Baader-Meinhof-Komplex: Selbstmorde mit Ankündigung - DER SPIEGEL
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Baader-Meinhof-Komplex Selbstmorde mit Ankündigung

Die Memoiren eines Sonderermittlers bringen brisante Details aus dem Deutschen Herbst ans Tageslicht: Die Spitze der RAF drohte 1977 mehrfach mit Selbstmord, der Beamte gab diese Warnungen im Bundeskriminalamt weiter - doch offenbar ließ man die Häftlinge gewähren.
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Berlin - Als ein Vollzugsbeamter um 7.41 Uhr am Morgen des 18. Oktober 1977 im Hochsicherheitstrakt des Gefängnisses in Stuttgart-Stammheim die Zelle von Jan-Carl Raspe aufschloss, lag der RAF-Mann mit einem Kopfschuss im Sterben. Bald darauf fanden Beamte Andreas Baader erschossen in seiner Zelle und Gudrun Ensslin erhängt.

Wie konnte das geschehen? Diese Frage trieb damals die Republik um. Wie konnten sich im "sichersten Gefängnis der Welt", wie es gerühmt wurde, die seit Wochen voneinander isolierten Häftlinge kollektiven Suizid begehen?

Diese Fragen wirft jetzt erneut ein brisantes Buch auf, das diese Woche erscheint, die Memoiren von Alfred Klaus, der als Beamter des Bundeskriminalamts (BKA) etliche Jahre gegen die RAF ermittelte. Da er die Angehörigen der Terroristen aufsuchte, titulierte ihn die RAF-Frau Ulrike Meinhof "Familienbulle". Klaus, der im Februar im Alter von 88 Jahren in Hamburg starb, gab deshalb zuvor seinen Erinnerungen den Titel: "Sie nannten mich Familienbulle".

An jenem Morgen des 18. Oktober 1977 war es ein BKA-Kollege, der Klaus aufgeregt von den Toten in Stammheim berichtete. Klaus gab die erstaunliche Antwort, dass er "es auch so schon wusste, jedenfalls geahnt" habe.

Klaus war der Vertreter der Bundesrepublik, der während der Entführung des Arbeitgeberpräsidenten Hanns Martin Schleyer durch die RAF mit der in Stuttgart-Stammheim inhaftierten Führung der Terrorgruppe den Kontakt hielt. Einen Tag vor der Stammheimer Todesnacht hatte er zusammen mit einem Beamten des Bundesinnenministeriums Andreas Baader besucht: "Freigelassene Gefangene", hatte der gesagt, "sind für die Bundesregierung das geringere Übel als tote."

Scheinverhandlungen über Freilassung

Den ersten Besuch in Stammheim während der Schleyer-Entführung machte Klaus acht Tage, nachdem der Arbeitgeberpräsident in Köln gekidnappt worden war. Im Beisein eines Bundesanwalts und des Stammheimer Anstaltsleiters Heinz Nusser befragte der Kriminalbeamte Andreas Baader und drei weitere RAF-Häftlinge, deren Freilassung die Schleyer-Entführer forderten.

Klaus sollte herausfinden, in welche Länder sie gegebenenfalls ausgeflogen werden wollten. Baader gab als mögliche Ziele Vietnam, Algerien, Libyen, die Volksrepublik Jemen und den Irak an. Außerdem erklärte er: "Die Bundesregierung kann im Falle eines Austauschs damit rechnen, dass die Freigelassenen nicht in die Bundesrepublik zurückkehren würden und eine Wiederauffüllung des Potentials nicht beabsichtigt ist." Der inoffizielle Chef der Terrorgruppe fügte noch hinzu: "Uns zu entlassen, würde eine Entspannung für längere Zeit bedeuten."

In Wahrheit - und das wusste Klaus - waren sein Vorgesetzter, der BKA-Chef Horst Herold und vor allem Bundeskanzler Helmut Schmidt fest entschlossen, unter keinen Umständen auf die Forderungen der Entführer einzugehen. Sie versuchten vielmehr, Zeit zu gewinnen und Schleyer zu finden.

Klaus dagegen hatte die Idee, die inhaftierte RAF-Spitze in die Verhandlungen einzubeziehen und sie mittels kleiner Zugeständnisse dazu zu bringen, bei ihren Genossen draußen für die Freilassung Schleyers zu sorgen. Doch Herold lehnte diesen Plan ohne Diskussion ab.

