Messe-Tagebuch (2) Am Abend geht es los oder: Same Procedure As Every Year
Die Familie trifft sich
Aufbau-Verleger Lunkewitz lud in seine Villa vor den Toren der Stadt, das heißt genauer: Daniela und Bernd F. Lunkewitz gaben sich die Ehre, "in ihr Haus einzuladen"; die Deutsche Verlags-Anstalt feierte mit ihren Romanautoren Ulla Hahn und Michael Kleeberg in der Siesmayerstraße, im schönen Gebäude der Frankfurter Gesellschaft für Handel, Industrie und Wissenschaft - freilich derzeit nur nach genauer Personenkontrolle zu erreichen (in der Straße residiert das US-Konsulat); der Rowohlt-Verlag, der in früheren Jahren dort seine rauschenden Messepartys feierte, war wiederum in das zu enge und dennoch nicht gemütliche Schirn-Restaurant am Römer gezogen (wo ist der Glanz geblieben?). Wie immer war man damit beschäftigt, die bekannten Gesichter zu sortieren, sich die Namen dazu einfallen zu lassen oder bei Versagen der Gedächtnisinstanzen mit munteren Worten den Ausfall zu kaschieren, vor allem aber die soziale Feineinstellung zu justieren: Wie freundlich, ernst, einlässlich muss man sein?
Das gewohnte Ritual gaukelt Familienatmosphäre vor, sogar eine gewisse Geborgenheit; es wird nach Sekt und Mineralwasser gegriffen, und wieder isst man zu viel von den kleinen Häppchen mit Lachs oder Schinken, obwohl man doch weiß, dass sie nicht richtig sättigen und später Magenbeschwerden machen werden. Derweil glaubt man nebenbei unübliche Paarungen auszumachen, obgleich doch jeder weiß, dass das allzu Offensichtliche zumeist täuscht und das gelungen Geheime eben nicht zu beobachten ist. Oder sind in Wirklichkeit alle so müde und lustlos, wie es manchmal den Anschein hat? In den Gesprächen ist nicht viel vom 11. September die Rede, und wenn, dann mit Skepsis angesichts der Behauptung, Literatur werde nun mit anderen Augen betrachtet und anders geschrieben werden - aber auch von Literatur ist ja nicht viel die Rede.
Mit Handke durch die Wüste
Natürlich ist das beim berühmten und immer weniger exklusiven Kritikerempfang im Haus des Suhrkamp-Verlegers Siegfried Unseld und seiner Gattin, der Schriftstellerin Ulla Berkéwicz, ganz anders: Dort wird - jeweils am Mittwochnachmittag kurz nach 17 Uhr - sogar gelesen! Und für eine Viertelstunde kehrt alljährlich und wahrhaftig ein wenig Ruhe ein. In diesem Jahr sowieso, denn alle waren neugierig, was Peter Handke Neues zu bieten hat: eine Lesung aus seinem neuen Roman "Der Bildverlust oder Durch die Sierra de Gredos" war angekündigt.
Doch wer die Einladung genau gelesen hatte, ahnte schon, dass einer nicht da sein würde, nämlich der Dichter. Und so las also die Hausherrin, die früher als Schauspielerin gearbeitet hat, eine Episode vor, die mit der Frage "Schreiben Sie?" beginnt und die Begegnung des Ich-Erzählers mit einer Frau und einem fremden Kind schildert, einer Frau, deren Gedanken und Phantasien im Mittelpunkt stehen: Sie - ebenfalls eine ehemalige Schauspielerin, wenn auch nur in einer einzigen Rolle beim Film - fühlt regelmäßig eine imaginäre Kamera auf sich gerichtet, sieht sich und ihr Tun wie im Kino, während das Kind altklug die Zukunft vorhersagt ("Du wirst nie mehr zurückkehren!") - geschrieben in einem für Handke ungewöhnlich milden und ruhigen Erzählton, schnörkellos und klar. Der umfangreiche Roman des Autors, der sich seit Monaten und sogar derzeit mit politischen Kommentaren auffällig zurückhält, wird Anfang 2002 erscheinen.
