Bölls "Enkel" Wo bleibt das nächste Buch?
Frankfurt am Main - Eine neue Zeit schien für die deutsche Literatur angebrochen. Nachdem der deutsche Buchmarkt lange Zeit von angelsächsischen Autoren beherrscht war, tauchten im letzten Jahr erstmals wieder neue deutsche Gesichter in der Literaturszene auf. Mit dem Debütroman "Das Blütenstaubzimmer" der 1974 geborenen Zoe Jenny begann der Aufwind. Das Buch erlangte eine Auflage von 200.000 Exemplaren und erhielt den "aspekte"-Literaturpreis für das beste Prosadebüt.
Ähnlich hohe Verkaufszahlen erlangten Judith Hermanns "Sommerhaus, später", Jenny Erpenbecks "Die Geschichte vom alten Kind" oder "Stadt Land Fluss" von Christoph Peters. Schnell wurden die erfolgreichen Debütanten als "Enkel" von Böll und Grass gepriesen.
Hohe Erwartungen sind geweckt worden - und das Publikum wartet gespannt. "Die Leute fragen schon, ob es nicht was Neues von den Autoren gibt", sagt Björn Lauer von der Frankfurter Buchhandlung "Hugendubel".
Doch dieser Druck ist für die jungen Autoren eher belastend. Die 30-jährige Judith Hermann gesteht, sie hätte gerne mehr Zeit gehabt, um ein schriftstellerisches Selbstbewusstsein zu entwickeln. "Ich besitze nicht die berühmte Schublade mit Geschichten aus den letzten sieben Jahren", erklärt sie. Andere ihrer Kollegen arbeiten gerade an neuen Projekten, Themen und Erscheinungsdaten sind aber nach Angaben ihrer Verlage noch nicht bekannt.
Den Puls der Zeit schienen besonders zwei andere Jungautoren zu treffen: Der 17-jährige Benjamin Lebert erreichte mit seiner autobiographischen Teenager-Story "Crazy" 310.000 Leser, die gleichnamige Verfilmung wurde in den letzten zehn Wochen schon von mehr als 1,3 Millionen Zuschauern gesehen. Die Werke "Soloalbum" und "Livealbum" des 25-jährigen Benjamin von Stuckrad-Barre hatten eine Auflage von jeweils 150.000 Büchern. "Der Stil ist einfach gut zu lesen. Die Inhalte treffen den Nerv der Zeit", versucht ein Stuckrad-Barre-Fan den Erfolg zu erklären.
"Der Wunsch nach frischem Wind ist wieder da", glaubt ein Frankfurter Literaturagent. Erst in einigen Jahren werde man aber sehen, ob ihr Anfangserfolg mehr als nur ein Zeitgeist-Phänomen war.