Comic von Jonathan Lethem Als deine Eltern Roboter waren
Steve Gerber war böse, sehr böse. Als er hörte, dass der Schriftsteller Jonathan Lethem einen "Omega the Unknown"-Comic schreiben will, nannte ihn Gerber deswegen "einen Feind auf Lebenszeit". Seinen Fans riet der Comic-Autor: "Kauft das Buch, wenn es denn sein muss, aber sagt es mir nicht, okay? Wir könnten sonst nur sehr schwer Freunde bleiben."
Gerber hatte die Figur des ewig stummen Außerirdischen Omega, der auf der für ihn absolut fremdartigen Erde strandet, 1976 für Marvel Comics erfunden. Omega sei, so schrieb Gerber in seinem Blog, "eine von zwei Figuren aus meiner Marvel-Zeit, auf die es mir wirklich ankommt". Und weil ihn, als Vater der Figur, niemand gefragt hatte, geriet er in Rage.
Dabei hatte Lethem sich nur einen Kindheitstraum erfüllt. Bereits in seinem halbautobiografischen Schlüsselroman "Die Festung der Einsamkeit" spielen Comics - neben der Musik - die wichtigste Rolle im Heranwachsen der Hauptfigur.
Im sechsten Kapitel des Bestsellers kauft sich Lethems jugendliches Alter Ego Dylan Mitte der siebziger Jahre gleich drei Exemplare der ersten Nummer von "Omega the Unknown" - und ist nach der Lektüre nicht befriedigt, anders als nach sonstigen Superhelden-Kloppereien.
Denn in der Omega-Serie geht es gar nicht um einen Superhelden, sondern um den zwölfjährigen Knaben James-Michael, der, ebenso wie Dylan und Lethem selbst, in einem der übleren Viertel New Yorks aufwächst und die Abenteuer des mysteriösen Superhelden Omega nur erträumt. Weite Teile der Serie drehen sich dagegen um die realen Konfrontationen des Comic-Teens mit Rassismus und schulischem Mobbing im New York der Siebziger.
Weil "Omega the Unknown" seinen Lesern damit jene Realitätsflucht verweigerte, die Marvel ansonsten mit Heften wie "Spider-Man" oder "Der unglaubliche Hulk" ermöglichte, war nicht nur Dylan unzufrieden. Der Titel floppte und wurde nach zehn Ausgaben eingestellt. Bis auf zwei Gastauftritte in anderen Serien verschwand Omega und tauchte nie wieder auf.
"Reine und abartige Verehrung"
Den jugendlichen Lethem aber beeindruckte jene Geschichte mit Schulschlägereien und Robot-Eltern zwischen Traum und Wirklichkeit. Tatsächlich könnte Gerbers niemals redender Omega auch eine Lethem-Figur sein. In einem Interview erklärte der Schriftsteller einmal: "Meine Bücher drehen sich alle um etwas Großes, das fehlt - Sprache, die verschwunden ist, jemand, der verschwunden ist, oder fehlende Erinnerung."
Und so hätte ihn "reine und abartige Verehrung" angetrieben, sich "Omega the Unknown" auszuwählen, als Marvel ihn vor einigen Jahren einlud, einen Comic zu schreiben.
Die Verehrung geht tief. In weiten Teilen ist Lethams neuer Comic ein Remake des alten, nur mit geänderten Namen. Wie in der Original-Geschichte erfährt die Hauptfigur, hier ein Jugendlicher namens Titus Alexander Island, durch einen Verkehrsunfall, dass seine Eltern Roboter sind. Danach muss er als Quasi-Waise sein behütetes Landleben aufgeben. Sozial eher unfähig, muss sich der hochgebildete Teenager an einer dominikanisch dominierten Schule in Manhattans Viertel Inwood durchschlagen.
