jährige Italo Svevo. Er ist tags darauf an den Folgen des Unfalls gestorben. Die letzte Zigarette, die er sich auf dem Sterbebett erbat, wurde ihm versagt.

Italo Svevo: »Die Erzählungen 1« und »Die Erzählungen 2« (erscheintim März). Herausgegeben von Claudio Magris, Gabriella Contini,Silvana de Lugnani. Deutsch von Ragni Maria Gschwend, Karl Hellwig,Anna Leube, Piero Rismondo. Rowohlt Verlag, Reinbek; 396 und 416Seiten; je 48 Mark. - Italo Svevo: »Schauspiele«. Deutsch vonCharlotte Jenny und Karl-Heinz Roland. Verlag Kiepenheuer & Witsch,Köln; 400 Seiten; 48 Mark.

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