Booker Preis John Banville setzt sich durch
Er ist das, was man einen poeta doctus nennt: ein gelehrter Dichter, für den die erzählende Literatur immer auch Folie der erkenntnistheoretischen Spekulation ist. John Banville wurde berühmt mit seiner zwischen 1976 und 1986 erschienenen "Science Tetralogy". In den Romanen "Doktor Kopernikus", "Kepler", "Newtons Brief" und "Mefisto" widmete er sich der europäischen Geistesgeschichte und wie sie sich durch einzelne Denker fortentwickelte.
Daraufhin folgte die sogenannte Frames Trilogy: Mit "Das Buch der Beweise" (1989), "Geister" (1993) und "Athena" (1995) reflektierte Banville kunsthistorische Themen und verknüpfte sie wie schon in den vorangegangenen Werken mit Fragen nach Subjektivität und Identität und welchen Problemen sie in der modernen Welt ausgesetzt sind.
Auch in seinem bekanntesten Buch, dem Roman "Der Unberührbare" von 1997, vermittelt der im Dezember 1945 im irischen Wexford geborene Schriftsteller geschickt zwischen Räsonnement und Dramatik, diesmal anhand einer Spionageschichte. In "Sonnenfinsternis" (2000) ließ Banville dann einen Theaterschauspieler über seine in verschiedenen Rollen verloren gegangene Persönlichkeit meditieren.
Aus "Sonnenfinsternis" ging 2002 das Werk "Caliban" hervor, ein Künstlerroman auf der Grundlage der Vita des umstrittenen Literaturtheoretikers Paul de Man, der als junger Mann im besetzten Belgien kollaborative Artikel schrieb. Banville kompliziert die Geschichte noch und lässt den Helden des Buchs, einen Juden auf der Flucht vor den Nazis, die Identität eines toten Freundes annehmen, eines ehemaligen Nazi-Kollaborateurs. So entsteht eine vertrackte Geschichte um Fragen des Selbst, der Autorschaft und der Fiktion.
Den mit 50.000 Pfund (72.000 Euro) dotierten Booker-Preis, eine der wichtigsten englischsprachigen Literaturauszeichnungen, erhält Banville nun für seinen dieses Jahr erschienenen Roman "The Sea", der Geschichte des Witwers Max Mordens, der nach dem Krebstod seiner Frau in das Ferienhaus seiner Jugend zurückkehrt, um sich dort Introsepktion und Erinnerung hinzugeben.
Mit "The Sea" setzte sich Banville gegen hochkarätige Autoren wie Kazuo Ishiguro ("Never Let Me Go"), Zadie Smith ("Beauty"), Sebastian Barry ("A Long Long Way") und Ali Smith ("The Accidental") durch. Als Favorit der Buchmacher galt lange Julian Barnes, der mit "Arthur & George", einer Nacherzählung einer Episode aus dem Leben des Sherlock-Holmes-Erfinders Arthur Conan Doyle, angetreten war.
"Es war eine sehr umkämpfte letzte Runde", erklärte der Jury-Vorsitzende John Sutherland der Nachrichtenagentur dpa und lobte Banvilles Werk als "meisterliche Studie der Trauer, der Erinnerung und der Liebe."