Bodo Kirchhoff Jeder Stoff muss authentisch sein
Für Ihren ersten Roman "Infanta" sind Sie auf die Philippinen gereist. Wo haben Sie Ihren Stoff diesmal gefunden?
Bodo Kirchhoff:
"Finden" ist der richtige Ausdruck, denn tatsächlich suche ich meinen Stoff nicht, sondern ich finde ihn. Das ist ein Prozess, der sehr lange dauert. Die Grundidee des Romans war die Vorstellung, dass ich mit 17 einen Sohn gezeugt habe - was mir hätte passieren können, ich bin nur haarscharf daran vorbeigekommen, - der sich nun mit mir beschäftigt. Um dieses Thema hat sich allmählich ein Stoff gruppiert, der um die Frage kreist, 'wie reagiert der Vater, wie denkt er - und wie denkt sein Sohn über ihn?' Da ich keinen Schriftsteller beschreiben wollte, habe ich einen Protagonisten geschaffen, der Stadtreiseführer für Alleinreisende schreibt - nicht zuletzt, weil das Reisen sehr viel mit unserer Gegenwart zu tun hat und sich mit Reisen Träume und Hoffnungen verbinden, auch wenn sie meistens nicht Wirklichkeit werden.
Ihr Roman hat starke autobiographische Züge. Kehren Sie diese Authentizität auch heraus, wenn es darum geht, "Parlando" von den vielen anderen Neuerscheinungen in diesem Herbst abzugrenzen?
Kirchhoff: Es gibt eine bestimmte Authentizität, die der Autor gewinnen kann, in dem er sein eigenes, begriffenes und erlittenes Leben in den Roman einbezieht, aber darüber hinaus muss er eine sehr komplexe Geschichte erfinden, die das eigene Leben übersteigt. Weil viele Leser durch Literatur etwas gewinnen wollen, das ihr eigenes Leben zuspitzt, reicher macht, muss jeder Stoff so authentisch wie möglich sein. So bietet er dem Leser die Möglichkeit, sich selbst darin zu erkennen.
Wie wollen Sie erreichen, dass ein qualitätvoller Roman heute, wo alles auf Oberfläche schielt, sein Publikum findet?
Kirchhoff: Es gibt ein solches Überangebot an Schlechtem, Mittelmäßigem oder wenig Durchdachtem, dass ein künstlerisches Werk, in dem acht Jahre Arbeit, Nachdenken und Leben stecken, sehr wohl bemerkt wird - weil das nicht so häufig vorkommt. Die Leser spüren das, man muss es ihnen natürlich auch entsprechend nahebringen.
Dazu müßte dann gehören, dass Sie Ihre Abneigung gegen Literaturkritik im Fernsehen aufgeben. Werden Sie diesmal auch in Talkshows über ihren Roman reden?
Kirchhoff: Ich habe das noch vor zehn Jahren in Bausch und Bogen abgelehnt, weil ich der Meinung war, dass ein solcher Auftritt einen Autor herunterzieht. Im Grunde bin ich zwar immer noch der Meinung, sehe das aber insofern heute anders, weil ich seit Jahren Fernsehdrehbücher schreibe und das Fernsehen jetzt sehr viel besser kenne - zumal sich das Fernsehen in den letzten 10 Jahren zu einem Normalitätsbetrieb entwickelt hat. Die Frage ist nur: Welches ist der Rahmen, in dem ich in einer noch vertretbaren Form - sagen wir 12 bis 15 Minuten - über etwas reden kann, an dem ich sieben bis acht Jahre gearbeitet habe, ohne mich lächerlich zu machen oder die Ernsthaftigkeit der Arbeit in Frage zu stellen. Ich werde also die Auftritte sehr genau auswählen. Es wäre absurd, wenn ich nicht das Ziel hätte, möglichst viele Leser zu finden - und dazu muss der Autor seinen Beitrag leisten. Das heißt nicht, dass ich wie Grisham weltweit in jedem Supermarkt liegen muss.
Früher war es üblich, dass man einen Autor bei seinen Lesungen vor einen Tisch setzte mit einem Glas Wasser darauf und er frontal aus seinem neuesten Werk las. Literaturfestivals wie die lit.Cologne betonen immer stärker auch den Event-Charakter der Literatur. Wie werden Sie lesen?
Kirchhoff: Die jungen Autoren sollen nicht so angeben. Das haben sie alles von uns gelernt. Vor elf Jahren waren wir die ersten - und mussten das bei Suhrkamp durchsetzen -, die Lesereisen in Anzeigen wie Tourneedaten abgedruckt haben. Das ist heute eine Selbstverständlichkeit. Und ich habe als einer der ersten versucht, Lesungen anders aufzuziehen, so dass sich damals viele an den Kopf gefasst und gefragt haben: Spinnt der? Aber komischerweise sind die Zuhörer alle dageblieben.
Ihr neuer Verleger Joachim Unseld hat bereits - bei Suhrkamp - "Infanta", ihren ersten großen Erfolg betreut. Ist dies der Grund für den Wechsel von Suhrkamp zur Frankfurter Verlagsanstalt, zustande gekommen?
Kirchhoff: Ich bin jetzt 52 Jahre alt und schreibe seit weit über 20 Jahren. Es gibt einen bestimmten Punkt in jedem Leben, da ist Freundschaft und das Bewusstsein, dass man mit einem Verleger an einem Strang zieht, d. h. den Erfolg, aber unter Umständen auch den Misserfolg teilt, viel wichtiger, als dass man immer wieder in einem bestimmten Umfeld veröffentlicht, das man irgendwann gesucht hat. Einige meiner Bücher sind weiterhin bei Suhrkamp lieferbar und es gibt eine Beziehung zu diesem Verlag. Aber entscheidend für mich war, dass "Parlando" von Joachim Unseld verlegerisch betreut werden sollte. Wir haben uns Weihnachten an einem warmen Ort getroffen und in aller Ruhe über das noch nicht ganz fertige Manuskript gesprochen. Ich bin dann gleich dort geblieben und habe in einer windschiefen Hütte das Manuskript überarbeitet.
Glauben Sie, dass dieses Vertrauensverhältnis zwischen Verleger und Autor zunehmend, zum Beispiel durch Literaturagenten, gestört wird?
Kirchhoff: Die enge Zusammenarbeit, wie sie früher üblich war, ist nicht mehr die Regel. Gerade deshalb ist es für mich umso wichtiger, eine solche Möglichkeit, wie sie bei Joachim Unseld besteht, zu nutzen. Zu den Agenten ist zu sagen: Es gibt natürlich verschiedenste Verwertungsmöglichkeiten für Geschriebenes. Nicht nur den Verlag. Warum soll ein Agent nicht einen Autor vertreten, wenn es z.B. um Filmrechte geht. Das sind zwei verschiedene Dinge und da gibt es sicherlich noch ein Feld, das bestellt werden kann.
Das Interview führte Buchreport