Buch-Tipp Die Akte Deutschland
Dieses Buch ist eigentlich gar kein Buch, sondern ein blassgrüner, mit Papplasche verschließbarer Aktenordner, in dem der Zeitraum 2001 bis 2004 mit Formularen, Protokollen von Interviews und Fotos dokumentiert ist. Es spielt keine Rolle, ob man vorne, hinten oder irgendwo in der Mitte zu lesen und zu blättern beginnt, denn die Geschichte wird in kleinen Teilen ohne Anfang und Ende erzählt.
Autorin Helga Kurzchalia, Grafikdesignerin Ulrike Brückner und Fotografin Angelika Barz besuchten in drei Jahren neun Orte an der deutschen Grenze. Um in "Hier" "das heutige Deutschland von seinen Grenzen aus" zu beschreiben, wie sie auf dem Buchrücken ankündigen. Und das funktioniert.
Kurzchalia sprach mit Lehrern, Bäuerinnen, Handwerkern, Selbständigen und Arbeitslosen. Die Familien der einen leben seit Generationen am selben Ort, andere sind als Flüchtlinge nach Deutschland gekommen oder weil sie sich verliebt haben. Von Jardelund an der dänischen Grenze, über Aachen im Dreiländereck, Görlitz an der polnischen Grenze und dem ehemaligen deutsch-deutschen Grenzort Liebenrode wird die Geschichte der Deutschen erzählt. In Wort und Bild. Dabei gibt es auch Geschichten, die erwartbar klingen, vom arbeitslosen Elektriker David aus Görlitz zum Beispiel, der sich von den Westdeutschen und den Polen missverstanden fühlt und von der EU-Osterweiterung nur Böses erwartet. Doch jedes kleine Vorurteil offenbart ein wenig mehr über die von Kurzchalia einfühlsam porträtierten Menschen an den Rändern Deutschlands - und damit über die Deutschen.
Seit 15 Jahren lebt die Fotografin Angelika Barz in den Niederlanden und vielleicht sind ihr Dank dieses Abstands so sanfte und authentische, aber auch ein wenig trostlose Fotos von den Deutschen, ihrer Art zu leben und sich einzurichten, gelungen. Allerdings sind die Orte an der Grenze Deutschlands menschenleer, wie es scheint. Außer den Porträts gibt es nur leere Straßen, einsame Wohnzimmer, verlassene Parkplätze im Schnee und abgeranzte Fleischereifachgeschäfte.
Deutschland liegt scheinbar irgendwo dazwischen. Unbedingt lesenswert, diese Akte.
Helga Kurzchalia, Ulrike Brückner, Angelika Barz: "Hier"
Veenman Publishers, Rotterdam; 268 Seiten; 49,90 Euro, www.hierbuch.de