Zwei Wochen nach dem ersten Gespräch in Stammheim rief der für die RAF-Gefangenen zuständige Stammheimer Justizvollzugsbeamte Horst Bubeck bei Klaus an und sagte, der Häftling Raspe habe um einen Besuch gebeten. Der RAF-Mann nannte Klaus als weitere mögliche Aufnahmeländer - falls die Regierungen der von Baader genannten ablehnen sollten - Angola, Mosambik, Guinea-Bissau und Äthiopien. Raspe sprach von "wir", und Klaus war jetzt klar, dass die Gefangenen trotz strikter "Kontaktsperre" - die Zellentüren waren mit Pressspanplatten und Schaumstoff abgedichtet worden - offenbar miteinander kommunizierten.

"Dann nehmen wir unser Schicksal selbst in die Hand"

Raspe erklärte dem BKA-Beamten auch, dass man sie offenbar hinhalte und eine polizeiliche Lösung avisiere. "Damit ist die politische Lösung programmiert", erklärte der RAF-Mann. "Nämliche tote Gefangene."

Die Erinnerungen von Klaus werden komplettiert von Aussagen ehemaliger RAF-Leute, nach denen die "Stammheimer" ihnen in verschlüsselten Kassibern ebenfalls gedroht hatten. Falls die Illegalen nicht endlich eine Befreiungsaktion auf die Beine stellten, drohten sie, "nehmen wir unser Schicksal selbst in die Hand".

Am 8. Oktober 1977, mehr als einen Monat nach der Entführung Schleyers, fuhr Klaus wieder nach Stammheim. Baader hatte um seinen Besuch gebeten. In der Besucherzelle erklärte er: "Die Gefangenen beabsichtigen nicht, die gegenwärtige Situation länger hinzunehmen. Die Bundesregierung wird künftig nicht mehr über die Gefangenen verfügen können." Auf die Frage von Klaus, wie das zu verstehen sei, antwortete Baader: "Das ist eine Drohung." Außerdem sprach er von einer "irreversiblen Entscheidung der Gefangenen".

Nur einen Tag später bat Gudrun Ensslin um einen Besuch. "Sie sprach wie zuvor schon Raspe und Baader", erinnert sich Klaus an das Gespräch, "von Selbstmord."

Der BKA-Mann informierte den Anstaltsleiter Hans Nusser über die Selbstmorddrohungen. Doch der habe nur gesagt: "Letztlich wäre Selbsttötung nicht zu verhindern."

"Eigentlich ist es zu spät"

Klaus gab die Selbstmorddrohungen auch im BKA weiter. Am 9. Oktober 1977, so zeigt es ein dem SPIEGEL vorliegendes Dokument, wurde die Verfassung der Häftlinge in Bonn ausführlich diskutiert. "Sitzung des kleinen Krisenstabes am 9. Oktober", heißt es in einem Drahterlass des Auswärtigen Amtes in Bonn an Außenminister Hans-Dietrich Genscher, der sich gerade in Tokio aufhielt.

"In der fast dreistündigen Sitzung wurde in der Ihnen von mir schon angezeigten Richtung diskutiert. Es lagen zwei ausführliche Äußerungen von Ensslin und Baader vor, die die Nervosität der Gefangenen widerspiegeln und Drohungen auf irreversible Entwicklungen, die auch als Selbstmordabsichten gedeutet werden können, enthalten."

Die Verantwortlichen hätten sich daraufhin ein paar naheliegende Fragen stellen müssen: Wie wollen die Häftlingen Selbstmord begehen? Wie ließe sich das verhindern? Wie können sie trotz Kontaktsperre miteinander kommunizieren? Geschehen ist in dieser Richtung offenbar - nichts. Zumindest ist nichts davon bekannt.

Klaus ging später davon aus, "dass die Gefangenen mittels Radios, Plattenspielern und Lautsprechern ein perfekt funktionierendes Kommunikationssystem über zwei miteinander verbundene Kabelnetze installiert hatten". Im Herbst 1977 habe er das aber nicht gewusst.

Am 17. Oktober hatte Baader das letzte Gespräch mit Klaus mit den Worten eröffnet: "Eigentlich ist es zu spät." Baader wusste, warum er das sagte. Weniger als 24 Stunden später legte er eine Pistole an seinem Genick an und drückte ab.


"Massive Gegendrohung": Während der Entführung Schleyers 1977 regierten Krisenstäbe die Republik. DER SPIEGEL hat die geheimen Abläufe rekonstruiert: Es ging auch um die Todesstrafe für RAF-Terroristen. Mehr in der Titelgeschichte der aktuellen SPIEGEL-Ausgabe.

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