Buch-Tipp: Blut auf Schwabisch - DER SPIEGEL
Zum Inhalt springen

Buch-Tipp Blut auf Schwabisch

Zornig, verschraubt, hochmusikalisch: Dreizehn Jahre nach Werner Schwabs Tod erscheint sein Roman "Joe Mc Vie – alias Josef Thierschädel" – eine mit Furor geschriebene Lebens- und Sterbensgeschichte.
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Als der Schriftsteller Werner Schwab am Neujahrsmorgen 1994 in seiner Grazer Wohnung tot aufgefunden wurde, war er 35 Jahre alt. Er starb an Herzversagen, und mit Blick auf sein Werk, auf sein Leben, klingt die poetische Seite dieses Begriffs viel stärker durch als die medizinische. Schwab, das war der Theaterdichter mit dem sanften Blick, mit der breiten, schwarzen Lederjacke, ein Kerl von einem Mann, dessen Theaterstücke die Zuschauer durch ihre Ungeheuerlichkeiten erschöpften. "Volksvernichtung - oder meine Leber ist sinnlos" und "Die Präsidentinnen" waren seine große Erfolge, die heute zu den Klassikern der neueren deutschen Dramatik zählen.

In einem nie gehörten zärtlichen, verschraubten, zornigen, hochmusikalischen Ton, für den das grammatikalisch korrekte Vokabular viel zu eng war, hat Schwab seine Geschichten auf Papier gebannt. Das Feuilleton hat für seine entfesselte Sprache das Wort "schwabisch" erfunden. Aber die Qualität seiner Text liegt nicht nur in ihrer Sprache, sondern vor allem in deren aggressiver Energie. Wie Schwab diese Sprache entwickelte, ist nun in einem Prosatext nachzuverfolgen, den der Droschel Verlag posthum als Roman "Joe Mc Vie - alias Josef Thierschädel" herausgibt. Mehr als 1000 Seiten Text sind in Schwabs Nachlass gefunden worden, darunter dieses Manuskript. Er hat es bei einem Aufenthalt in Dänemark geschrieben, wobei man sich den Graz-Hasser Schwab, der doch nirgendwo anders als in der Steiermark leben konnte, so hoch im Norden überhaupt nicht vorstellen kann.

Die Handlung ist schnell erzählt: Das Leben und Sterben von Joe McVie. Die Motive und Themen seiner späteren Stücke tauchen hier schon alle auf: Lieblosigkeit und Misshandlungen, die ins slapstickartig gesteigerte Allgegenwart von Exkrementen, überall Blut, Kot und Sperma, und vor allem der Faschismus, ganz real verkörpert durch alte Nazis, die Waldheimdebatte (der Text entstand 1988), und als ewig währende und nie reflektierte Gesinnung in Österreich. Vor allem aber ist der Text von einem Furor getragen, der, wenn man um den frühen Tod des Dichters weiß, noch viel verzweifelter und existentialistischer leuchtet.


Werner Schwab: "Joe Mc Vie - alias Josef Thierschädl". Literaturverlag Droschl, Graz; 128 Seiten; 19 Euro