Buchmesse: Mythen und Moneten - DER SPIEGEL
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Buchmesse Mythen und Moneten

Zwischen Krise und Aufbruch beschäftigt sich die Buchmesse mit Heldensagen. Kein Wunder – in Frankfurt geht es schließlich um schicksalhafte Fragen.
Von Daniel-Dylan Böhmer
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Die spürbare Spannung zwischen intellektueller Konzentration und geschäftigem Gebaren, welche den literarischen Bezirk der Frankfurter Buchmesse kennzeichnet, hat ihre Grundlage nicht zuletzt in einer sehr konkreten Zwickmühle, in der sich Verleger hier bewegen. Sie müssen ihre Produkte und Projekte Agenten, Händlern und Journalisten einerseits als marktfähige Investitionsgüter präsentieren, andererseits als pur literarische Überzeugungstaten - weil eben nur echte Begeisterung die Legitimation für etwas sein kann, das aus Leidenschaft entsteht und aus Leidenschaft gekauft wird. Und weil auch die verlegerische Glaubwürdigkeit im Diskurs Überzeugtheit erfordert.

Ob die Buchreihe "Die Mythen" tatsächlich "DAS literarische Großereignis 2005" ist, wie seine Macher es ausweisen, wird sich letztlich an der Qualität der zu präsentierenden Bände entscheiden, nicht an der verlegerischen Ambition als solcher. Diese kann man jedoch schon jetzt als einigermaßen gewaltig beschreiben: 34 internationale Verlage wollen gemeinsam Neuerzählungen klassischer Mythen von namhaften Schriftstellern herausgeben, darunter etwa Margaret Atwood, David Grossmann, Chinua Achebe, Viktor Pelewin, A.S. Byatt. Geführt wird das "Mythen"-Konsortium von Jamie Byng, Verleger des britischen Cannongate-Verlages und Vater der Idee. Partner sind Verlage wie Flammarion in Frankreich, Grove Atlantic in den USA, der deutsche Berlin Verlag oder Rizzoli in Italien. Vorgestern wurden die ersten vier Bände von Atwood, Grossmann, Karen Armstrong und Jeanette Winterson in einer gemeinsamen Lesung vorgestellt.

Als intellektuelles Ziel des Projektes ist die Eröffnung eines globalen Dialoges über die wechselseitigen beziehungsweise gemeinsamen Mythen erkennbar. Dieser schlösse tatsächlich an ein weltweites Interesse an kulturellen Urerzählungen an, dass in der Hochkultur schon seit Blumenberg und Lévi-Strauss existiert, mittlerweile aber auch die Populärkultur mitbestimmt, etwa mit neuen Sandalenfilmen oder der Begeisterung für "Herr der Ringe". Schon an der Anlage des Projektes dürften also Kulturtheoretiker wie Finanzvorstände Gefallen finden.

Wüstes Verbalgefecht

Nimmt man die gemeinsame Lesung der Start-Autoren gestern Abend im Frankfurter Literaturhaus als Eindruck, dann scheint die größte Gemeinsamkeit der 'Mythen'-Autoren aber die gezielte Respektlosigkeit zu sein, mit der sie ihren Stoffen begegnen, nicht die Suche nach anthropologischen Grundkonstanten. Für Jeanette Winterson ist Herkules ein George-W.-Bush Typ, der nur fragt "Wo geht's lang?" und "Sind sie verheiratet?" In Atwoods Band gerät eine posthume Begegnung zwischen Penelope und ihrem Freier Antinoos zu einem ziemlich wüsten Verbalgefecht. Wenn die Autorinnen anschließend erklären, sie hätten nur die humorvolleren Stellen gelesen, es gebe viele ernste Passagen, dann ist das immerhin bezeichnend für die Präsentation, die sie an diesem Abend für richtig hielten.

Das Literaturhaus residiert nun im ehemaligen Portikus, einem klassizistischen Bibliotheksbau des frühen 19. Jahrhunderts, der mit Geld der Gemeinnützigen Hertie-Stiftung rekonstruiert wurde. Wie das ganze Haus ist auch das Café ist in reinem Weiß und Gold gehalten, dort gibt Margaret Atwood eine sympathische Antwort auf die Frage nach ihrer unpathetischen, feministisch lesbaren Verarbeitung des von ihr gewählten Mythos: "Ich habe die Odyssee gar nicht als Mythos genommen, sondern als das Werk eines Dichters - Homer - der sich mit einem Stoff beschäftigt, über den ich eine andere Meinung habe. Und wenn Sie zum Original zurückgehen, dann beschimpfen sich die Ilias und Odyssee geradezu gegenseitig. Wenn Achilles sich streitet, dann sagt er dem anderen ziemlich drastisch, was für ein mieser Typ er ist."

Die Börse ist ein reines Mythensystem

Also entspreche ihr Ansatz auch dem neuen Bedürfnis nach der Sicherheit und Unzweideutigkeit von Mythen? "Dieses Bedürfnis ist doch nicht wirklich neu. Das ist Teil des Menschseins - magisches Denken. Der Versuch, sich sein unergründliches Schicksal zu erklären. Das fließt in alle Lebensbereiche ein. Nehmen Sie die Wirtschaft: Die Börse ist ein reines Mythensystem. Aktien steigen, weil Leute glauben, dass sie steigen werden. Und zugleich wünschen sich die Menschen einen Zauberstab wie den von Harry Potter, mit dem sie ihr Schicksal wenden können - das ist auch ein Mythos." Wenn sie noch einmal einen Literaturkurs geben würde, dann über Geld im Roman des 19. Jahrhunderts. Geld sei das bestimmende Moment dieser Literatur, nicht Liebe. Damals sei Geld zur unergründlich schicksalhaften Kraft geworden.

Eine Komplex, der auch deutsche Literaten beschäftigt. Wirtschaftsaffine Autoren wie Ernst-Wilhelm Händler oder Burkhard Spinnen, der gestern über "Die Sprache der Wirtschaft" und ihre Menschen sprach - und gerade dort mythische Elemente findet: "Satyrspiele" und einen "quasi-religiösen Ordo-Gedanken" in einer Welt, die scheinbar ach so unkonventionell geworden sei. Zumindest in der Themenkonjunktur der Literaten scheinen Geld und Mythos eng zusammenzuhängen. Gleich, ob sie die Welt dabei verzaubern oder entschlüsseln wollen.

Ihre Verleger versuchen während der Buchmesse beides - das Verzaubern mit wortgewaltigen Präsentationen und in Lizenzverhandlungen das Entschlüsseln. Denn einen Bestseller kann noch immer niemand planen. Darum ist es passend, dass vor den Hallen der Buchmesse die Hermes-Statue steht. Ein Gott der Boten, Händler und Diebe, den Margaret Atwood wohl nicht der ebenfalls in Frankfurt stattfindenden Automobilmesse IAA überlassen würde. Hermes sei ein Gott der Autoren, sagt sie: "Der Gott der Lügen und Geheimnisse. Einer, Menschen überreden kann, ihm alles zu glauben."