Buchmesse-Tagebuch Mickymaus und Methusalem
Natürlich liegt es auch daran, dass Family Values zurzeit Konjunktur haben in Deutschland, aber bei einer so herzlich-intimen Buchmesse wie der Leipziger drängen sich Familien-Metaphern von selbst auf. Das liegt vor allem daran, dass das Personal kaum wechselt. Der Logik eines Familienausflugs folgend, stapfen die immer gleichen Protagonisten der Literaturszene von Veranstaltung zu Veranstaltung, dem Anlass entsprechend wird die Garderobe gewechselt und bei jeder Station wieder so erfreut-interessiert dreingeschaut, als erlebe man das alles gerade zum ersten Mal. Neue Mischungen ergeben sich höchstens dann, wenn sich das Event nach Generationen aufteilt.
Die gestrige, mittlerweile dritte Leipziger Lesenacht in der Moritzbastei kann man mit der Opa-Weisheit "Aus Kindern werden Leute" zusammenfassen. Sicher, es ging immer noch reichlich jugendlich zu. Die Veranstaltung, organisiert nach dem Disconacht-Prinzip (einmal zahlen, von Club zu Club jagen), hat sich als zentrale Kundgebung deutscher Jungschreiber etabliert.
Wie immer traten interessante DLL-Absolventen auf, unter anderem Kristof Magnusson und Clemens Meyer, der nicht den Messepreis gewann und deshalb wohl erst recht zum local hero aufstieg, wie rund 400 Zuhörer vor Podium und Videoleinwand bewiesen. Auch ortsfremde Hochliteraten unter 40 waren geladen; Katharina Hacker und Bachmann-Preisträger Jan-Peter Bremer gaben sich die Ehre. Alles kalkuliert aufgeteilt in eine prominent besetzte Prime-Time zwischen 20 und 22 Uhr und einVorprogramm literarischer Hoffnungen. Und dazwischen fröhliche Grüppchen erfolgreicher Jungautoren, die über Designerdrogen und die richtige Krankenversicherung diskutierten.
Von pointiert bis routiniert
Kristof Magnusson hat nichts gegen viele Autoren auf einem Fleck, obwohl er in dem literarischen Ballungsgebiet Berlin lebt: "Das Praktische ist ja, dass Autoren meistens unterwegs sind. Auch wenn in Berlin alle wohnen, sieht man sie doch kaum. Da kann man sich dann richtig freuen, wenn man sich doch mal begegnet, weil man gerade von irgendwo wiedergekommen ist." Demnächst will er von der Schweiz in die "Kultur-Hauptstadt" zurückkehren, obwohl dort angeblich alles, was groovt, aus seiner Heimatstadt Hamburg kommt: "Das ist so, weil die Hamburger einfach nicht diese Ehrfurcht vor Berlin haben. Die machen da ihr Ding, während die ganzen Göttinger, Heidelberger und Hamelner noch sich selbst finden wollen. Die latschen dann in Bioläden, weil sie denken, dass sei cool, bis sie merken, dass es doch uncool ist. Und bis sie dann wieder merken, dass es uncool ist, das uncool zu finden, vergehen wieder Jahre."
Coolness war auch das Stilprinzip der Leipziger Lesenacht, Coolness und Routine. Ja, Wladimir Kaminer ist irgendwo Kult, aber: Nein, die Russendisco ist keine Pop-Sensation mehr. Sensationell ist aber immer wieder Kaminers Elan als DJ, und von absurder Originalität war die Szene, als Juli Zeh von der Tanzfläche übers Mischpult griff, um ihren Mantel unter dem swingenden Kaminer hervorzuzerren. (Gebrüllt:) "Wladimir, mein Mantel!" - "Juli, ich hab keinen Monitor! Wie laut ist es im Saal?"- "Mein Mantel!" - "Kein Monitor!!!" - "Mein Mantel!!!"
Werner Löcher-Lawrence, Literaturagent, der mit knapp 50 das Basketballspielen wiederaufgenommen hat, war begeistert. Er hat Russenpop schon geliebt, als er ihn noch bei Tower Records am Piccadilly Circus kaufen musste. Ein 16-Jähriger mit gegeltem Igelschnitt und Holzfällerhemd über dem Stüssy-Shirt war nicht begeistert: "Dos is jo kogge. Dos is jo gorgein Böb. Dos is jo Rüssen-Fölglöre!" Seine Kumpels sahen das auch so. Und um 23 Uhr sah es in der Bastei so aus, als wären viele Kumpels von ihm da. Oder Klassenkameradinnen. In der Menge versuchte der Leiter des Fischer-Verlags, Jörg Bong, noch immer verzweifelt zu erkennen, was das Stempelbild darstellte, das man ihn am Eingang auf die Hand gequetscht hatte. Doch, doch, Herr Bong: Es war eine Mickymaus. Die werden sie doch wohl kennen? Dass sich die Nachwuchsclubber der Stadt bei so einem Lesefest mit den pop-affinen Machern deutscher Höchstkultur mischen, das hätte es in Frankfurt nicht gegeben. "Preise dein Glücke, gesegnetes Sachsen!" (Gottsched)
Methusalem sieht alt aus
Bei der Rowohlt-Buchmessenparty in der Disko "Kosmos" (Gottschedstraße) war das umgekehrte Familienbild zu betrachten. Um die Tanzfläche herum standen gesittet Berliner Nachwuchsbuchdealer und Jungredakteure der "FAZ", zierlich die Sektflöten balancierend in angeregte Gespräche vertieft, während auf der Tanzfläche Berlin-Verlagsleiterin Elisabeth Ruge und andere ältere Herrschaften das Kopfhaar schwingend, nun ja, sagen wir mal: "abrockten".
Stilfragen waren auch hier hochbrisant. Fand zumindest der DJ. Als der vom Tanzen reichlich erhitzte Großkritiker Martin Lüdke hinters Pult kam, um seine Musikwünsche loszuwerden, musste der Plattendreher mit Goatie, Glatze und Riesenohrring passen. Nein, er hatte weder die Bee-Gees noch Cat Stevens eingepackt. Ein gelungenes Methusalem-Komplott sähe anders aus.