WOHNEN Liebe zum Loft
In einer Vorabendserie sähe die Szenerie so aus: ein Multimediakünstler, platinblonde Haare, die Augen tief umschattet, sitzt in seinem abgeschabten 130-Quadratmeter-Loft, und außer ihm, seinem Tisch und Computer sieht man nichts als einen leeren, weiten Raum - exzessiver Minimalismus. Künstler halt. Die etwas andere Lebensauffassung, die nirgendwo so gut hineinpasst wie in einen Loft.
Im richtigen Leben sieht die Szenerie so aus: Berlin-Mitte, Melchiorstraße, ehemaliges Fabrikgebäude, umgebaut in ein Loft-Wohnhaus. Vor den Erdgeschosswohnungen: fein abgezirkelte Rasenflächen, Blumen klettern die Zäune hoch, vor einer Terrassentür steht ein Grill. Ein Spielplatz rechts, ein Spielplatz links. Auf dem Dach: wieder Blumenrabatten. Alles akkurat und lieblich. Vom rauen Charme eines improvisierten Künstlerlebens kaum eine Spur.
Auch Familien wohnen in dieser Hinterhof-Idylle. Familie Binder hat sich zwei Etagen geschnappt, zwei Dachgärten dazu. Die Innenräume sind mehrfach unterteilt: zwei Kinderzimmer, ein Elternschlafzimmer - der klassische Zuschnitt eigentlich.
Die Wohnform Loft hat sich enorm gewandelt. Architekten haben sich eine Menge ausgedacht, um das Leben in den Ein-Raum-Etagen auf Normalität zu trimmen: Zwischenwände, Gärten, selbst vor Balkonen - eigens an die alten Gebäude herangepappt - schrecken einige Baumeister nicht mehr zurück.
Mit der gezähmten Variante des Loftlebens wollen Investoren neue Schichten für das Wohnen in der Fabrik gewinnen. Das Kalkül geht auf. Die Nachfrage nach Fabrikimmobilien ist groß. Beispiel Hamburg: Im szenigen Schanzenviertel, im feineren Stadtteil Hoheluft und auch an der superfeinen Elbchaussee - überall entstehen zur Zeit Loftwohnhäuser. Inzwischen sind leer stehende Fabriken in guter Lage sogar rar geworden. Um nicht mehr ausschließlich auf alte Gebäude angewiesen zu sein, greifen Projektentwickler der Immobilienbranche nun zu einem Trick: Lofts werden - vielfach im alten Stil - neu gebaut.
Das Berliner Architektenpaar Johannes Modersohn und Antje Freiesleben, das den Umbau an der Melchiorstraße geplant hat, wagt erstmalig den Entwurf eines neuen Loftgebäudes: im Berliner Scheunenviertel, Linienstraße. Auch die ehemalige AEG-Fabrik in Berlin-Mitte wird um riesige Loftflächen erweitert. In der nahen Friedrich-Wilhelm-Stadt entsteht ebenfalls ein Neubau-Loft.
Die Vorzüge der herkömmlichen Fabrikgebäude sollen auch die Neubauten adeln. Ohne lichte Raumhöhen von 3,50 Metern, ohne riesige Fenster und Holzfußböden geht gar nichts. Zugleich soll den Bewohnern der Charme des Authentischen vorgegaukelt werden: Das, was eigentlich kein echtes Loft mehr ist, soll wenigstens so aussehen. In den Wohnungen an der Linienstraße werden die Decken unverputzt bleiben: roher Beton - was richtig Hartes.
Doch die Kargheit bleibt buchstäblich Fassade. Die Architekten nutzen jede Chance, die Häuser auf die bürgerlichen Bedürfnisse der neuen Nutzer abzustimmen. Beim Neubau an der Choriner Straße (Prenzlauer Berg) sollen typische Merkmale des Altbaulofts mit denen eines klassischen Stadthauses verbunden werden: hochwertige Armaturen, edles Parkett.
Dass ausgerechnet bei Immobilien-Investoren die Loft-Liebe ausgebrochen ist, scheint zunächst verwunderlich. Der Berufsstand ist eigentlich dafür bekannt, notorisch auf optimale Ausnutzbarkeit von Flächen fixiert zu sein. Architekten, die einen Neubau mit hohen Räumen entwerfen, rechnen immer damit, dass die Investoren eine niedrigere Raumhöhe durchsetzen - um weitere Geschosse herauszuschlagen.
Freiwillig in Wohnungsbauten mit verschwenderischen Höhen zu investieren, dafür gibt es nur eine Erklärung: Die Planer haben eine ausreichend wohlhabende Klientel im Blick, die mit den herkömmlichen Standards von Neubauwohnungen - etwa den drückenden Decken - nicht mehr zufrieden ist.
Das belegen auch viele andersartige Luxushäuser, deren Ausstattung und Ausmaße nichts mehr mit gängigen Neubaukomplexen zu tun haben. Sie sind dem Vorbild alter Bürgerwohnungen nachempfunden: Der Münchner Architekt Christoph Sattler entwarf für das Tiergarten-Dreieck ein Haus mit holzvertäfeltem Entree, hohen Wänden, Parkett. Der Berliner Architekt Hans Kollhoff baute jetzt in Dahlem eine neoklassizistische Villa.
Die Neubau-Lofts sind - auch wenn sie so zeitgeistgerecht daherkommen - eine Spielart desselben Prinzips: Die Vorbilder stammen allesamt aus der Gründerzeit zwischen 1870 und 1900. Was dabei, so oder so, zum Trend wird: der Rückgriff.
Bei all der Schwelgerei im Bürger-Ambiente ist es fast beruhigend, im Loftbau an der Melchiorstraße auch Bewohner anzutreffen, die so leben, wie man es bei dieser Wohnform erwartet. Das Künstlerpaar Christiane Dellbrügge und Ralf de Moll - Spezialgebiet Multimedia - teilt sich einen Raum. Die Ausstattung ist karg, ein Badezimmer gibt es nicht. Das Waschbecken hängt einfach an einer Wand, die Duschkabine ist offen. Ganz, wie es sich gehört. SUSANNE BEYER
* In Berlin, Entwurfsmodell.