Autor Benjamin Kunkel: Der Zauder-Trick - DER SPIEGEL
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Autor Benjamin Kunkel Der Zauder-Trick

Benjamin Kunkels Romandebüt heißt "Unentschlossen", die Geschichte handelt von Antriebsschwäche, der Held ist ein Hänger. Kann so ein Buch Entscheidendes zur Literatur beitragen? Ein dezidiertes Ja!
Von Birgit Glombitza
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Dwight Wilmerding ist noch benommen von der letzten Ecstasy und weltumarmendem Gruppengefummel, als er aufs Dach klettert und zuschaut, wie der erste der Twin Towers in Flammen aufgeht. "Ein Glück, dass es zwei davon gibt", ruft er, da wird auch der andere Turm von einem Flugzeug getroffen.

9/11 im Blick eines Geschöpfs, das die egozentrischen Umlaufbahnen eines kindlichen Kosmos nicht verlassen mag. Warum? Weil es für einen 28-jährigen depressiven Hänger wie ihn zu kalt ist, da draußen im karrieristischen Wind New Yorks, zwischen den Bodentruppen neoliberaler Macher und kompromisseifriger Familiengründer. Verloren im eigenen Sonnensystem, ohne Mutter, die sich nach der Scheidung mit dem Gedanken trägt, eine "episkopale Nonne" zu werden. Ohne Vater, der Termingeschäfte an der Börse betreibt und den es selbst in der Pleite noch nicht aus seiner patriarchalen Selbstherrlichkeit treibt. Und ohne Alice, die Schwester, eine sozialistische, Zigarren rauchende Anthropologin, die Dwights krankhafter Unentschiedenheit, die man auch Abulie nennt, höchstselbst eine Psychoanalyse angedeihen lassen will.

Feine Fluchten

Ein Vorhaben, bei dem Alice jedoch frühzeitig an den eigenen Projektionen und Dwights unverhohlen inzestuösen Anwandlungen scheitert. Eine Pille soll gegen die Abulie helfen: ein Produkt, das die Forschung gerade mit Blick auf neue Absatzmärkte testet, scheint doch eine ganze Generation durchgepeppelter Mittelstandskinder an diesem Mangel zu leiden:

"Wir wussten, dass unsere Unreife von allen die besterhaltene war, wir waren am schlechtesten angezogen und beruflich die größten Versager - und gelegentlich beschlich mich das Gefühl, das Betreten des narbigen Linoleums in unserer Küche müsse für die Leute aus der alten Clique in etwa so sein, als würden sie in der sonst nur in eine Richtung fließenden Zeit von einem langsam kreisenden Strudel erfasst."

Das süße Leiden der Unverstandenen, virtuoser Weltschmerz und die Freude an misanthropen Generalurteilen: Die Vorrechte der Jugend sind nur allzu schillernd, als dass man sie schon mit dem Clearasil-Fläschchen entsorgen möchte. Mag eine ausgeprägte Mutterfixierung ihren Anteil an der Genealogie des Reifungsboykotts haben oder schlicht der fehlende Leidensdruck - am Ende steckt hinter jeder Flucht in die Atavismen der Pubertät auch die simple Strategie des Lustgewinns. Dwight Wilmerdings libidinöser Ersatz liegt in der Verzückung an der eigenen stream-of-consciousness-Sprache, an ihren geistreichen Selbstgeißlungen und amüsanten Dekonstruktionen, mit denen er sich der postmodernen Tragödie des Menschen nähert, kein historisches Projekt mehr verfolgen zu können.

Ziellosigkeit, punktgenau erzählt

Die Literatur hatte schon immer eine Schwäche für all die überalterten Jünglinge und ihre zelebrierte Ziellosigkeit. Und die Erben des klassischen amerikanischen Bildungsromans, die Blutsbrüder von Huckleberry Finn und Holden Caulfield ("Der Fänger im Roggen") sind noch immer auf der Suche nach Anschluss und Bestimmung. Doch einzelner als jetzt in dem in Amerika bereits gefeierten Debütroman des 1973 geborenen Kunkel, scheint der Einzelne lange nicht gewesen zu sein.

Mit verblüffender Stilsicherheit und mokanter Nachsicht lässt Kunkel, der 2004 die New Yorker Kulturzeitschrift "n+1" mitgründete, seinen Helden durch die linksintellektuelle Debattierszene New Yorks flanieren. Und beide wissen dabei sehr genau, dass Dwights Slackertum, das jede Entscheidung einem Münzwurf überlässt, selbst ein Klischee ist. Dass seine Reflexionen über den von Heidegger abgeschauten "Gebrauch der Freiheit" und das Hinauszögern "als Ersatz für die Unsterblichkeit" keine Weisheit anstrebt, sondern eine hübsch zu lesende Konfusion.

Die obligatorischen Wanderjahre des Bildungsromans schnurren hier auf eine Woche im ekuadorianischen Dschungel zusammen, und das Zurückfinden zu Empfindsamkeit und nackter Wesentlichkeit findet in der Szene ihre Entsprechung, in der Dwight beinahe unbekleidet aus dem an eine Hotelanlage angrenzenden Regenwald stapft. Noch berauscht von der Wirkung eines einheimischen Pflanzensafts, dem eigenen Wortfluss und dem überwältigendem Erfolg einer 69er Stellung.

Versöhnung statt Dröhnung

Doch die Bewusstseinserweiterung gipfelt nicht nur in aufrichtiger Liebe zu einer ernsthaft nachdenklichen Europäerin, sondern auch in verwirrender Pädagogik. Die Umerziehung des Helden, die Geburt seines sozialen Bewussstseins, inszeniert Kunkel als trommelwirbeligen Moment der Erlösung. Auf der Begrüßungsrede beim Jahrgangstreffen predigt er seinen ehemaligen Mitschülern von der Machbarkeit des individuellen Glücks und einer korrekten Existenz.

Dwight wird also ein guter Mensch, ein guter restkritischer linksliberaler Amerikaner. Seine ehemals beißende Ironie wird von einem unsympathischen Sinn für Humor abgelöst. Ein tapferer Sinnsoldat mit ehrenwertem Job in der Dritten Welt. Bei dieser Entwicklung ist es kein Wunder, dass Hollywood dem Shootingstar des New Yorker Literaturbetriebes bereits die Türen eingerannt hat. Es ist nur noch eine Frage der Zeit ist, bis Dwights am Ende erstaunlich artige Mannwerdung ihren Weg in die Überhöhungen des Cinemascope findet.


Benjamin Kunkel: "Unentschlossen", 320 Seiten, Bloomsbury, 19,90 Euro