PARFUMS Lieben oder umfallen
Er kündigt sich mit einer Flut von Adjektiven an, heißt »mystisch«, »verwirrend« und »berauschend«, gar »sensuell bis zur Verzückung« oder auch »wild und sinnlich zugleich«.
Der neue Duft des Jahrgangs 1977 breitet sich unter lauten Wort- und Werbekanonaden aus, die Pariser Parfum-Päpste predigen Trendwende: Vorbei ist die Zeit, da die Duftwässer herb wie Heu oder frisch wie Zitronen riechen mußten.
»Alle Düfte Arabiens«, so kommentiert das Pariser Magazin »Le Point« die neuen Parfums, »sind dagegen wie Luftlöcher.«
Inspiriert von Plüsch und Faltenwurf der romantisierenden Nostalgie-Kleider, angestachelt von Couturiers, die auch sonst das Schwüle lieben, greifen die Parfumeure wieder tief in die Blütenblätter, besonders in Rosen und ins teure (Kilopreis: 20 000 Mark) Jasmin.
Damit aber niemand die neuen Düfte mit den Moschuswolken der Vorkriegszeit verwechselt, fügen sie kräftig Essenzen von Gewürzen und Hölzern bei: Yves Samt Laurents »Opium« (Werbung: »Mysteriös wie ein fernes, unbekanntes Land") vermengt so Nelkenknospen« Vanille, Pfeffer und Koriander; Modemacher Ungaro, der schlicht seinen Namen auf die Flacons klebt, mixt Iris, Veilchen und Sandelhölzer; Guy Laroche hält es bei seinem »J'ai osé« (deutsch: »Ich hab's gewagt") mit Myrte und Kamille.
Vom erfrischenden Grün, das (Musterbeispiel: »Miß Dior") über 20 Jahre vorherrschende Mode war, lassen die Duft-Komponisten gerade so viel in ihren neuen Kreationen, daß sie nicht nach alter Manier »süßlich« oder »schwer« wirken. Das neue Trendwort heißt »chaud« (warm), was auch gern als weiblich, sinnlich, mystisch umschrieben wird.
Die warmen Düfte, in diesem Jahr gleich bei 19 französischen Parfum-Premieren vorgeführt, sollen nicht allein das Weihnachtsgeschäft beleben, sie möchten zugleich einen ungeliebten Konkurrenten auf seinem Vormarsch aufhalten: Amerika.
Denn seit Estée Lauder 1953 zum erstenmal ein auch in Europa salonfähiges Parfum ("Youth-Dew") mixte, rücken die amerikanischen Duftbrauer vor: Mode-Stars wie Geoffrey Beene ("Red") und Roy Halston, Kosmetikfirmen wie Reylon und eben Lauder parfümieren inzwischen einen beachtlichen Teil des traditionell französisch duftenden US-Marktes. Und Modemacher Karl Lagerfeld ("Parfum ist Mode für Blinde") hat mit seinem »Chloe« auf beiden Seiten des Atlantiks denselben Erfolg.
Amerikas Duft war indes immer etwas süßlicher und stärker als der französische: »Ein amerikanisches Parfum wirkt wie ein K.-o-SchLag«, spottete das »Sunday Times Magazine«, »man kann es 50 Schritt gegen den Wind riechen.«
»Man liebt den Geruch, oder man fällt um«, mokierte sich »Le Point« noch über Lauders jüngste (und teuerste) Kreation »Private Collection«, »aber unbemerkt bleibt man damit nicht.« Doch mit seinem Duft nach Gewürznelken liegt Estée Lauders neues Gemisch gut im Trend.
Die Absatz-Hoffnungen der teuren Marken richten sich insbesondere auf die Jüngeren« die schon in den sechziger Jahren, auf dem Hippie-Trip in den Orient, ihren Müttern die schweren alten Guerlain-Parfums entliehen hatten. Nun scheinen sie reif für den neuen Duft.
»Das ist wie bei Wein-Trinkern«, vergleicht das Haus Chanel, »die Jungen fangen mit billigeren Parfums an, mit Reylons Charlie etwa oder so, und kommen dann, bei wachsender Kennerschaft, zu den französischen Marken.«
Und wenn sie erst dort sind, soll eine andere Konsumgewohnheit der neuen Generation absatzfördernd wirken: »Die Jungen«, so beobachtete das »Sunday Times Magazine«, »wollen ja gar keine persönliche Duftnote mehr -- die benutzen am liebsten vier bis fünf Parfums nebeneinander.«