"Astro City"-Comic Heldenhaft menschlich
Jeder erinnert sich an sein erstes Mal: an den ersten Kuss, die erste Liebe, den ersten Sex, die erste Trennung. In den Jahrzehnten, die folgen, gibt es ab und an besondere Momente, die die Erinnerung an dieses magische erste Mal wieder lebendig werden lassen.
Das gilt für Comics genauso wie in der Liebe. In geringerem Maße, zugegeben. Aber alle Jahre wieder erscheint ein besonderes Comic, das mich heute, mehr als drei Jahrzehnte nach meinem ersten, daran erinnert, warum ich mich damals in die bunten Hefte, allen voran Superheldencomics, verliebt habe: an das Staunen, an Geschichten und Figuren, die mich überwältigten, die Türen in meinem Inneren öffneten und mich mit sich rissen.
Comics, die etwas in mir ansprachen, für das es im Englischen den schönen und leider kaum übersetzbaren Begriff "sense of wonder" gibt.
Bis heute gelingt es Comicautoren und -zeichnern hin und wieder, aus den jahrzehntealten Mustern, Erzählweisen und Figuren etwas Neues, Aufregendes zu schaffen. Und so den Mann, der ein paar Jahrzehnte Lebenserfahrung gesammelt, der Bücher, Comics und Filme verschlungen hat, zu begeistern.
Kurt Busiek, mit der Mini-Serie "Marvels" zu Ruhm gelangt, schreibt seit anderthalb Jahrzehnten solche Comics. Die Serie "Astro City" ist sein Meisterstück.
Auf den ersten Blick ein klassischer Superheldencomic, in der fiktiven amerikanischen Großstadt Astro City tummeln sich die Helden und Schurken. Aber Busiek interessiert sich nur am Rande für epische Schlachten und außerirdische Eroberer. Er erzählt von den Menschen, mit und ohne Kostüm, von ihren Träumen und Ängsten, von Entscheidungen und Konsequenzen.
Ein einsames, kleines Mädchen mit Superkräften, geboren in eine Heldenfamilie, läuft von zu Hause weg, weil es, statt die Welt zu retten, mit anderen Kindern spielen und Pyjamapartys feiern möchte. Ein Schurke mit Stahlhaut kommt geläutert aus dem Knast und muss feststellen, dass es kaum eine Chance auf ein neues Leben im Alten gibt.
Im aktuellen Band "Local Heroes" muss ein zweitklassiger Schauspieler, der zufällig zum Medienstar und Helden avanciert, seine Grenzen erkennen, eine Comicautorin ihre Werte überprüfen und eine sterbliche Frau erfahren, dass die Liebe zu einem unsterblichen Superhelden leidvoll ist.
Busiek spielt virtuos mit den Archetypen des Genres, nimmt all das seit Jahrzehnten Bekannte und Vertraute und stellt es in neue Zusammenhänge, findet unerwartete, überraschende Perspektiven. Er nimmt die Helden ernst gleichermaßen als Mythos, als Teil des kollektiven Bewusstseins und der Popkultur wie als Menschen. Und damit nimmt er uns Leser ernst, als staunende Kinder und als Erwachsene.
Comic Kurt Busiek, Brent Anderson, Alex Ross: "Astro City Local Heroes". Panini Comics , Nettetal; ohne Seitenzahlen; 24,95 Euro.