Wenn die Werber für sich werben
Eine Art Gegenveranstaltung war wenig später die Lesung des jungen Autors Rainer Merkel, dessen Debütroman "Das Jahr der Wunder" in einer Werbeagentur spielt - dieses Jahr der Wunder sei das "Jahr der Werbewunder" erläuterte denn auch der Kritiker und Schriftsteller Hellmuth Karasek in seiner Einleitung, nicht ohne Spitze gegen die Gastgeber des Abends: Das Wunderbare an der Werbung sei eben, dass sie den Werbenden das Gefühl gibt, mehr zu bedeuten als sie in Wirklichkeit bedeuten würden. Das alles nämlich fand statt im Atrium der Frankfurter Werbeagentur Michael Conrad & Leo Burnett. Nach der nicht besonders inspirierten Lesung des Debütanten - Szenen vom Tag vor der Präsentation einer Kampagne beim Kunden - versuchte einer der Werber redlich, aber vergeblich, dem gemischten Publikum (auch Merkels Verlag S. Fischer hatte eingeladen), die Firmenphilosophie mit einigen Schaubildern zu erläutern: Eine hausgemachte kleine Soziologie unter dem Namen "Tribes" ("Von der Zielgruppe zur Stilgruppe") war aber vielleicht auch als Werbung für die Literatur überhaupt gedacht - dort nämlich finden sich weitaus genauere Beschreibungen der menschlichen Regungen, Stimmungen und Impulse als in den bemühten "Tribes"-Diagrammen.
K(l)eine Meldung vorab
Heute früh, am Donnerstag, erwachte man im Hotelzimmer mit den neuesten Nachrichten vom Krieg, an die man sich schon zu gewöhnen droht; wieder waren es Meldungen von den "bisher schwersten Angriffen" auf Kabul in der vergangenen Nacht. Heute vor genau einem Monat geschah das Schreckliche und Folgenreiche. So liegt dieser Tag noch einmal besonders im Bann der New Yorker Katastrophe. Susan Sontag hat pünktlich in der "FAZ", zum zweiten Mal seit dem 11. September, ihre Stimme erhoben ("Amerika hat den Islam nicht provoziert"), berichtet von "wütenden Angriffen auf kritische Intellektuelle wie mich", und das seien in den USA ohnehin nur ein paar wenige Kritiker, hofft aber auf baldige Beruhigung in diesem Punkt, vor allem angesichts der "konkreten Schwierigkeiten, vor denen die Leute stehen (etwa der drohenden Rezession)".
Bei aller Kritik an der Außenpolitik und "der imperialen Arroganz Amerikas", so erinnert die Autorin, dürfe man nicht vergessen, dass die Anschläge "ein abscheuliches Verbrechen waren". Heute Abend wird es hier in Frankfurt am Main aller Voraussicht nach weitergehen mit Empfängen jeder Art und morgen, am Freitag, mit Frühstücken und Pressegesprächen. So will Günter Berg, Verlagsleiter bei Suhrkamp, die neue geschäftliche Paarung mit Jan Philipp Reemtsma, dem Vorstand der Arno-Schmidt-Stiftung, bekannt geben - bisher hatte Reemtsma in Sachen Arno Schmidt den Zürcher Haffmans-Verlag als Partner. "Bitte noch nichts vorab melden", steht rührend auf einem Zettel, der der Einladung beiliegt. Das traditionelle Messefrühstück des Hamburger Verlags Hoffmann und Campe, das ebenfalls im 11 Uhr in der Früh beginnen soll, wird nun nicht im 53. Stock des Main Tower in der Neuen Mainzer Straße stattfinden - hier wären die Kontrollen noch umständlicher gewesen, im Turm wird streng kontrolliert. Also wieder das Schirn-Restaurant. Aber in guten Hotels wird das Frühstück ja ohnehin ans Bett gebracht.