"Boxy + Star" Lesen als Härtetest
Das Entdecken des ersten Kommas löst ein ähnliches Entsetzen aus wie das erste graue Haar. Nach hektischer Blätterei wird klar: Kommata grenzen in diesem Buch nur wörtliche Rede ab, aber nirgends Neben- oder Beisätze. Dafür stehen die Punkte oft mitten im Satz und die Grammatik und Rechtschreibung gehen flöten. Die ersten Kapitel von "Boxy + Star" lesen sich möglicherweise leichter, wenn man mit Halluzinogenen vollgedröhnt ist. Wie der junge Erzähler.
"Boxy + Star" sind die wichtigsten Menschen im Leben des 15-jährigen Bole. "Boxy" ist ein schwarzer Drogendealer, für den Bole Kurier spielt. Weiß der Himmel, wieso sich Boxy einen Trottel wie Bole für diesen Job aussucht. Die 13-jährige "Star" ist "meine Süße die wo ich ganz doll lieb hab." Sie will dauernd "Pillen" und "Schlecki" haben oder mit seinem "Stressaffen" spielen. Stress kommt ständig auf, denn Bole gefällt Sex nur mit dem "E Gefühl", also mit Ecstasy.
Pillen kennen die zwei schon aus dem Kindergarten, ihre Großeltern und Eltern nahmen ebenfalls Pillen. Die hatten "auch kein Geld kein Hirn kein Garnix". Ehe Star - erstaunlich unkompliziert - auf Entzug gesetzt wird, leben sie und Bole traumverloren und quengelig in den Tag hinein, suchen schräge Gestalten auf und verbocken einen Drogentransport. Derart benebelt eiern die beiden durch die Gegend, dass Bole seine Schuhe auf der Straße suchen muss. "'Ui. Das sind gar keine Klumpenschlumpen. Sondern Kacke.' Star sagt: 'Scheiße. Von nem Wau wau.'"
Rezept zum Überleben im Alltag: "1. MOrnks auf stehn. nich ahmds"
Um die Härten den Alltag zu überstehen, haben sich die zwei eine Liste geschrieben, "da mit wir kein shceis bau''n." Am Anfang steht: "1. MOrnks auf stehn. nich ahmds. 2. 3mal am tag esen." Auch Lesen kann manchmal ein Härtetest sein.
Richtig komisch wird es erst, wenn Bole in seiner infantilen Sprache die Erwachsenen beschreibt. "Wie er vom Klo kommt zuckt dem Puppenspieler seine Nase wie wenn er irgendswas dran hätt oder drin." Aus Boles Marsbewohner-Perspektive wirkt die coole Party-Szene ziemlich dämlich und selbst Päderasten können gegen seine unschuldige Anarchie nicht an.
Für seinen Erstlingsroman, der 1999 sogar die Endauswahl für den Booker-Prize erreichte, mischte Daren King Cockney mit Baby-Talk. In der staunenswerten Übersetzung von Thomas Mohr entsteht ein origineller Slang.
Um sich auf diese retardierte und phantasievolle Sprache einzustimmen, so erzählte der 28-jährige Daren King einer Reporterin von "BizArre", habe er riesige Buchstaben über den Bildschirm tanzen lassen und dazu "happy hardcore" gehört. Derweil schlief seine Freundin neben ihm. Seinen neuen Roman schreibt Daren King nun im Esszimmer seiner Eltern. Ablenkung muss sein, die Verlängerung der Kindheit auch.
Ebenso spielerisch wie "South Park" die Political Correctness erledigt, führt "Boxy + Star" die Ecstasy-Szene vor. Allerdings viel sanfter und subversiver. Als wollten die Teletubbies "Warten auf Godot" spielen.
Daren King: "Boxy + Star". Aus dem Englischen von Thomas Mohr. Rogner & Bernhard; 333 Seiten; 35 Mark