Bestseller-Listen: Wenn zwei sich streiten... - DER SPIEGEL
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Bestseller-Listen Wenn zwei sich streiten...

Seit Anfang des Jahres versucht das Münchner Magazin "Focus", mit einer eigenen Hitliste der etablierten SPIEGEL-Bestsellerliste den Rang abzulaufen. Die beiden Widersacher müssen jedoch mit einem dritten Konkurrenten rechnen, dem Börsenverein des Deutschen Buchhandels.
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Frankfurt/Main - Seit 30 Jahren richten sich viele Bücherleser nach der populären Bestsellerliste des SPIEGEL. Nach dem Willen des Münchner Konkurrenten "Focus" soll es nun mit dieser Vormachtstellung zu Ende sein. Seit Jahresbeginn versucht der "Focus", mit einer eigenen Liste Fuß zu fassen. Das führte zu einem heftigen Streit. Wer dabei die Oberhand behält, entscheidet mit hoher Wahrscheinlichkeit der Börsenverein des Deutschen Buchhandels (Frankfurt): Denn der Dachverband der Gesamtbranche will auf der Leipziger Buchmesse mit der Nürnberger Gesellschaft für Konsumforschung (GfK) eine eigene Bestsellerliste vorstellen.

Angetreten mit dem Anspruch, erstmals das wirkliche Geschehen im Buchhandel darzustellen, steht die neue "Focus"-Bestsellerliste schon von allen Seiten unter Beschuss. GfK-Experte André van Buren findet "inhaltliche Ungereimtheiten". Und SPIEGEL-Kulturchef Mathias Schreiber hält sie schlicht für nicht repräsentativ. Die vielfach noch nicht ans Datennetz angeschlossenen ostdeutschen Buchhändler seien nicht erfasst.

Vorbei mit dem "amtlichen Charakter" der SPIEGEL-Liste?

Dabei wollten die Münchner ihre Konkurrenz vor allem in puncto Zuverlässigkeit und Aktualität in den Schatten stellen - mit einer erstmals in Deutschland auf tatsächlichen Verkaufsergebnissen basierenden Liste. Diese wird von dem Marktforschungsunternehmen Media Control (Baden Baden) erstellt und täglich von den Scanner- Kassen von über 400 Bücherverkaufsstätten abgerufen. Damit "dürfte es mit dem amtlichen Charakter der SPIEGEL-Liste vorbei sein", hofft "Focus"-Kulturredakteur Rainer Schmitz. Börsenvereins-Sprecher Eugen Emmerling hält dagegen, eine zuverlässige Bestsellerliste brauche eine weit reichende Basis und dürfe "nicht nur auf den Angaben einiger weniger 100 Buchhandlungen beruhen".

"Für Marktforscher so ziemlich das Einfachste"

"Die Leser haben großen Bedarf an Orientierung. Da können Bestsellerlisten helfen", ist Emmerling überzeugt vom Sinn der Bücher-Hitlisten. Vor allem von der eigenen - seiner Einschätzung nach das "mit Abstand führende Projekt". Geplant sei eine flächendeckende und repräsentative Marktbeobachtung im Buchhandel. Völlig neue Erkenntnisse werden erwartet. "Unser Geschäft ist Marktforschung", sagt GfK-Projektleiter André van Buren. "Eine Bestsellerliste ist nichts anderes als eine Produktliste. Das ist für Marktforscher so ziemlich das Einfachste."

Künftig könnten Bestsellerlisten von Büchern aller Genres - ob Belletristik, Ratgeber oder Kinderbücher - erstellt werden, erklärt van Buren. Erfasst werden sollen bundesweit rund 500 Buchhandlungen, 400 Kaufhäuser, gut 200 Bahnhofsbuchhandlungen sowie der Versand- und Onlinehandel. Die Ergebnisse sollen Verlagen, aber auch dem Handel angedient werden. Einziger Nachteil: Erste stabile Ergebnisse werden erst in der zweiten Jahreshälfte erwartet. Bis zum Jahresende soll das Projekt aber stehen. Bis dahin sei die "Focus"-Liste immerhin ein Fortschritt gegenüber der alten vom Branchenblatt "Buchreport" erhobenen Bestsellerliste des SPIEGEL, meint Emmerling.

"Automatisiert geht alles schneller"

Die SPIEGEL-Liste, seit Jahrzehnten wöchentlich bundesweit verbreitet, hatte den Streit überhaupt erst ausgelöst. Die Liste basiert nämlich nur auf Vorschlagslisten, in denen der Buchhandel die seinem Eindruck nach am häufigsten verkauften Bücher ankreuzt und die Ergebnisse per Post zurückschickt. Ratgeber, Koch- und Kinderbücher werden aussortiert. Jedenfalls meistens. Joanne K. Rowlings "Harry Potter"-Bände führten die Bestsellerlisten monatelang an.

SPIEGEL-Kulturchef Schreiber steht dennoch zu der bis jetzt wichtigsten Liste, räumt aber "Schwachstellen" ein: Vor allem könnten Buchhändler Titel vermerken, die sie in großen Mengen eingekauft, aber noch nicht abgesetzt hätten. Harenberg habe eine "altmodische Methode, aber es ist immer noch die solideste". Doch künftig wollen die Hamburger ebenfalls eine aktuellere Sellerliste anbieten. "Automatisiert geht alles schneller", weist er auf Pläne von Verleger Bodo Harenberg hin, ebenfalls eine auf Kassenergebnissen beruhende Liste vorzulegen.

Für die neue SPIEGEL-Liste sollen "über 200 Unternehmen" erfasst werden, kündigt Harenberg an. Die Auswahl solle regional gewichtet werden, Warenhäuser seien nicht schwerpunktmäßig dabei: "Das hätte keine Aussagekraft." Der Start sei im Mai geplant. Dann geht der Streit um die Bestsellerlisten wohl in eine neue Runde - solange, bis Börsenverein und GfK möglicherweise beide Konkurrenz-Listen mit einer eigenen verdrängen.

Thomas Strünkelnberg, dpa