Martin Walser: Kritik zu "Gar alles oder Briefe an eine unbekannte Geliebte" - DER SPIEGEL
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Martin Walser zu #MeToo Das-wird-man-ja-noch-sagen-dürfen-Prosa

Altherrenfantasien in Zeiten von #MeToo: Der große Martin Walser schreibt in seinem neuen Roman von "Schenkel-Emanzipation" und "wippenden Titten". Hoffentlich ist das ironisch gemeint.
Martin Walser
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Foto: Felix K‰stle/ picture alliance / Felix K‰stle/
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Dieser Roman birgt Sprengstoff - in die aktuelle #MeToo-Debatte könnte Martin Walser neues Werk "Gar alles oder Briefe an eine unbekannte Geliebte" wie eine Bombe einschlagen. Altherrenfantasien paaren sich mit Verständnisbekundungen für Trump. Kurzum: Wir haben es mit Das-wird-man-ja-noch-sagen-dürfen-Prosa zu tun.

Obgleich man die Gleichsetzung von Schriftsteller und erzählendem Ich stets vermeiden sollte, ähnelt doch der Autor dieses an Handlungs- wie Erzählkraft mageren Textes in mancherlei Hinsicht seiner Figur. Neben dem Umstand, dass sich Justus Mall längst im gesetzten Alter befindet, eint ihn mit seinem Schöpfer, der mit seiner Paulskirchenrede 1998 für ziemliche Furore in der deutschen Erinnerungspolitik sorgte, die Vorliebe für das Schreiben sowie eine elementare Skepsis gegenüber Konventionen.

Die böse Welt versteht ihn nicht mehr

Und das klingt noch verharmlosend, wenn man an die Geilheit seines Protagonisten denkt. Nachdem dieser während einer Veranstaltung eine junge Frau begrapscht hat, verliert er sein Amt als Oberregierungsrat und verkauft sich seither als Philosoph von durchweg dürftiger Intellektualität. Als Polyamorist mit gleich zwei Beziehungen klagt er das Leid seiner Existenz fortan auf einem Blog, führt auf der Projektionsfläche einer unbekannten Geliebten ein digitales Selbstgespräch. Er ist ein Getriebener, ach so voller Schmerz: "Mich zwingt eine Sehnsucht, an Sie zu schreiben."

Der Macho, den die böse Welt draußen einfach nicht verstehen will, weiß alles Ungemach und reichlich Palaver bei der Geliebten abzuladen. Sie fungiert als säkularer Beichtstuhl und unkritischer, weil stiller Zuhörer gleichermaßen, für seine feuchten Rêverien, seinen Blick für "steile Brüste" bzw. "Titten", die unterhalb eines "Rümpfchens" "wippen", oder seine Ansicht, dass ein hochgeschobener Rock letztlich eine "Schenkel-Emanzipation" sei.

Allerhand Schnapsideen

Zu schade nur, dass diese tropischen Wunschvorstellungen ja, obgleich er sie völlig widersinnig ins Netz schreibt, eigentlich geheim bleiben müssen: "Auf jeden Fall erwache ich dann in einer Wirklichkeit, in der ich die süße Wucht der Traumwelt verschweigen muss." Dasselbe gilt für peinliche Sätze des US-Präsidenten, für den man Mall zufolge keine Sympathien mehr hegen darf. "Mir geht diese immer drastischere Verurteilung meiner Empfindungen auf die Nerven", so der Icherzähler.

Da sich alle gegen ihn verschworen haben, hilft ihm nur die Flucht in die Schreiberei über allerhand Schnapsideen. Zum Beispiel der Entschluss des Protagonisten, künftig nur noch Überflüssiges zu verfassen, um dadurch einen utopischen Kontrast zum zeitgenössischen Zweckrationalismus zu entwerfen.

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Gar alles oder Briefe an eine unbekannte Geliebte: Roman

Walser, Martin
Verlag: Rowohlt Hardcover
Seitenzahl: 112
Für 18,00 € kaufen

Preisabfragezeitpunkt

17.10.2026 17.24 Uhr

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Man kann für Walser nur hoffen, dass diese Geschichte eine ironische Spielerei darstellt. Einiges deutet zumindest darauf hin. Sein Icherzähler prahlt schließlich mit seinem Buch "Die Lüge als Mutter der Wahrheit" und erklärt: "Wirklichkeit ist ein Gespinst aus erfundenen Fäden." Auch die atheistische Haltung Malls widerspricht dem von religiösen Fragen bestimmten Spätwerk des 1927 in Wasserburg am Bodensee geborenen Büchner-Preisträgers.

Sehen wir allerdings in diesem Buch eher eine Karikatur auf einen Chauvinisten mit haltlosem Speichelfluss als ein Statement zum virulenten Debattenfeld um Gender und die neue Rechte, so stellt sich doch die Frage, was der Autor damit dann aussagen möchte.

Als Groteske mangelt es diesem müden Roman an Humor und demaskierender Verve, als Kommentar zur Gegenwart hingegen an argumentativer Schlagkraft. Wohl eher ungewollt gereichen zahlreiche Platittüden dem Leser zum Amüsement. Mit "Sobald du dich nicht mehr bewegst, klebst du", oder "Geräuschlosigkeit, die das Gegenteil von Stille ist" bietet der Autor ein Best-of mieser Phrasendrescherei. Nichts für ungut, aber der große Walser hat sich sichtlich leergeschrieben.

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