Es fällt kaum auf, dass dies nicht Lethems, sondern Gerbers Ideen sind. Mit seinen Momenten der Einsamkeit inmitten voller Klassenzimmer, der Freundschaft der Hauptfigur zur einzigen Schwarzen in der Klasse und der Schilderung des oft idyllischen, aber auch von Rassenkonflikten bestimmten Alltags wirkt Lethams Arbeit wie eine logische Fortführung der Themen aus seinem Bestsellerroman.
Nanobots in Hamburgern
Und dann wären da ja auch noch die Superhelden. Von denen kann Dylan in "Festung der Einsamkeit" nur träumen. Er selbst wäre gern einer oder wünscht sich doch zumindest eine Welt, in der sie existieren. Der weltfremde Titus andererseits, von seinen Schulkameraden höhnisch "Alex in Wonderland" gerufen, bekommt die Helden gleich dutzendweise serviert. Omegas stumme Kämpfe finden immer wieder in Titus' direkter Nähe statt, und der obskure Mink, Manhattans eigener Superheld, macht sich gar an Titus' Ziehmutter Edie heran - natürlich nur, weil er um das Wohl des Jungen besorgt ist.
So wenig wie Titus versteht der Leser, weshalb Omega Roboter in Manhattan verprügelt, weshalb Minks abgetrennte Hand und Füße ein Eigenleben entwickeln, oder warum seine Eltern Maschinen waren.
Mit bizarren Ideen von Büchern, die sich buchstäblich durch die Brust ins Herz ihres Lesers fressen und von Nanobots in Hamburgern, die gegen eine Verwandlung zum Roboter immunisieren, schlägt Lethem einen Bogen zurück zu seinen frühen Science-Fiction-Romanen und zu Philip K. Dick, den er als Teenager ebenso verschlungen hat wie "Omega". All das liest sich zuweilen wie ein Appendix zur "Festung der Einsamkeit": So sähe die Welt aus, von der Dylan träumt.
Mit den handelsüblichen Marvel-Comics hat das nichts zu tun. Mit Ausnahme von Omega kommt keine der bekannten Figuren des Verlages darin vor. Die gering dosierte Action findet in vollkommener Stille statt, wird höchstens ironisch gebrochen durch Zuschauerkommentare - oder gar ganz ins Sarkastische überführt durch die Mediengeilheit Minks. Die Taten der Heldenfiguren sind entweder komplett unverständlich, wie in Omegas Fall, oder grenzen ans Armselige beim Neurotiker Mink.
Lethem greift damit Elemente der Superhelden-Dekonstruktion auf, wie sie insbesondere Frank Miller und Alan Moore in "Der dunkle Ritter kehrt zurück" und "Watchmen" betrieben haben. Vor allem aber verweist er auf Gerbers ursprüngliche "Omega"-Serie, die diese sehr sarkastische Sicht auf ein originär amerikanisches Genre um Jahre vorwegnahm.
Damit entsteht ein interessantes Tryptichon aus jenen zehn Comics der siebziger Jahre, die Lethems Roman inspirierten, der "Festung der Einsamkeit" selbst und Lethems Appendix in Form seiner eigenen Comicserie, die ebenfalls in exakt zehn Heften von Oktober 2007 bis Juli 2008 bei Marvel erschienen. Die Zeichnungen übernahm der in der Independent-Szene gefeierte Comic-Künstler Farel Dalrymple ("Pop Gun"). Bisher ist sowohl die Heftreihe als auch der soeben veröffentlichte Sammelband nur in den USA erhältlich.
Die Vervollständigung der neuen "Omega the Unknown"-Serie erlebte Steve Gerber nicht mehr. Er starb Anfang 2008. Zuvor konnte Jonathan Lethem sich jedoch mit dem zürnenden Omega-Urheber aussöhnen. Gerber hatte letztlich zugegeben, sich in Lethem getäuscht zu haben.
Jonathan Lethem, Karl Rusnak, Farel Dalrymple, Paul Hornschemeyer und Gary Panter: "Omega the Unknown", Marvel Comics, 240 S., 29,99 Dollar