Abenteuer Der Polar-Odysseus
Es sollte eine der letzten Expeditionslegenden ihrer Zeit werden. Als Sir Ernest Shackleton 1914 nach Süden aufbrach, um die Antarktis zu Fuß zu durchqueren, waren die Pole längst erobert, die Ozeane durchschifft, und welch fürchterliches Abenteuer der Weltkrieg werden würde, ahnte kaum jemand. Es lag nicht am Triumph der Tat, sondern an der Größe ihres Scheiterns, daß die drei Jahre andauernde Odyssee durchs Eis zum berühmtesten Kapitel der Polar-Geschichte wurde. Das Abenteuer erfährt nun auf dem deutschen Buchmarkt gleich in drei Werken eine Würdigung. Und Wolfgang Petersen plant einen Film - Shackleton sei im Scheitern ein Held, befindet der Regisseur des "Bootes", weil er all seine Männer aus einer aussichtslosen Situation befreit habe.
Die "Endurance" erreichte ihr Ziel nie. Nur 80 Meilen vor dem antarktischen Festland blieb der wuchtige Dreimaster im Packeis stecken. Sir Ernest, seine 28 Männer, ein blinder Passagier, fast siebzig Schlittenhunde und die Schiffskatze Mrs. Chippy mußten an Bord der "Endurance" überwintern, um später, als die Polarnacht sich hob, mitanzusehen, wie das tonnenschwere Eis ihr Schiff zermalmte. Was nun folgte, schrieb den Namen von Sir Ernest für immer in die Annalen der Polar-Geschichte ein: Wie Shackleton und seine Mannschaft gut vier Monate auf einer Eisscholle im Packeis drifteten, wie sie schließlich, als die Scholle bedrohlich geschrumpft war, mit Beibooten die menschenleere Elephant Island erreichten. Der Schiffsarzt amputierte dem Steward Blackborow die erfrorenen Zehen. Und Sir Ernest bestieg mit fünf seiner Männer das Beiboot "James Caird" und ruderte und segelte in einem beispiellosen Kraftakt 1200 Kilometer durch extrem gefährliche See zur Insel South Georgia. Dort überquerte er ein Gebirge, um die Walfängerstation zu erreichen, wo er badete, sich rasierte und mit einem neuen Schiff aufbrach, um die Kameraden zu holen. Am Ende hat der "Boß" nicht einen Mann verloren.
Shackletons Abenteuer befriedigt die derzeitige Lese-Sehnsucht nach Todesangst und Selbstbewährung - wie Jon Krakauers "In eisige Höhen" und andere Werke dieser "Literatur der zusammengebissenen Zähne". Der frivole Traum des urbanen Menschen von einer Überwältigung durch eine allmächtige Natur lockt die Zuschauer nicht nur zu Berichten über die Schweizer Lawinen-Katastrophe vor den Bildschirm, sondern auch in die Buchläden.
Mit gleich drei Varianten von Shackletons gescheiterter Polar-Expedition läutet der Buchmarkt ein wahres Revival ein. Der Lesehunger nach Naturgewalten und Helden des Eises steigt schneller als die Natur bezwungen und die Bücher darüber geschrieben werden konnten. Die rauschebärtigen Lichtgestalten von gestern können diese Lücke füllen. Außerdem genießen sie dank eines großen zeitlichen Abstandes Immunität. Denn Shackletons Reise war zwar heldenhaft - aber völlig überflüssig, ihre Planung und Durchführung zuweilen grob dilettantisch. Einen triftigen Grund für seine Reise gab es ebenso wenig wie für die Mount-Everest-Besteigung von Jon Krakauer.
In "Die Endurance" von Caroline Alexander ist diese Ambivalenz spürbar. Die Kuratorin der Shackleton-Ausstellung des American Museum of Natural History in New York (läuft noch bis Oktober) nimmt der Geschichte nichts von ihrer epischen Wucht und mitreißenden Spannung. Sie hat ihren Band mit den atemberaubenden schwarz-weiß-Fotographien von Frank Hurley geschmückt, den Sir Ernest eigens für die spätere Vermarktung der Expedition an Bord nahm. Doch schildert sie die Reise auch als grandiosen Ego-Trip eines Mannes, dessen Qualitäten - eiserner Optimismus, Sinn für Romantik, Selbstüberwindung - nicht im schnöden britischen Alltag, sondern allein vor der dramatischen Kulisse des ewigen Eises zur Legende einer heroischen Führerfigur gefrieren konnte.
