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ÖKOTECHNIK Letztes Asyl

In Arizona läßt ein Multimillionär einen elektronisch gesteuerten Überlebensraum errichten: »Biosphäre II«. *
• aus DER SPIEGEL 44/1986
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Auf einem Felsplateau in Arizona, wo in grandioser Ödnis Yuccas und Feigenkakteen wurzeln, entsteht unter Glas und Stahl eine kleine Schöpfung von Menschenhand.

Tropischen Regenwald, Sumpf, Savanne und Wüste, Lagune, Korallenriff und ein Stückchen Ozean soll sie in sich bergen, dazu allerlei Getier, das da lebt und webt: Fische und Vögel, Insekten und kleine Säuger, Ziegen und Hühner. Auf dem Felde aber werden Früchte gedeihen bei intensiver Landwirtschaft, und strahlend weiß wird sich ein Kuppelbau erheben, mit Wohnquartieren, Laboratorien, Werkstätten, Büros, Bibliotheken sowie Computer- und Kommunikationszentrale.

Es ist der Prototyp von »Biosphere II«, geplant und entwickelt von einem illustren Aufgebot an Architekten, Landschaftsgestaltern, Umwelt- und Weltraumforschern, Botanikern, Zoologen, Bakteriologen, Biochemikern, Ozeanographen und dergleichen mehr.

Fürs erste existiert das Projekt zwar nur als Modell, doch die Vorbereitungsarbeiten der Design- und Materialtests, der Aufzucht von Pflanzen, der Auswahl von Tierarten, der Beobachtung von Gewebekulturen sind voll im Gang. Bis 1989 soll »Biosphäre II« unter Dach und operabel sein für das große Experiment.

Denn dann werden acht »Biosphärianer« durch die Luftschleuse eintreten in den etwa 9000 Quadratmeter umfassenden Überlebensraum, und zwei Jahre lang sollen sie darin auszuharren versuchen, beschienen immerhin von Sonnenlicht, von außen versorgt mit Energie und Information, doch im übrigen hermetisch abgekapselt von aller terrestrischen Natur, so als säßen sie schon im lunaren »Meer der Stille« - oder auch im letzten Refugium auf einer nuklear verwüsteten und verseuchten Erde.

Die Technologie isolierter Lebenserhaltungssysteme, geeignet etwa für künftige Weltraumstationen und permanente Basen auf Mond und Mars, wird von Amerikanern wie Russen schon seit langem erprobt. Ein so abenteuerliches Gewächshaus wie »Biosphäre II« hat es bisher noch nicht gegeben.

Nahrungs- und Stoffwechselketten, Luftzirkulation und Wasserhaushalt - alles in der verriegelten und versiegelten Klein-Biozönose soll sich selbständig erhalten und regulieren durch einen teils »natürlichen«, teils mechanisch bewirkten oder geförderten Recycling-Prozeß.

Elektronisch gesteuerte Blenden rings ums Gehäuse erzeugen unterschiedliche

Temperatur- und Lichtverhältnisse. Maschinell geschaffen ist die Brandung, die gegen das Riff anspült. Die über dem Meeres-»Biom« entstehende Verdunstung wird durch Luftströme zurückgeleitet zum Regenwald von der Größe eines Gartengrundstücks, über dessen 27 Meter hohen Wipfeln abkühlende Wolkenwirbel für nachmittägliche Niederschläge sorgen, zum Segen der wuchernden Vegetation.

»Space Biospheres Ventures« nennt sich die Privatfirma, die dieses Pilotprojekt betreibt, in der Hoffnung, schon in naher Zukunft weitere »Biosphären« global vermarkten zu können. Finanziert wird der 30-Millionen-Dollar-Traum von einem wahrhaft exzentrischen Sohn Amerikas: Edward P. Bass, 40, dem Einzelgänger vom Clan der vier Bass-Brüder in Fort Worth, Texas.

Die Basses sind eine exklusive Sippschaft. Gutes altes Texas-Öl ist der Quell, dem sie ihren Reichtum verdanken, geschätzte vier Milliarden Dollar inzwischen, weit gestreut investiert in Immobilien, Kaufhäusern und Kinos, in der Lebensmittel-, Bekleidungs-, Möbel- und Computerindustrie, im Bank- und Finanzgewerbe. Den Basses gehört die Majorität der Americana Hotels Corporation und knapp ein Viertel der Walt Disney Productions, »und wenn sie nicht täglich eine Million machen«, so sagt man ihnen nach, »dann werden sie nervös«.

Ganz anders als die Ewings in Dallas genießen die Basses eine hohe Reputation für feine Lebensart und ausgeprägten Familiensinn. Von Fort Worth aus, dem einst verkommenen Kuhnest, in dem sie ein schickes City Center mit zwei gleißenden Wolkenkratzern errichten ließen, verwalten sie ihr wachsendes Imperium in brüderlicher Eintracht. Und nur Edward eben ist es, der in Turnschuhen immer abseits streunt, seit er als Yale-Absolvent ins grün-alternative Leben nach New Mexico zog, sich einer Kommune anschloß, Lehmhäuser baute und mit den Navajos Handel trieb.

