Comic "Blankets": Eine Liebe unter Schnee - DER SPIEGEL
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Comic "Blankets" Eine Liebe unter Schnee

Der Amerikaner Craig Thompson erzählt in seinem fulminantem Comic vom Erwachsenwerden und der ersten Liebe - und demonstriert eindrucksvoll die Stärken des Genres.
Von Jörg Böckem
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?
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Comic "Blankets": Eine Liebeserklärung

Foto: Craig Thompson/Carlsen Verlag

Das Wichtigste zuerst - "Blankets" ist ein Comic. Auch wenn der Carlsen Verlag, der das 2004 erstmals auf Deutsch erschienene Werk in einer bibliophilen Luxusausgabe wiederaufgelegt hat, scheinbar verschämt davon ablenken möchte und, wie auch im US-amerikanischen Original, "illustrierter Roman" auf das Cover druckt - was immer das bedeuten soll. Ein Versuch, Qualität zu behaupten und sich an das Feuilleton anzubiedern? Auf jeden Fall unsouverän und ärgerlich. Wird dem Medium Comic selbst von den Machern keine Tiefe, kein Anspruch und keine Relevanz zugetraut? Zumindest wirkt es so.

"Blankets", das autobiografisch geprägte Mammutwerk des Amerikaners Craig Thompson, ist ein herausragender Comic, der zu Recht mit zahlreichen Preisen prämiert wurde. Auch und gerade, weil der Autor und Zeichner eben nicht einen Roman illustriert hat, sondern die Möglichkeiten des Genres, das Erzählen in Bildern, die Verschachtelung von Bild und Wort, virtuos zu nutzen weiß. Ganze Seiten, oft sind es die stimmungsvollsten, kommt Thompson gänzlich ohne Worte aus, seine Zeichnungen bilden den inneren Aufruhr der Hauptfigur eindringlich ab.

Kindheit unter einer Schneedecke

Thompsons gleichnamiges Alter Ego wächst im amerikanischen Bundesstaat Wisconsin auf, eine Kindheit unter einer Schneedecke, in einem ärmlichen, stockkonservativen, erzreligiösen, lust- und sinnesfeindlichen Umfeld. Craig und sein Bruder Phil werden von den Klassenkameraden schikaniert, vom Vater mit harter Hand diszipliniert und vom Babysitter missbraucht. Die beiden Brüder entdecken das Zeichnen, auf dem Papier träumen sie sich in ein anderes, besseres Leben: "Die einzigen wachen Momente meiner Kindheit, in denen ich das Gefühl hatte, das Leben sei heilig und lebenswert", schreibt Thompson. Als Jugendlicher sucht er Zuflucht in der Religion der Eltern, die Hoffnung auf das Jenseits macht das Diesseits erträglicher, zumindest anfangs. Als Craig Raina kennenlernt, ändert sich alles.

"Blankets" erzählt vom Erwachsenwerden, von der Suche nach Identität, von Ablösung, Schuld und Scham; es ist Sittengemälde, Religions- und Gesellschaftskritik. Vor allem aber erzählt "Blankets" in wunderbar poetischer Weise vom Zauber der ersten Liebe, davon, wie sich "Geschmack und Gewicht der Luft in der Gegenwart des anderen verändern". Erzählt in grandiosen, anrührenden Bildern von Verlust und Verzweiflung, davon, wie die Welt ohne den geliebten Menschen Inhalt, Form und Kontur verliert.

"Wie befriedigend es ist, auf einer weißen Fläche Spuren zu hinterlassen", heißt es am Ende, als Craig durch den Schnee stapft. "Eine Karte meiner Bewegungen anzufertigen, und sei sie noch so vergänglich." "Blankets" kann nicht zuletzt auch als eine Liebeserklärung an das Genre Comic gelesen werden.


Comic Craig Thompson: "Blankets". Nähere Angaben siehe oben links.