Im Werk von Alfred Lansing ("635 Tage im Eis") ist davon wenig zu lesen. Bereits 1959 rekonstruierte der ehemalige Angehörige der US-Marine und spätere Journalist Lansing das eisige Drama aus Tagebüchern, Briefen, Artikeln und Interviews. Es dauerte bis 1986, ehe sein Buch auf dem amerikanischen Markt erschien, und weitere dreizehn Jahre, bis es die deutschen Leser erreichte. Kameradschaft, Männerschweiß und das Echo rauher Scherze zwischen den Eisbergen dominieren. Doch wo Caroline Alexander die zermürbenden Monate auf dem Eis zum kurzen Aufgalopp einer heroischen Kraftanstrengung beschleunigt, vertraut Lansing auf ein kalkuliertes Crescendo. Seine Helden haben wundgescheuerte Hintern, weil sie kein Papier, sondern nur Eis benutzen können, sie schnarchen nachts, und die meiste Zeit langweilen sie sich. Daß ihre Leistung eher eine psychologische als eine körperliche war, daß sie alle menschliche Phantasie aufbieten mußten, um unter der Monotonie der Landschaft und ihres Tagesablaufs nicht zu zerbrechen, wird quälend spürbar. "Tag für Tag verstreicht, und wenig oder gar nichts geschieht. Um uns Bewegung zu verschaffen, drehen wir Runde um Runde um die Scholle. Es gibt praktisch nichts, worüber man reden könnte, weil alle Themen vollkommen erschöpft sind", notiert einer der Männer.
Eher eine Fußnote des Shackleton-Booms, wenn auch eine unterhaltsame, ist dagegen "Das bisher unentdeckte Tagebuch von Shackletons Schiffskatze", mit dem Caroline Alexander ihre Shackletoniana fortführt. Vor allem Tierfreunde dürften sich an den imaginären Aufzeichnungen der tatsächlichen Mrs. Chippy erfreuen, die dem brummigen Schiffszimmermann McNeish gehörte und in Wahrheit ein Kater war. Das Tagebuch beginnt, als die "Endurance" im Eis eingeschlossen wird und endet, als die Männer von Bord gehen. Caroline Alexander erweitert die Miezen-Memoiren durch Anmerkungen, mit denen sich die Geschichte rekonstruieren läßt. Ein Ersatz für "Die Endurance" ist das Buch nicht, aber ein vergnüglicher Zwischenruf. Am 2. Februar 1915 etwa notiert Chippy: "Schade, daß in der Kälte nichts ordentlich riecht. Unter anderen Bedingungen hätten die Robben bestimmt wunderbar geduftet, wie riesige, frisch erlegte Mäuse."
Das Schicksal des Polar-Maskottchens war nicht so glücklich wie das der Männer. Als Shackleton den Befehl gibt, das Schiff zu verlassen, läßt er Mrs. Chippy als unnützen Fresser erschießen.
Caroline Alexander: "Die Endurance - Shackletons legendäre Expedition in die Antarktis." Aus dem Amerikanischen von Bruno Elster. Berlin Verlag, Berlin 1998; 223 Seiten; 49,80 Mark.
Alfred Lansing: "635 Tage im Eis. Die Shackleton-Expedition." Aus dem Amerikanischen von Franca Fritz, Heinrich Koop und Kristian Lutze. Goldmann Verlag, München 1999, 320 Seiten; 39,90 Mark.
Caroline Alexander: "Mrs. Chippys letzte Expedition in die Antarktis. Das bisher unentdeckte Tagebuch von Shackletons Schiffskatze." Aus dem Englischen von Anne Büchel. Scherz Verlag, Bern, München, Wien 1999, 180 Seiten; 36,90 Mark.