Als Begründer, Vorstand und Mäzen des Management Unternehmens »Decisions Team Limited«, registriert in Hongkong und den USA, hat er sich ein eigenes Reich zusammengekauft, in dem die Sonne nicht untergeht. Zwei riesige Ranches im australischen Outback zählen dazu, ein Regenwald in Puerto Rico, ein zum Teil kraft Solarenergie betriebenes Hotel für Rucksacktouristen in Nepals Hauptstadt Katmandu und in London eine »Synergetic Press«, die »organischen Realismus« in Lyrik und philosophischen Betrachtungen verlegt. Auch ein Forschungsschiff »Heraclitus«, einer chinesischen Dschunke ähnlich, segelt zwecks ozeanographischer Studien unter der Flagge von Eds »DTL«.

Vor drei Jahren eröffnete DTL Downtown in Fort Worth in einem ehemaligen Ladenkomplex »Caravan of Dreams«, überwölbt von einer gläsernen Kuppel, neonumglitzert bei Nacht - ein Kulturzentrum mit Kunstgalerie, Jazz- und Blues-Club, Panorama-Bar und einem Theater, auf dessen Bühne die großen Mythen von Mensch und Erde Gestalt annehmen. Aufgeführt unter anderem wurden bisher eine dramatische Bearbeitung des Gilgamesch-Epos, ein modernisierter »Faust«- und die Legende vom edlen Revolverhelden Billy the Kid.

Es ist ein weites Feld, über das Edward Bass seine Millionen hinstreut, doch ob er schöne Künste und Literatur oder Survival-Gemeinden fördert, ob er einen Dom der Träume erstehen oder in den Weiten Westaustraliens gegen die fortschreitende Desertifikation ankämpfen läßt - immer liegt dem »wilden und verrückten Kerl« (wie »Newsweek« ihn nannte) dabei eines am Herzen: Mensch und Umwelt, lastet ihm eines auf der Seele: die »ökologische Entartung« unseres Planeten.

Um »Biospherics« geht es ihm und dem »Decisions Team«, und das kühnste ihrer Unternehmen soll nun wesentlich dazu beitragen, »Biosphäre I«, den Lebensraum Erde, endlich besser zu verstehen, die Ursachen seiner Krisen klarer zu erkennen. »Grundwasserverseuchung, saurer Regen, die Erwärmung der Erde durch 'Treibhauseffekt', all das sind Probleme, die in 'Biosphäre II' mit Labor-Präzision studiert werden könnten«, erläuterte der Ökologie-Professor Carl Hodges von der Universität Arizona, der dem Projekt als Berater dient.

Aber die acht Auserwählten werden während ihrer zwei Jahre unter Glas noch sehr viel mehr zu erforschen haben. Wie, das vor allem ist die Frage, funktioniert ein geschlossenes Ökosystem, das den lebenden Organismus der Erdbiosphäre, seine über Äonen entwickelten Evolutionsgefüge, seine komplexen Rückkopplungsmechanismen mittels elektronischer Tricks zu imitieren versucht? Läßt sich das ökologische Gleichgewicht in dieser engen Kunstwelt auf Dauer erhalten?

Und wenn tatsächlich »synergetisch« alles stabil bleibt - wie steht es dann mit

dem seelischen Gleichgewicht der Biosphärianer?

Keine Sorge, sagt Professor Hodges: »Des Morgens nach dem Aufstehen können sie gleich im Ozean schwimmen und sich anschließend an einer Liane durch die Tropen schwingen, bevor sie sich wieder dem Intelligenz-Sektor zuwenden. Ich glaube kaum, daß sie da besondere Neigungen entwickeln zum Überschnappen.«

Bietet »Biosphäre II« genügend Lebensraum? Mit großer Skepsis blicken die Wissenschaftler der Nasa dem phantastischen Experiment entgegen, doch mit hohem Lob begrüßen sie zugleich das »sehr interessante Stück Technologie«, von dem sie sich unschätzbar neue Erkenntnisse erhoffen.

»Um das innere Solarsystem erkunden und kolonisieren zu können, müssen wir Biosphären entwickeln«, so belehrt ein unlängst veröffentlichter Bericht der US-Weltraumkommission, der menschliche Ansiedlungen auf Mond und Mars innerhalb der nächsten 50 Jahre prophezeit.

Der Poet und »Caravan of Dreams«-Autor John Allen, Geschäftsführer von »Space Biospheres Ventures« kann Kreationen nach Art von »Biosphäre II« aber auch für kommende Atomkriege auf Erden nur wärmstens empfehlen, zum »Schutz höherer Formen des Lebens gegen den nuklearen Winter«, bis »die Himmel wieder aufklären«.

Einhundert »Refugia« hat Allen im apokalyptischen Blick. Dort könnten dann jene ranghöchsten Wesen Unterschlupf finden, denen »Biosphäre I« zum Opfer fiel.

[Grafiktext]

DSCHUNGEL UNTER GLAS Künstliches Ökosystem »Biosphere II« (Modellzeichnung) Tropischer Regenwald Werkstätten, Labors, Wohnräume Savanne Wattenmeer Wüste Lagune Korallenriff Flacher Ozean Tiefer Ozean (ohne Sonnenlicht) Außenansicht

[GrafiktextEnde]

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